Spekulation um Söder als Merkel-Nachfolger Jetzt ist Schloss

War das der Besuch beim Thronfolger? CSU-Chef Markus Söder bereitet der Kanzlerin einen hochherrschaftlichen Empfang in Bayern. Und Angela Merkel sagt ein paar schöne Merkelsätze.
Von Jan Friedmann, Insel Herrenchiemsee
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Peter Kneffel/ DPA

Markus Söder hat der Kanzlerin ein Dreier-Set Masken mitgebracht. Eine europäische, eine deutsche und natürlich die Bayern-Maske, mit weiß-blauen Rauten. "Für mich ist die Bayern-Maske entscheidend", scherzt Söder, bevor die Limousinenkolonne mit dem Berliner Kennzeichen auf die Zufahrt zum Bootssteg einbiegt.

War sie das schon, die entscheidende Äußerung des Tages zur Frage, wer der nächste Kanzlerkandidat der Unionsparteien wird?

Der Kampf um die Kanzlerkandidatur ist auch ein Kampf in Andeutungen. Jedes Wort wird gewendet und gewogen, jedes Detail zählt.

Dass Bayerns Ministerpräsident an diesem Dienstag Angela Merkel zu einer Sitzung des bayerischen Kabinetts in der Kulisse des Schlosses Herrenchiemsee empfängt - einem ausgesuchten Ort, der mit dem sogenannten Märchenkönig Ludwig II. und dem Verfassungskonvent nach dem Krieg für Monarchie und Demokratie gleichermaßen steht - das ist dann schon mehr als ein Detail.

DER SPIEGEL

Es ist ein politisches Ausrufezeichen.

Söder zeigt als Bayernfürst, was er zu bieten hat. Verfängt das bei der Kanzlerin und vor allem: Verfängt das bei den Betrachtern? Oder ist all das dann doch ein bisschen zu dick aufgetragen?

Weiter in der Inszenierung: Merkel und Söder setzen mit der MS "Ludwig Fessler" auf die Insel mit dem Schloss über, Baujahr 1926, Tiefgang 1,20 Meter, geschmückt mit einer Kette aus Wimpeln Europas, Deutschlands und Bayerns, passend zum Masken-Set. Das Politikerpaar nimmt am Heck Platz, er rechts, sie links, er im blauen Anzug, sie im türkisfarbenen Blazer, er trinkt Cola Light, sie Wasser. Im Hintergrund leuchtet die Alpenkette.

Hier ist nichts dem Zufall überlassen, die bayerische Staatskanzlei erinnerte im Vorfeld die Journalisten sogar daran, im Insektensommer 2020 das Mückenspray nicht zu vergessen.

Demonstranten sind auch da. Wohlgemerkt Demonstranten für Söder. Am Bootssteg hält ein älterer Herr hinterm Absperrband ein Plakat hoch: "Markus Söder Kanzlerkandidat? Ja." Sogar "Angie"-Rufe sind vernehmbar. Lange nicht mehr gehört.

Laut Protokoll besucht die Kanzlerin lediglich das bayerische Kabinett. Es geht in der Sitzung des Ministerrats um die Agenda für die laufende EU-Ratspräsidentschaft der Deutschen.

Ein solches Besuchsformat für Bundespolitiker hat Söder während der Coronakrise schon mehrfach ausprobiert, Jens Spahn war zu Besuch in München, Olaf Scholz auch . Nun die Kanzlerin in Schloss Herrenchiemsee, mehr Bayern-Boosting geht eigentlich nicht.

Söder wärmt sich derzeit an den Umfragewerten für sich und seine Partei. Zwei Drittel der Deutschen trauen Söder die Kanzlerschaft zu . Die Kandidaten für den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, Armin Laschet und Norbert Röttgen, rangieren hinter dem Franken derzeit weit abgeschlagen.

