Merkel und Schulz Außenseiter Spitzenreiter

Erstmals trifft die Kanzlerin auf einen SPD-Herausforderer, der ihr gewachsen scheint. Angela Merkel und Martin Schulz sind grundverschieden - und haben doch eine große Gemeinsamkeit.

Kanzlerin Merkel, Kandidat Schulz
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Kanzlerin Merkel, Kandidat Schulz

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Können zwei Politiker unterschiedlicher sein als diese beiden? Unterschiedlicher als Angela Merkel und Martin Schulz?

O-Ton Schulz: "Ich bin sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat." Das als Antwort auf die Frage in der ARD-Sendung "Anne Will", warum nun er und nicht Noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat antritt.

Der bessere Kandidat. Zack.

Dagegen die Kanzlerin, am gleichen Ort, ein paar Wochen zuvor: Nun, sie habe sich die Sache mit der vierten Kandidatur nicht leicht gemacht. Immer wieder habe sie hin und her denken müssen. Nach reiflicher Überlegung sei die Abwägung eben so gewesen, dass sie antrete.

Hin und her. Puh.

Der "Stern" schreibt: "Ost gegen West. Kopf gegen Bauch. Erfahrung gegen Ehrgeiz."

Schulz sagt: "Das taktierende Auf-Sicht-Fahren und Herumlavieren ist einfach zu wenig." Er meint natürlich Merkel.

"Schulz hat, was Merkel fehlt", kommentiert die "Süddeutsche Zeitung".

Alles richtig. Und doch: Das Duell Merkel gegen Schulz handelt nicht allein von diesen Gegensätzen. Die kommenden Monate bis zur Bundestagswahl werden offenlegen, dass diese beiden Politiker bei allem Trennenden etwas ganz Entscheidendes verbindet. Ein Merkmal, ohne das beider Ehrgeiz gar nicht denkbar wäre. Es ist ein Ehrgeiz, ohne den man nicht Kanzler werden oder nicht Kanzlerin bleiben kann.

Diese Gemeinsamkeit macht den Zweikampf unentschiedener, vielleicht härter, auf jeden Fall: spannender.

Es ist die Außenseiterrolle, die beiden gemeinsam ist.

Besser nicht unterschätzen

Schulz war nie wirklich Teil des Berliner Betriebs, hat nie ein Regierungsamt inne gehabt oder im Bundestag gesessen, spricht die Sprache der "Leute da draußen". Mehr als zwei Jahrzehnte Brüssel scheinen ihm in dieser Hinsicht nichts angehabt zu haben.

Und Angela Merkel? 17 Jahre an der CDU-Spitze, bald zwölf Jahre Kanzlerschaft. Ja, wenn das nicht als etabliert zu bezeichnen ist, als was denn dann? Außenseiterin? Also bitte.

Und sie ist es eben doch: Merkel gelangte in all ihre Ämter aus der Außenseiterrolle heraus. Wer bitteschön hätte das der Frau aus dem Osten nach der Wende zugetraut? Schon in der DDR segelte die Pfarrerstochter aus der Uckermark in ihrem kirchlichen Umfeld ja nicht gerade im Mainstream. Später erarbeitete sich die Unscheinbare mit Ehrgeiz nicht nur die Kanzlerkandidatur, sondern sie übernahm auch eine ihr in den politischen Riten fremde Partei. Schulz dagegen ist da sogar weniger Außenseiter, hatte er doch in der SPD schon immer eine Heimat.

Im Video: Kanzlerkandidat Schulz an der SPD-Basis

Stark sind Außenseiter, weil sie die Fähigkeit haben, Schwächen von Systemen aus ihrer Perspektive weit besser und früher zu erkennen. Man sollte diese Fähigkeit weder bei Merkel noch bei Schulz unterschätzen.

Dass Martin Schulz in diesem Jahr als Kanzlerkandidat der SPD antreten und den Parteivorsitz übernehmen wird, das ist eine echte Überraschung.

Dass Angela Merkel Kanzlerin dieses Landes werden konnte, das ist ein wundersamer Aufstieg.

Apropos Aufstieg: Es gibt ja ein paar Dünkelbürger vom Sonnendeck, die über die Schulbildung des Kandidaten Schulz - er wäre der erste Kanzler ohne Abitur - zu spötteln pflegen. Das erinnert an jene Unionsmänner, die von Merkel einst als "Ostwachtel" sprachen. Merkel zu unterschätzen, das sollte sich als schwerwiegender Fehler erwiesen haben. Gleiches gilt heute für Schulz.

Emotionen sind Trumpf

Die Härte, den Ehrgeiz, auch die Selbstüberwindung, die es braucht, um als Außenseiter aufzusteigen - die haben sich beide Kandidaten mühsam angeeignet. Dieser gemeinsame biografische Hintergrund macht sie zu gefährlichen Gegnern füreinander. Diese Außenseiterhärte hatte übrigens auch Gerhard Schröder. Sie kann die Basis des Erfolgs sein.

