Pannenflotte der Regierung Am Boden

Wegen eines Defekts am Regierungsflugzeug "Konrad Adenauer" verpasst Kanzlerin Merkel den Auftakt des G20-Gipfels. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art.

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Olaf Scholz ist es passiert, Frank-Walter Steinmeier war innerhalb weniger Monate gleich mehrfach betroffen, und nun hat es Kanzlerin Angela Merkel erwischt - mal wieder: Wenn das Kabinett auf Dienstreise geht, sorgen Defekte an Regierungsmaschinen immer wieder für Verzögerungen. Warum aber gibt es scheinbar so oft Pannen bei der sogenannten weißen Flotte?

Verantwortlich für die Maschinen ist die Flugbereitschaft des Bundesverteidigungsministeriums, ein militärischer Verband, der Soldaten und hochrangige Staatsvertreter transportiert. Die Luftwaffeneinheit verfügt entsprechend ihrer doppelten Funktion über zwei Flotten:

  • fünf militärgrau-lackierte Multifunktions-Airbus A310 für den Truppentransport
  • die weiße Flotte, die vor allem für die Reisen der Bundesregierung genutzt wird.

Die weiße Flotte der Bundesregierung ist überschaubar. Sie besteht aus sieben Flugzeugen verschiedenen Typs und drei Hubschraubern. Die Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums hält diese Maschinen an den Standorten Köln-Wahn und Berlin-Tegel bereit.

Nur zwei Flieger sind auch für Langstreckenflüge geeignet: Die "Konrad Adenauer", ein Airbus A340, und ein zweiter Flieger desselben Models, die "Theodor Heuss". Daneben stehen den Ministern und der Kanzlerin noch vier kleinere Jets vom Typ "Global 5000", ein A319 und bald auch A321 zur Verfügung. Der Neuzugang soll vor allem den Engpass bei Langstreckenflügen abmildern.

Sieben Flugzeuge, das klingt zunächst beeindruckend. Doch in der Reiserealität einer Regierung stößt man damit schnell an Grenzen. So ist Kanzlerin Merkel regelmäßig in Brüssel oder anderen EU-Hauptstädten unterwegs, ihr Außenminister Heiko Maas gehört berufsbedingt zu den absoluten Vielfliegern des Kabinetts, auch die anderen Minister haben regelmäßig Auslandstermine.

Umgerüstete Maschinen der Lufthansa

Die Flugbereitschaft übernahm alle ihre Airbus-Maschinen gebraucht aus Beständen der Lufthansa. Sie wurden für ihre neue Aufgabe generalüberholt und speziell umgebaut, so haben die größeren Jets einen gesonderten VIP-Bereich mit Schlafkabinen und Konferenzräumen.

Angeschafft wurden nach Angaben der Luftwaffe nur bestens gewartete Flugzeuge. Tatsächlich spielt das Alter einer Maschine zunächst keine große Rolle. Entscheidend ist vielmehr, wie gut die Flieger in Schuss gehalten wurden. Alle Luftwaffenjets gelten als neuwertig, waren in der Anschaffung aber günstiger. Zudem bekommt man neue Flieger oft erst Jahre nach der Bestellung ausgeliefert.

Die "Konrad Adenauer" und die "Theodor Heuss" übernahm die Luftwaffe 2011 für die Flugbereitschaft. Beide Maschinen wurden in den Jahren 1999 und 2000 gebaut. Selbstverständlich werden sie auch im Einsatz der Luftwaffe regelmäßig gewartet - dennoch geriet besonders die "Konrad Adenauer" in der Vergangenheit häufiger in die Schlagzeilen.

  • So sorgten im Oktober Nagetiere dafür, dass die Maschine nicht mehr abheben konnte. Der Vorfall ereignete sich auf der indonesischen Insel Bali. Dort hatte Finanzminister Olaf Scholz an einer IWF-Tagung teilgenommen. Scholz buchte kurzerhand einen Linienflug. "Ein einzelner Vorfall sollte uns nicht dazu bringen, das System zu verändern", sagte Merkel damals. Nun hatte sie unter einem Defekt derselben Maschine zu leiden.
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste kürzlich in Südafrika gut eine Stunde auf seinen Abflug warten, da ein Triebwerk manuell angelassen werden musste. Bei gut 40 Grad in dem Regierungsflieger war diese Panne allerdings eher unangenehm als gefährlich.
  • Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kennt die Probleme der eigenen Flotte auch gut: Im Dezember 2016 strandete sie auf dem Weg nach Mali aufgrund eines Computerproblems beim A340 in Nigeria. Die Oberste Befehlshaberin und ihre Delegation mussten in der Hauptstadt Abuja übernachten.