Söder kommt dieser Zwischenstand zupass. Er kann abwarten, sein politisches Gewicht steigt erst einmal, egal wie die Kandidatenfrage später ausgeht. Er winkt kurz in Richtung der Gruppe mit dem Kandidatenschild. Und natürlich: "Es ist ja nett, aber es geht nicht darum." Sein Platz sei in Bayern, die hundertfach wiederholte Formel.

Dann geht er hinüber zu seinen Fans. "Herr Dr. Söder, Sie waren sehr beeindruckend", sagt der alte Herr zu Söders Corona-Politik. "Vielen Dank, aber halten Sie bitte Abstand", antwortet Söder. Volle Kontrolle der Inszenierung.

Trotz der Coronakrise ist der Kabinettsbesuch vor allem ein Wohlfühltermin. Söder ist gelernter Fernsehredakteur, das Treffen produziert zuverlässig schöne Bilder und Zitate.

Da ist die gemeinsame Kutschfahrt bis zu den Wasserspeiern im Park der Schlossanlage. Oder das Gruppenfoto mit den Ministern auf der Freitreppe. Getagt wird in der historischen Spiegelgalerie des Schlosses. Es sieht aus wie der Spiegelsaal von Versailles. Ist aber noch ein bisschen länger. Natürlich.

Politische Botschaften? Söder sagt, der Termin sei "Signal eines neuen Miteinanders". Seine CSU trage nun Positionen mit, die man vor zehn Jahren noch abgelehnt hatte. "Es ändern sich die Zeiten", sagt Söder. Will heißen: Mit dem Schwesternstreit der Unionsparteien, von ihm selbst einst mitbefeuert, ist es vorbei.

Und was ist mit der Kanzlerkandidatur?

Söder, so wirkt es, wandelt sich vom CSU-Politiker zum Unionspolitiker. Das kann nicht schaden. Bei der abschließenden Pressekonferenz spricht er von einem "Zeichen des Wiederzusammenfindens" nach einigen schwierigen Jahren.

In Sachen Corona betont Söder die "gemeinsame Grundüberzeugung von Umsicht und Vorsicht". Es geht um verschärfte Maßnahmen bei lokalen Corona-Ausbrüchen und den europäischen Wiederaufbaufonds. "Corona ist nicht vorbei", sagt Merkel. "Das sehen wir jeden Tag."

Und was ist mit der Kanzlerkandidatur? Merkel beantwortet zunächst ausführlich eine Frage zur digitalen Infrastruktur in Europa. Söder nimmt an seinem Stehpult mit den Segelbooten im Hintergrund erst noch einen Schluck von seiner Cola Light.

Dann sagt Merkel diesen schönen Merkelsatz:

"Sie wissen, dass ich als Bundeskanzlerin ja sozusagen nicht mehr zur nächsten Wahl antrete. Mit dieser Aussage verbunden ist, dass ich mir in der Frage 'Wer wird mein Nachfolger?' eine besondere Zurückhaltung auferlege. Deshalb werde ich dazu in keiner Weise etwas kommentieren. Ich kann nur sagen, Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten, und der hat mich heute eingeladen."

Nun muss natürlich auch die Kanzlerin wissen, welche Botschaften mit jenen Bildern transportiert werden, an deren Erstellung sie an diesem Dienstag mitgewirkt hat. Ob sie demnächst dann auch eine Bootsfahrt in Nordrhein-Westfalen unternimmt, fragt ein Journalist mit Blick auf den CDU-Vorsitz-Kandidat Armin Laschet.

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Wenn sie von anderen Landeskabinetten eingeladen werde, besuche sie die auch gern, sagt Merkel. Schöne Grüße nach NRW.

Rivale Laschet übrigens verbringt seinen Dienstag in Paris, bei den Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag. Es wird später auch Fotografien mit Staatspräsident Emmanuel Macron geben.

Gegen Söders Bilder von Herrenchiemsee wirkt das allerdings recht trist.

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