Merkel und Dreyer im Krisengebiet »Hier in der Eifel hält man Wort«

Die Bundeskanzlerin macht im rheinland-pfälzischen Ahrtal deutlich: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Flut und dem Klimawandel. Was halten die Menschen vor Ort von den Politikerbesuchen?
Von Matthias Bartsch und Jan Friedmann, Adenau und Schuld
Angela Merkel, Malu Dreyer: Die CDU-Kanzlerin stützt die SPD-Ministerpräsidentin (die an Multipler Sklerose leidet)

Angela Merkel, Malu Dreyer: Die CDU-Kanzlerin stützt die SPD-Ministerpräsidentin (die an Multipler Sklerose leidet)

Foto: CHRISTOF STACHE / AFP

René Haas hilft seiner Cousine, den Schlamm aus dem Fachwerkhaus zu schippen. Es ist zumindest teilweise zerstört, so wie große Teile des Ortskerns von Schuld an der Ahr. »Frau Merkel, Sie sind die Einzige, die jetzt helfen kann«, will Haas der Bundeskanzlerin zugerufen haben, als sie mit ihrem Begleittross am Fachwerkhaus vorbeikam.

Sie habe zugesichert, dass Hilfe kommen werde, so erzählt Haas hinterher. Er möchte gern daran glauben. »Hier in der Eifel hält man Wort«, sagt der Mann. »Ich hoffe, dass das in der Politik auch so ist.«

Die Kanzlerin besucht das Flutgebiet an der Ahr in Rheinland-Pfalz. Ausgewählt hat sie den Ort, an dem man schon eine gewisse Routine mit Politikerbesuchen entwickelt hat. In Schuld schwammen mehrere Häuser weg, jetzt ist der Ort im Vergleich zu anderen Ahr-Gemeinden relativ gut aufgeräumt. Das heißt aber noch immer Trümmerlandschaft.

Politikerinnenbesuch in Schuld, Rheinland-Pfalz: Es wird demonstrativ weitergearbeitet

Politikerinnenbesuch in Schuld, Rheinland-Pfalz: Es wird demonstrativ weitergearbeitet

Foto: CHRISTOF STACHE / AFP

Merkels Besuch beschränkt sich auf einen Gang durch den zerstörten Ortskern. Nur einige Kamerateams sind zur Begleitung zugelassen, das Gros der Berichterstatter verfolgt den Rundgang auf dem Bildschirm, der SWR überträgt live.

Die Übertragung hat etwas von einer Tour-de-France-Etappe, außer dass das Ziel tief im Tal liegt und nicht auf dem Berg. Die schwankende Kamera zoomt immer wieder auf die Gruppe um Merkel, die unter anderem von Rheinland-Pfalz' Ministerpräsidentin Malu Dreyer und von Innenminister Roger Lewentz begleitet wird. Alle in der Mittagssonne, dazu die begleitenden Motorengeräusche der Räummaschinen.

»Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung«

Es wird demonstrativ weitergearbeitet während des hohen Besuchs, so will es das Protokoll. Politikerbesuche im Krisengebiet sind heikel, siehe Armin Laschet.

Doch der halbstündige Rundgang ist keine reine Showveranstaltung. Dafür sorgen die Worte des Mitgefühls und der Analyse, die Merkel und Dreyer bei der anschließenden ausführlichen Pressekonferenz finden. Sie findet vor dem Rathaus im Nachbarort Adenau statt, Merkel und Dreyer sitzen mit Abstand voneinander an zwei Tischen im Freien.

Der Ortsbesuch sei sehr wichtig gewesen, sagt Merkel. Sie habe die Bilder gesehen, aber der Eindruck vor Ort sei noch einmal ein stärkerer, surreal und fast gespenstisch, so schildert es die Kanzlerin. »Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet ist.« Merkel würdigt den »unfassbaren Schmerz«, der über die Menschen an der Ahr gekommen sei.

Sie verspricht den Opfern des Hochwassers Hilfe. »Wir stehen an Ihrer Seite«, so die Bundeskanzlerin. Deutschland sei ein starkes Land. »Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen – kurzfristig, eben auch mittel- und langfristig durch eine Politik, die die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir das in den letzten Jahren gemacht haben«, so Merkel.

Das Kabinett wolle noch in dieser Woche Fluthilfen verabschieden, so die Bundeskanzlerin. Doch sie spricht auch über globale Ursachen solcher Katastrophen. Es sei klar, so Merkel, dass, »wenn man der Wissenschaft glaubt, und das tue ich bekanntermaßen, das etwas mit dem Klimawandel zu tun hat«. Es gebe Erklärungen dafür, wie es zu solchen stehenden Regenfällen komme. »Das bedeutet, dass wir uns noch mehr vornehmen müssen.«

Dreyer weist auf die nie dagewesene Aufgabe hin. »Wir werden lange, lange damit zu tun haben, um diese Region wieder in einen Zustand zu bringen, dass die Leute sagen, ich erkenne meine Heimat wieder«, so die Ministerpräsidentin. »Denn die Heimat ist im Moment kaum noch zu erkennen.«

Innerhalb von Minuten alles verloren

Dem Bürgermeister von Schuld, Helmut Lussi, bricht mehrmals die Stimme, als er die dramatische Nacht vergangene Woche und ihre Folgen schildert. »Es ist hier noch nie in dieser schier unfassbaren Konzentration auf uns zugeflossen, das Wasser.« Statt bei 3 Meter 60 wie beim letzten Hochwasser habe der Höchststand an einer Messstelle bei 8 Meter 87 gelegen. »Die Leute haben innerhalb von Minuten ihr Hab und Gut verloren.« Erste Schadensschätzungen liegen allein für Schuld zwischen 31 und 48 Millionen Euro.

Schulds Bürgermeister Helmut Lussi: Ihm bricht mehrmals die Stimme

Schulds Bürgermeister Helmut Lussi: Ihm bricht mehrmals die Stimme

Foto: WOLFGANG RATTAY / REUTERS

Solche Zahlen beziehen sich indes nur auf eine einzige kleine Gemeinde, Schuld, das so häufig in den Nachrichten zu sehen war. Verheert ist jedoch das ganze Tal, die Aufbaukosten dürften in die Milliarden gehen. Der Schutt türmt sich in den Orten, viele Brücken sind durchbrochen, Wasser-, Gas- und Stromleitungen abgerissen. Merkel verspricht, im August wiederzukommen.

Bis dahin ist es für die Menschen an der Ahr indes noch eine lange Zeit, sie denken gerade von Tag zu Tag. Zwei Stunden nachdem die Kanzlerin den Ort verlassen hat, steht Anna Bläser vor dem Einsatzwagen der örtlichen Feuerwehr. Dort haben sich Merkel und Dreyer von den Helfern die Lage schildern lassen, Bläser denkt nicht groß über deren Besuch nach.

Sie braucht Hilfe und schweres Gerät. Die 61-Jährige ist Eigentümerin des Campingplatzes ein wenig flussaufwärts von Schuld. Dort standen Wohnwagen, die dann am Abend in der Ahr davonschwammen, außerdem kleine Ferienhäuschen zum Vermieten. Die sind jetzt irgendwo flussabwärts, dafür liegt anderer Schrott auf ihrem Gelände.

Bläser setzt sich auf einen der beigen Stühle, die Merkel und Dreyer zuvor besetzt hatten. Ob die Politik helfen könne? »Alleine schaffen wir es nicht.« Merkels Versprechen für August hat sich Bläser gemerkt. Und weiter: »Sie steht ja nicht mehr zur Wahl, also meint sie es wahrscheinlich wirklich ernst.«

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