Und auf dieser Basis, die die Kanzlerin und der Herausforderer teilen, lassen sich nun die Gegensätze ausspielen. Denn wer etwa nicht glaubhaft als Gegenmodell zum Amtsinhaber auftreten kann, der wird meist chancenlose bleiben. Erinnert sei nur an das Schicksal der Herren Steinbrück und Steinmeier.

Im Unionslager sind sie sich der pikanten Lage durch die Schulz-Kandidatur sehr wohl bewusst. Keine Überraschung, dass die Strategen in Berlin und München auf Gabriel gehofft hatten.

Schulz geht nicht nur mit Emotionalität und demokratischem Populismus an die Sache heran - eine Mischung, die seine SPD-Vorgänger nicht aufzubringen vermochten. Es ist noch mehr: Es ist nämlich vor allem diese Emotionalität, die Merkel ganz besonders abgeht, ihrem gesamten Regierungsstil zuwider läuft.

Und die gegenwärtigen Zeiten, sie sind nun mal sehr emotional.

Die Unionsstrategen werden deshalb in den kommenden Monaten alles daransetzen, Schulz auf das Feld zu zwingen, auf dem Merkel klar im Vorteil ist: bei der Machtperspektive. Nach dem Motto: Schulz will Kanzler werden, schön und gut. Aber mit wem denn? Stärkste Partei wird die SPD wohl nicht werden, um so eine Große Koalition anzuführen. Bliebe nur ein rot-rot-grünes Bündnis - und just darauf werden CDU und CSU ihre Angriffe konzentrieren, so dass am Ende "Maß und Mitte" (O-Ton Merkel) siegen mögen.

Kann das noch einmal, noch ein viertes Mal funktionieren? Ja, die Chancen stehen trotz Flüchtlingskrise gut. Sie stehen für Merkel weit besser als für Schulz.

Aber sie stehen eben für die Kanzlerin zugleich auch deutlich schlechter als bei den beiden Wahlen zuvor.



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insgesamt 112 Beiträge
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lalito 02.02.2017
1. SPD und Programm
Schulz MUSS mit einer klaren Perspektive für das abgehängte Drittel der Gesellschaft auflaufen, neuerdings werden Wahlversprechen ja postwendend umgesetzt, nur dann hat er überaupt eine Chance es so zu vollziehen. Somit ist das Programm entscheidend. Bei der Bundeskanzlerin nützt alle Hoffnung nichts, da feiern die deutlich falschen Leute Geburtstag bei ihr im Amt. Dennoch blebe anzumerken, dass die "Wirtschaft" genug gepampert wurde. Spannend dürften bis zum Tag der Wahl die Meldungen von den unsäglichen Märkten werden, ob da schon die ersten Lorbeeren verdorren und wem diese zupass kommen . . .
fatfrank 02.02.2017
2. Wie sieht es denn...
...mit der berühmt-berüchtigten "Wechselstimmung" im Land aus? Soweit ich mich an alle BT-Wahlen erinnern kann, säuselten die Demoskopen vor und nach der Abstimmung immer davon, dass es diese "Wechselstimmung" wahlweise gegeben habe oder eben nicht. Die spannende Frage lautet also: Kann Martin Schulz eine Wechselstimmung erzeugen und tragen? Und zwar ohne (so plump wie Frau Wagenknecht) am rechten Rand zu fischen. Yes, he can?!
Lontrax 02.02.2017
3. Sackgasse
Soll dem Leser hier jetzt suggeriert werden, dass es ein Wahlkampf mit offenem Ausgang geben wird? Damit der Leser nicht merkt, dass unsere Demokratie in der grössten Sackgasse seit der Gründung der BRD steckt? Ich sehe das so: Am Ende wird es nicht Merkel ODER Schulz, sondern merkel UND Schulz. Sie als Kanzlerin, er als Vize und (Mit)Mehrheitsbeschaffer für sie. Und die Opposition? Noch mikroskopischer als jetzt. Keine Veränderung in Sicht, keine Alternative möglich, keine regelnde Opposition. Nichts. Jahrzehntelang. Ein unerträglicher Zustand, den man bald nicht mehr Pluralismus nennen kann.
Segojan 02.02.2017
4.
In welcher Hinsicht ist Herausforderer Schulz der Kanzlerin Dr. rer. nat. Merkel gewachsen? Da ist doch der Wunsch der Vater des Gedanken.
rainer82 02.02.2017
5. Wir können froh sein,
den Hasspredigern und krawalligen, weil faktenresistenten Rechtspopulisten, und den alten/neuen Nationalsozialisten zwei so honorige demokratische und weltoffene Kanzlerkandidaten gegenüberstellen zu können. Fleißige, vernünftige Menschen wie du und ich, volksnah, liberal und uneitel. Keine Wahl zwischen Cholera und Pest. Ein Pfund, mut dem Deutschland wuchern kann, ganz anders als in England oder Frankreich oder als in jenen Ländern, in denen der Rechtsstaat gerade abgeschafft wird (Ungarn, Polen, Türkei, USA) oder wo er nie existierte (Russland, China, Iran u. a.m.)
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