Jakob Augstein

Unverständliche Politiker Mag Merkel auch Covfefe?

Während Donald Trump für seinen "Covfefe"-Tweet verlacht wird, erfährt Angela Merkel für ihre Abkehr von den USA große Anerkennung. Dabei ist die Rhetorik der Kanzlerin nicht minder kryptisch.
Kanzlerin Merkel (bei ihrem Auftritt in einem Münchner Bierzelt): Je mächtiger, desto rätselhafter

Kanzlerin Merkel (bei ihrem Auftritt in einem Münchner Bierzelt): Je mächtiger, desto rätselhafter

Foto: Matthias Balk/ dpa

Trump twittert, Merkel redet - zu verstehen sind beide nicht. Was dem einen sein nächtliches Gestammel, ist der anderen eine neblige Bierzeltrede. Ausgerechnet zu Pfingsten geben die "Führer der freien Welt" ihren Untertanen Rätsel auf. Trump sollte man das verzeihen.

Merkel nicht.

"Trotz der ständigen negativen Presse covfefe". Das hat Donald Trump getwittert. Und niemand weiß, was es bedeuten soll. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei." Das hat Angela Merkel gesagt. Und da weiß auch niemand, was es heißt. Die beiden "Führer der freien Welt" - Schockschwerenot, unsere Kanzlerin ist eine davon - reden zu ihren Untertanen, aber wir verstehen sie nicht. Über Trump macht man sich lustig - Merkel rechnet man es als Führungsstärke an.

Bald ist Pfingsten. In der Bibel steht, was zu Pfingsten geschah: Es erschienen nämlich vor den Jüngern plötzlich Zungen wie von Feuer, und auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder: "Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." Darum ist Pfingsten das Fest der Verständigung: die frohe Botschaft wird in allen Sprachen der Welt verbreitet. Aber ausgerechnet zu Pfingsten schaffen es die beiden mächtigsten Politiker des Westens nicht mal, in ihrer Muttersprache zu sagen, was sie wollen.

"Covfefe" - die ganze Welt rätselt über die Bedeutung dieses Wortes.

Waren Trumps Finger zu dick zum Tippen? War der Präsident betrunken? Hat "Covfefe" eine geheimnisvolle Bedeutung wie "Rosebud" - jenes geheimnisvolle letzte Wort von Orsons Wells' "Citizen Kane"? Das nächtliche Twittergestammel aus dem Weißen Haus belustigt die Menschen.

Die Entscheidung dagegen, den künftigen Kurs in der Klimapolitik so lange offen zu lassen, empörte sie.

Das ist interessant. Denn sowohl was Zögerlichkeit angeht als auch was die unklare Sprache betrifft, kann beispielsweise die deutsche Kanzlerin locker mithalten - und um die beneidet uns ja alle Welt.

Unvergessen ist Merkels Auftritt in der Sendung von Anne Will im Herbst 2015: "Deutschland ist ein starkes Land, Deutschland ist ein tolles Land. Ich mag mein Land, aber nicht nur ich mag mein Land, sondern Millionen von anderen mögen dieses Land. Dann ist doch die Aufgabe einfach, dass man so herangeht, dass man das schafft, und dann kann man das auch schaffen. Und ich hab' überhaupt keinen Zweifel. Und stellen Sie sich mal vor, wir würden jetzt alle miteinander erklären, wir schaffen's nicht. Und dann? Das geht doch nicht."

Das hätte Trump nicht anders gesagt.

Je mächtiger, desto rätselhafter

Unklarheit ist in der Politik kein Zeichen von Schwäche, sondern von Macht. Der Mächtige kann es sich leisten, sein Publikum warten und rätseln zu lassen. Je mächtiger, desto rätselhafter. Wer wirklich mächtig ist, der redet geradezu apokryph. Merkels berühmtes "Sie kennen mich" klang schon beinahe wie das berühmte "Ich bin, der ich sein werde" aus dem alten Testament. Die Auslegung bleibt dann Sache der Exegeten.

Aber was in der Religion ein gangbarer Weg zur Wahrheit sein mag, ist einer Demokratie auf jeden Fall unwürdig.

Seit einigen Tagen beugen sich die Hohepriester und Schriftgelehrten über einen neuen Satz der deutschen Kanzlerin: die "Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten" seien "ein Stück vorbei". Das hat in seiner ganzen Nebligkeit das Zeug zum Klassiker. Was sollen wir Zeitgenossen mit diesem Satz anfangen? Läutet die Kanzlerin ein neues Kapitel im Verhältnis zu den USA ein? Oder glaubt Merkel, nach Trump werde alles wieder besser? Ist Deutschland nun bereit, zugunsten der europäischen Einigung von der nationalen Rechthaberei abzurücken? Oder war der Satz nur dem Wahlkampf geschuldet?

Es ist ja nicht so, dass da nicht einiges auf dem Spiel stünde. Aber - statt Klarheit gibt es Rätselraten. Und die Journalisten spielen mit.

In der "Süddeutschen Zeitung" schreibt Stefan Kornelius voller Ehrfurcht: "Während Trump durch sein inflationäres Gebrabbel das Wort entwertet, verhält es sich bei Merkel gerade umgekehrt: Mit jedem weiteren Tag im Amt geht es ihr wie einem Notenbankchef, bei dem schon ein Huster an der falschen Redestelle ausreicht, um einen Wechselkursrutsch auszulösen. Merkel weiß, was ihre Worte bewegen können, und deswegen geht sie sorgsam mit ihnen um."

Und in der "Zeit" ergeht sich der bekennende Katholik - und vielleicht darum der theologischen Exegetik kundige - Bernd Ulrich in elf Fragen einer ausführlichen Auslegung der dunklen Kanzlerinnenworte.

Das liest sich alles sehr spannend. Aber gehört es zu den Aufgaben des Journalismus, mit der Auslegung dunkler Merkel-Worte das Geschäft der Politikvermittlung zu besorgen?

Wenn die Kanzlerin uns etwas sagen will, dann sollte sie es sagen. Das wäre, nicht nur zu Pfingsten, der demokratische Weg.