Rede in Paris Merkel warnt vor "nationalem Scheuklappendenken"

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg wähnt Angela Merkel den Nationalismus weltweit wieder auf dem Vormarsch. Dabei habe das Blutvergießen damals gezeigt, wohin Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit führen können.

Angela Merkel bei Friedensforum in Paris
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Angela Merkel bei Friedensforum in Paris


Die Sorge vor dem Wiedererstarken des Nationalismus zieht sich wie ein roter Faden durch die Reden der Staats- und Regierungschefs rund um die Gedenkfeierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Wenige Stunden nachdem Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron Nationalismus als "Verrat am Patriotismus" bezeichnete, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel davor gewarnt, dass sich "nationales Scheuklappendenken" ausbreite.

"Wohin nationale Selbstherrlichkeit und militärische Überheblichkeit führen können", habe der Erste Weltkrieg gezeigt, sagte Merkel am Sonntagnachmittag bei einem Friedensforum in Paris. Deshalb beobachte sie mit Sorge, dass die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Ländern mehr und mehr ignoriert würden. "Wir sehen doch, dass internationale Zusammenarbeit, friedlicher Interessenausgleich, ja selbst das europäische Friedenswerk wieder infrage gestellt werden", beklagte die scheidende CDU-Chefin.

"Wir sehen die Bereitschaft, Eigeninteressen schlimmstenfalls wieder auch mit Gewalt durchzusetzen", sagte Merkel mit Blick auf die 222 gewaltsam ausgetragenen Konflikte derzeit in der Welt. "Wir dürfen uns einfach mit den bewaffneten Konflikten nicht abfinden."

Konkret erwähnte die Kanzlerin die Kriege in Syrien und im Jemen: "Wir müssen eine politische Lösung für Syrien finden", sagte sie. Im Jemen, wo sich wahrscheinlich momentan die größte humanitäre Katastrophe weltweit abspiele, müsse das Blutvergießen gleichfalls gestoppt werden. "Ich glaube, die Welt muss handeln, um hier zu einem Waffenstillstand und humanitärer Versorgung zu kommen."

Macron und Merkel kritisieren Trump

Merkel warb zugleich für eine umfassende Unterstützung der Vereinten Nationen und den Erhalt der internationalen Regeln, um einen menschlichen Umgang in der Welt zu gewährleisten. Solche Regelwerke und Institutionen seien rascher zu zerstören, als sie wiederaufgebaut werden könnten, warnte die Kanzlerin.

Diese Äußerungen sind kaum verhohlene Kritik an US-Präsident Donald Trump, der Multilateralismus ablehnt, internationale Abkommen infrage stellt und auf nationale Alleingänge setzt. Zuvor hatte bereits Macron Trumps Politik scharf kritisiert, ohne den Namen des US-Präsidenten ausdrücklich auszusprechen.

In seiner Rede zum Ende des Ersten Weltkriegs sagte der französische Präsident am Fuße des Triumphbogens: "Wer sagt 'Unsere Interessen zuerst, ganz egal was mit den anderen passiert', der löscht das Wertvollste aus, das eine Nation haben kann, das eine Nation groß macht und das Wichtigste ist: seine moralischen Werte".

Offenkundig spielte der französische Präsident damit auf Trumps Wahlkampfslogan "America First", ("Amerika zuerst"), an - sowie auf Äußerungen, in denen sich der US-Präsident selbst als "absoluten Nationalisten" bezeichnet hatte.

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Weltkriegsgedenken in Paris: Ernster Macron, grinsender Trump

Während des Wochenendes sind die Unstimmigkeiten zwischen Trump und den europäischen Partnern Macron und Merkel mehrfach offen zutage getreten. Es fing damit an, dass der US-Präsident aus seinem Flugzeug auf dem Weg nach Paris den Vorstoß Macrons für eine eigenständige europäische Armee als "sehr kränkend" bezeichnete. Während ihres Treffens am Samstag konnten beide ihre Unstimmigkeiten nur mit Mühe überspielen. Unerwartete Unterstützung erhielt Macron vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, der die Überlegungen für eine EU-Armee nachvollziehbar nannte.

