Nikolaus Blome

CDU Das Kreuz mit der Kanzlerin

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Angela Merkel hat ihr letztes Jahr im Amt begonnen und zeigt jetzt auch noch Gefühl. Ihrer Partei wird angst und bange.
Angela Merkel in Brüssel, 1. Oktober 2020

Angela Merkel in Brüssel, 1. Oktober 2020

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Francisco Seco / EPA-EFE / Shutterstock

Zu den Pflichten der Konservativen zählt es, mit den politischen Paradoxien der Gegenwart gelassen umzugehen. Etwa mit der Frage, ob Donald Trump mein Mitgefühl verdient, wenn er an Corona erkrankt, wiewohl er sich so oft darüber lustig gemacht hat und selbst keinerlei Mitgefühl kennt, folglich auch keines hätte, würde sich Joe Biden infizieren oder Nancy Pelosi, die er noch heftiger hasst. Ich glaube dennoch, der erkrankte US-Präsident hat mein Mitgefühl verdient. Verbunden freilich mit dem Wunsch, ganz allein seine Corona-Politik seit Beginn der Krise möge die Wahl in Amerika entscheiden.

Auch die CDU hatte vergangene Woche mein Mitgefühl sicher, auch sie hat es mit einem Paradox zu tun: Die Partei erfreut sich stabil sehr guter Umfragezahlen, aber die Spitze wird zusehends nervöser. Ja, Angst macht sich dort breit, vergleichbar einem Wasserfleck auf dem Teppich: Immer, wenn man alle halbe Stunde wieder hinschaut, ist er still und leise ein ganzes Stück größer geworden.

Und nun zeigt Angela Merkel nach all den Jahren auch noch Gefühl, wenn sie im Bundestag eine Rede hält. Tatsächlich waren die letzten Minuten ihres Auftritts bei der Haushaltsdebatte am vergangenen Mittwoch hochemotional, wie Nico Fried in der "Süddeutschen" sehr schön beschrieben hat, und der schaut Merkel länger beim Regieren zu als ich. "Wir müssen reden", sagte also jene Kanzlerin, die es mit dem Reden und Erklären über Jahre nun wirklich nicht so hatte. Aber es ging um Corona und die drohende "Zweite Welle", die Merkel wirklich Angst macht und ihr offenbar die Zunge löst. Ältere Menschen dürften nie wieder "mutterseelenallein" in den Heimen sterben, weil ihnen ihre Liebsten nicht die Hand halten können, sagte sie. "Wir riskieren gerade alles, was wir erreicht haben", warnte sie. Und sie versprach den Menschen, dass unser "Leben, wie wir es kannten, zurückkehren wird". So etwas kann selbst die Kanzlerin nicht versprechen, weshalb Angela Merkel diese Kategorie von Aussagen immer gemieden hat. Nun nicht mehr, und sie setzte sogar noch einen drauf, den Satz nämlich: "Was für eine Freude das sein wird!" Das grenzte geradezu an Lyrik, spätes Neuland für Merkel.

Auf jeden Fall sprach da nicht die Kanzlerin, wie wir sie kannten. Es war stattdessen ihre erste Etappe auf der langen Reise durch die Dinge, die sie nach 15 Jahren im Amt in dieser Form ein letztes Mal tut. Eine Haushaltsrede wie letzten Mittwoch wird sie nicht mehr halten: Nächstes Jahr um diese Zeit darf ein anderer für die CDU in der Generalaussprache den großen Aufschlag üben, vermutlich ist dann auch schon gewählt worden.

Auch am nächsten 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wird Merkel nur mehr geschäftsführend im Amt sein. Hoffentlich macht sie sich dann so frei, endlich einmal zu erklären, worin sie ihren eigenen prägenden Beitrag zu 30 Jahren Deutsche Einheit sieht; die Hälfte dieser Jahre waren schließlich Merkel-Jahre. Mein Eindruck ist: Ganz oben auf ihrer Agenda stand die Einheit zu keinem Zeitpunkt - als sei immer etwas anderes dringend zu tun gewesen. Im Gegenteil, ab 2015 wurde sie sogar zur Zielscheibe jenes vulgär-ostdeutschen Frustes, den die große Mehrheit der Westdeutschen nicht verstehen kann, weil er objektiv nicht zu verstehen ist, und somit Deutschland nachhaltig spaltet.

In der CDU jedenfalls wissen sie nicht, was sie mehr ängstigt: die Zeit vor Merkels Abgang? Oder die Zeit nach Merkels Abgang?

Zwar durchläuft wohl jeder Bundeskanzler während der Amtszeit ein stetes Auf und Ab, doch zum Ende hin ging es eigentlich nie bergauf. Anders bei Merkel, weshalb Wolfgang Schäuble dazu rät, die Kür des CDU/CSU-Kanzlerkandidaten ins Frühjahr zu verschieben, damit der nicht vorher im luftarmen Schatten der Kanzlerin erstickt. Doch je länger die Kanzlerkandidaten-Frage offenbleibt, umso länger können die anderen Parteien ungestört um die Merkel-Wähler der CDU buhlen. Die SPD und Olaf Scholz schielen dabei auf die "Merkel-Sozis", wie sie das nennen. Die FDP hofft auf die jungen Mitte-Merkel-Wähler, weil sie von den über 65-Jährigen eh kaum eine Stimme kriegen. Und die Grünen setzen darauf, jene fünf Prozentpunkte von der CDU zurückzuholen, die Merkel und Corona ihnen (wie der AfD) abgenommen haben.

Was die Zeit nach Merkel angeht, räumen selbst oberste Parteiprofis ein, dass die CDU in der Breite noch gar nicht begriffen habe, dass die Kanzlerin 2021 nicht mehr antritt, folglich auch nicht auf Wahlplakaten zu sehen sein wird. Annegret Kramp-Karrenbauer warnt davor, Fraktionschef Brinkhaus und die Herren Spahn, Laschet, Söder, Merz oder Röttgen ebenso. Aber sie sehen sich außerstande, daran etwas zu ändern, solange die 38 Prozent in den Umfragen ihr trügerisches Wohlgefühl verbreiten. Es ist, als seien sie alle wach, aber schlafwandelten so lange schicksalsergeben durch die Zeit, bis die Wahlplakate tatsächlich hängen (ohne Merkel, versteht sich). Sie ahnen, was ihnen im Bundestagswahlkampf und danach bevorsteht, und es ist bezeichnenderweise ein dunkel grollender Satz der Kanzlerin selbst, der ihre vertrackte Lage am klarsten beschreibt. Er lautet, in Merkels eigenen Worten: "Es gibt einen großen Unterschied zwischen Erwarten und Erleben."

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