Auf Merkels Weg zum G20-Gipfel in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires kam es zu einem Komplettausfall des Funksystems, weil ein Transformator im Flugzeuginnern aufgefallen war. Der Flug wurde schon nach kurzer Zeit abgebrochen. Erst am nächsten Morgen flog Merkel mit einer anderen Maschine der Flugbereitschaft der Luftwaffe nach Madrid. Und machte sich von dort im Linienflieger auf nach Argentinien.

Dass die Regierungsmaschinen ganz besonders pannenanfällig sind, davon will man im Verteidigungsministerium nichts wissen. So seien bei der Flugbereitschaft im Zeitraum von zwei Jahren etwa zwei Prozent der geplanten Flüge ausgefallen - genau gesagt: 16. Nur bekommt jede einzelne Panne - anders als alltägliche, technische Zwischenfälle in der zivilen Luftfahrt - große Aufmerksamkeit, wenn ranghohe Regierungsvertreter betroffen und womöglich noch Journalisten an Bord sind.

Personal muss Ruhezeiten einhalten

Warum ist es aber so schwer, die defekte Maschine rasch durch eine andere aus der Flugbereitschaft zu ersetzen? Dies liegt zum einen an der Größe der Flotte. Da bei Langstreckenflügen nur zwei Maschinen infrage kommen, kann es zu Engpässen kommen.

So musste Merkel 2015 eine Reise in einem grauen Truppentransporter antreten. Die "Konrad Adenauer" konnte damals nicht starten, um die Kanzlerin und ihre Delegation nach Indien zu bringen. Der zweite Airbus A340 der Flugbereitschaft war nicht verfügbar, weil der damalige Bundespräsident Joachim Gauck damit in die USA fliegen sollte.

Da die Flugbereitschaft über die zwei Standorte Köln und Berlin verfügt, ist zum anderen eine entsprechende Planung nötig, um Ersatzmaschinen zwischen den Standorten zu koordinieren. Grundsätzlich wird für die Kanzlerin und den Bundespräsidenten immer ein weiterer A340 als sogenannter "hot spare", also als Ersatz, bereitgehalten - für gewöhnlich am Abflugort.

In Merkels Fall flog die Maschine sogar noch von Berlin nach Köln zur gestrandeten Delegation, nun aber wurde das Personal zum Problem: Wie bei anderen Fluggesellschaften auch muss die Crew der Regierungsflotte bestimmte Ruhezeiten zwischen den Einsätzen einhalten. Hat eine Crew aufgrund von Verzögerungen nicht die sogenannten Flugdienstzeiten um beispielsweise den 15-stündigen Flug nach Südamerika zu absolvieren, darf sie nicht fliegen.

Genau dies ist am Donnerstabend passiert. Zwar stand für die Kanzlerin nun die Ersatzmaschine bereit, allerdings keine komplette Ersatzcrew. Da die ursprüngliche Mannschaft aber schon mehrere Stunden mit der Pannenmaschine unterwegs war, konnte sie aufgrund der vorgeschriebenen Dienstzeiten nicht mit dem zweiten A340-Jet Richtung Buenos Aires starten. Dieser soll Merkel nun aus Argentinien abholen.

Für die Luftwaffe ist der Vorfall mit der Kanzlerin mehr als eine kleine Panne. Die ganze Nacht lang hatten die Chefs der fliegenden Truppe versucht, doch noch eine Lösung für die Kanzlerin zu finden. Dass sie Merkel am Ende nur nach Madrid zum Umsteigen in eine Linienmaschine bringen konnten, ist den Verantwortlichen mehr als peinlich, hieß es in Köln-Wahn.


Zusammengefasst: Immer wieder kommt es bei der Regierungsflotte zu Pannen. Nun hat Kanzlerin Angela Merkel wegen eines Defekts am Airbus "Konrad Adenauer" den Auftakt des G20-Treffens in Argentinien verpasst. Neben technischen Problemen spielen bei den Pannen auch immer wieder Fragen des Personals und der Flugsicherheit eine Rolle.

Mit Material aus den Agenturen

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