Steinmeier besucht Gedenkfeier in London

Am Sonntag war Trump auch räumlich auf Distanz zu den anderen Teilnehmern des Weltkriegsgedenkens gegangen. Während Macron, Merkel und fast alle anderen Gäste in Bussen zum Ort der Feierlichkeiten am Fuße des Triumphbogens gebracht wurden, wählte Trump einen anderen Weg: Er fuhr in einem eigenen Konvoi in seiner Präsidentenlimousine über die Champs-Élysées in Paris. Dabei kam es zu einem Zwischenfall, als sich eine barbusige Femen-Aktivistin Trumps Limousine bis auf wenige Meter näherte.

Angela Merkel und Wladimir Putin
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Angela Merkel und Wladimir Putin

Am Nachmittag blieb Trump - anders als etwa Wladimir Putin - auch dem Friedensforum in Paris fern. Stattdessen besuchte der US-Präsident den amerikanischen Soldatenfriedhof in Suresnes bei Paris.

Während Merkel den hundertsten Jahrestag des Kriegsendes in Frankreich beging, reiste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach London. Wie Großbritannien das Jubiläum des Waffenstillstands vom 11. November 1918 beging, können Sie hier nachlesen.

syd/AFP/Reuters

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
schelmchen 11.11.2018
1.
Wäre schön wenn Merkel ihre Wahrnung bezüglich nationaler Scheuklappen die letzten Jahre selbst ernst genommen hätte. Griechenlandkrise? Merkel packt jedes negative Südländerklischee aus das es gibt und zwingt einfach mal allen die Austarität auf.
tomrobert 11.11.2018
2. Merkel hat doch die AfD erst Salonfähig gemacht.
Wer hat den für den sozialen Kahlschlag und -Enteignung der kleinen Leute gesorgt, die Schwarze Null zelebriert und die Augen vor Cum Cum und Cum ex verschlossen? Wer ist den für die Spaltung der EU und Nationale Scheuklappen verantwortlich? Es ist doch dieses politische Establishment das für die Situation jetzt verantwortlich ist! Was beschwert die sich den?
Profdoc1 11.11.2018
3. Schade
Zitat von tomrobertWer hat den für den sozialen Kahlschlag und -Enteignung der kleinen Leute gesorgt, die Schwarze Null zelebriert und die Augen vor Cum Cum und Cum ex verschlossen? Wer ist den für die Spaltung der EU und Nationale Scheuklappen verantwortlich? Es ist doch dieses politische Establishment das für die Situation jetzt verantwortlich ist! Was beschwert die sich den?
hätten Sie denn einen substanziellen Beitrag zu leisten? Wohl eher nicht. Es geht hier um internationales Friedensforum. Wenn Sie mit der Politik Merkels offensichtliche Probleme haben, schreiben Sie das bitte in einem passenden Forum.
trex#1 11.11.2018
4. die Lehre: nie wieder Krieg!
Merkel sollte mal kritisch die eigenen europäischen Alleingänge und einsamen Entscheidungen bedenken. Damit hat sie viel Unfrieden über Europa gebracht. Allerdings sollte auch keine Panik verbreitet werden. Die Lage in der EU ist stabil, von Krieg zu sprechen ist da abwegig. Aber die EU wird sich nicht so entwickeln, wie man es in Berlin gerne hätte. Den heutigen Gedenktag sollte man in Deutschland als Mahnung nehmen, nicht wieder wie Schlafwandler in fremde Konflikte militärisch zu schlittern. Deutsche Soldaten dürfen nicht in fremde Konflikte militärisch eingreifen.
Poli Tische 11.11.2018
5. Ob Trump langsam merkt......
...dass er sich außerhalb seines Landes total isoliert hat? Noch nie wurde ein Gast bei einer Nationalen Feier in Anwesenheit dermaßen abgewatscht wie der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten. Wenn seine Anhänger lesen können, was werden sie dazu sagen?
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