Merkels weinende Schülerin Özoguz macht Flüchtlingsmädchen Hoffnung

"Oft konnten wir eine Lösung finden": Die Flüchtlingsbeauftragte Aydan Özoguz glaubt nicht, dass der weinenden Libanesin aus Merkels Bürgerdialog die Abschiebung droht. Niemand wolle gut integrierte Menschen wegschicken.
Flüchtlingsbeauftragte Özoguz: "Niemand hat ein Interesse daran, lange bei uns lebende Menschen wegzuschicken"

Flüchtlingsbeauftragte Özoguz: "Niemand hat ein Interesse daran, lange bei uns lebende Menschen wegzuschicken"

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Die Reaktion der Kanzlerin auf ein weinendes Flüchtlingsmädchen hat für Aufsehen und kontroverse Diskussionen gesorgt. Jetzt schaltet sich die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), ein. "Jeder Einzelfall ist anders und muss geprüft werden, aber oft genug konnten wir eine Lösung finden", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Özoguz sprach sich dafür aus, dass man der Sechstklässlerin und ähnlichen Betroffenen Aussicht auf einen Verbleib in Deutschland geben müsse. "Ich kenne natürlich nicht die persönlichen Umstände des Mädchens, aber sie spricht perfekt Deutsch und lebt offenbar schon länger hier", sagte die Staatsministerin im Kanzleramt. "Genau für diese Lebenslagen haben wir gerade das Gesetz geändert, damit hier integrierte Jugendliche eine Perspektive bei uns bekommen."

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration warb für eine offene Zuwanderungskultur. "Niemand in Deutschland hat ein Interesse daran, lange bei uns lebende Menschen noch wegzuschicken. Genau daran arbeiten wir doch gerade so hart, damit junge und gut integrierte Menschen eine echte Chance bekommen", sagte Özoguz.

Indirekt nahm die SPD-Politikerin die Kanzlerin gegen Kritik in Schutz. "Ich habe solche Situationen auch schon oft erlebt, in denen ich auf öffentlichen Terminen mit dramatischen persönlichen Schicksalen konfrontiert wurde."

"Du hast das doch prima gemacht"

Die palästinensische Schülerin aus dem Libanon hatte am Mittwochabend bei einem Gespräch Merkels mit Jugendlichen in Rostock zu weinen begonnen, als sie von ihrer Sorge erzählte, abgeschoben zu werden. Ein von der Bundesregierung veröffentlichtes Video zeigt, wie die Kanzlerin sie zu trösten versucht.

Die Kanzlerin diskutierte in einem Rostocker Schulzentrum mit 29 Jugendlichen über verschiedene Themen wie Klimaschutz, Gleichberechtigung und eben auch die Flüchtlingspolitik. Mehrere Minuten unterhielt sich Merkel dabei mit der jungen Reem, die seit vier Jahren in Deutschland lebt.

Dabei schilderte das junge Mädchen auch ihre Furcht vor einer Abschiebung: Ihr Familie habe "eine schwere Zeit gehabt, weil wir kurz davor waren, abgeschoben zu werden." Sie wisse nicht, wie ihre Zukunft aussehe. Sie wolle studieren.

Merkel blieb sachlich und verwies vor allem darauf, dass die Asylverfahren bis zu einer Entscheidung schneller werden müssten. Als das Gespräch sich schon dem Ende zuneigte, begann die junge Reem schließlich zu weinen. Merkel stockte kurz und ging dann auf das Mädchen zu, streichelte ihr den Kopf und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

"Du hast das doch prima gemacht", sagte die Kanzlerin zunächst. Der Moderator der Veranstaltung wandte in dem Moment ein, er glaube nicht, "dass es da ums Primamachen geht, sondern dass es natürlich eine sehr belastende Situation ist", Merkel wiederum entgegnete daraufhin: "Das weiß ich, dass das eine belastende Situation ist. Deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln."

Dieser Satz und die Reaktion Merkels sorgten gerade in den sozialen Netzwerken für erregte Debatten. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt kommentierten zahlreiche Menschen das Verhalten der Kanzlerin. Als gefühllos wird ihr Umgang mit dem Mädchen da etwa kritisiert. Andere verteidigen Merkel aber auch.

SPIEGEL ONLINE
amz/AFP
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