Weltverbesserer bei Merkel Die hört ja zu!

Ein Laptop für 35 Dollar, ein Modem, das ohne Strom funktioniert: Angela Merkel hat internationale Experten ins Kanzleramt geladen, um die globale Gesellschaft besser zu verstehen. Echtes Interesse oder bloße Inszenierung?
Merkel mit Gästen im Kanzleramt: "Was ist da für ein Mysterium am Werk?"

Merkel mit Gästen im Kanzleramt: "Was ist da für ein Mysterium am Werk?"

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Berlin - Die Kanzlerin braucht jetzt Geduld. Gerade geht es um die Energiewende; darum, wie man ein solches Megaprojekt "auf außenpolitische Krisen übertragen" könnte. Ein anderer Redner wünscht sich mehr Menschen, die sich als "Changemaker" begreifen. "Ich frage mich, ob wir nicht einen charakteristisch deutschen Weg zu mehr Wettbewerbsfähigkeit schaffen können?", sagt er. Angela Merkel macht sich Notizen mit einem grünen Fineliner. Ihre Mitarbeiterin hat um kurze Fragen und Beiträge gebeten, doch kaum ein Gast hält sich daran.

Merkel hat am Dienstag zum sogenannten 2. Internationalen Deutschlandforum ins Kanzleramt geladen. Die Gesprächsreihe ist Teil des streng durchgeplanten Programms zum Gedankenaustausch mit Bürgern und Fachleuten, das die Bundesregierung "Zukunftsdialog" nennt. Diese Mal steht die Veranstaltung unter dem Motto "Innovation und Gesellschaft".

Allzu innovativ klingt das zunächst nicht. Unter dem Label "Planspiel Zukunftsdialog" lädt etwa die SPD-Fraktion Jugendliche in den Bundestag ein. "Deutschlands Zukunft gestalten" ist Titel des schwarz-roten Koalitionsvertrags, und die Grünen eröffneten auf ihrer Neujahrsklausur eine "Zukunftswerkstatt".

Merkels Bemühen um die Zukunft soll nachhaltiger sein. Die Bundesregierung schmückt sich damit, dass sie seit über zwei Jahren das offene Gespräch mit der Gesellschaft sucht (lesen Sie mehr dazu im SPIEGEL1/2015). Es seien oft die gleichen Kreise, in denen sich Spitzenpolitiker bewegten, sagt Merkel. "Wir wollen versuchen, aus diesen Kreisen ein wenig auszubrechen."

"Haben Sie so eine Maschine mal da?"

Ein löbliches Ziel - bei aller Steifheit, die solche Veranstaltungen mit sich bringen. Merkels Stärke liegt darin, dass sie keine Scheu vor Vereinfachung hat. In einer Runde, in der gefühlt 20-mal der Begriff "disruptive Innovationen" fällt, bricht Merkel vieles verbal herunter.

"Sie haben da also Speicherkapazität dazugetan", fragt die Kanzlerin ihren Gast Juliana Rotich. Die Kenianerin stellt "Brck" vor, ein Internetmodem für Länder, in denen der Strom oft ausfällt. Merkel lässt sich erklären, wie die kleine Box funktioniert. Interessiert ist sie auch an der Erfindung des Kanadiers Suneet Singh Tuli, einem Tabletcomputer für 35 Dollar. "Haben Sie so eine Maschine mal da? Und was muss das gute Stück unbedingt können?", fragt Merkel.

Dann kommt ihr ein Gedanke: "Vielleicht sollten Sie das Tablet mit dem 'Brck' Ihrer Nachbarin kombinieren", sagt Merkel. "She listens", sie hört zu, raunt ein Teilnehmer später.

Sorgfältig geprüft und ausgewählt

Für ein paar Stunden spielt die Islamdebatte in ihrer eigenen Partei, das Pegida-Problem oder die anstehende Griechenlandwahl keine Rolle. Stattdessen entwickelt sich die Runde zu einem Klub der Allround-Weltverbesserer. Mal geht es um radikalisierte Jugendliche in Tunesien, mal um Pressefreiheit, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Afrika oder den Klimawandel. Unberechenbar ist nichts davon, die Teilnehmer wurden von Merkels Stab sorgfältig geprüft und ausgewählt.

Immerhin lässt sich die Kanzlerin auf die Breite der Themen ein, referiert frei über die europäische Identität und Befindlichkeiten ihrer Landsleute. "Wir Europäer müssen lernen, dass wir nicht mehr allein das Zentrum der Welt sind", sagt sie. "Heute ist Asien ein unglaublich innovativer Kontinent".

Viele hätten sich lustig gemacht über ihren internetbasierten Bürgerdialog , erzählt Merkel weiter. Es habe Kommentare gegeben, nach dem Motto: "Will man jetzt den Leuten den Kopf verdrehen? Was ist da für ein Mysterium am Werk?". Bei staatlichen Anreizprogrammen beobachte sie ähnliches. "Jetzt würde der Deutsche sagen: Was ist das für eine komische Idee? Was steckt dahinter?" Damit beschreibt sie eine Art generelles Misstrauen gegenüber Dingen, die von oben kommen - ein seltener Einblick in Merkels Blick auf die Bürger.

Doch was zieht die Kanzlerin nun aus zwei Stunden Brainstorming mit Firmengründern, Aktivisten, Intellektuellen aus China, Brasilien, Afrika, Großbritannien? Den Zweck der Gesprächsreihe erklärt sie so: "Die Schwerkraft gilt überall auf der Welt. Und auch der Sternenhimmel zeigt sich zwar überall aus einer etwas unterschiedlichen Perspektive. Aber Sternenbilder sind überall vorhanden". Merkels stellt also den Anspruch, die Welt ein wenig besser zu verstehen. Allerdings hat der Gedankenaustausch eine Grenze, bestimmt von ihrer Armbanduhr. Nach 120 Minuten ist Schluss.

Zum Abschied verspricht die Kanzlerin, die Anregungen mit in ihren Regierungsalltag zu nehmen. "Wir versuchen das jetzt so zu ordnen, dass man daraus auch Handlungsalgorithmen ableiten kann", sagt Merkel, dieses Mal verbal eher nicht so heruntergebrochen. Eine Fortsetzung soll noch in diesem Jahr folgen.

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