Nikolaus Blome

Ende einer Ära Warum uns Angela Merkel fehlen wird

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Kanzlerin hatte nie eine Vision für die deutsche Gesellschaft. Doch wer auf sie schaute, wusste verlässlich, wo gerade die Mitte lag.
Foto: Emmanuele Contini / imago images

Irgendwann muss es ja sein, irgendwann müssen wir ja beginnen, Angela Merkel zu verabschieden, und uns einen Reim auf die vergangenen 16 Jahre machen. Ich fang dann also an, in der letzten Woche gab es gleich drei »letzte Male« für die schier ewige Kanzlerin: letzte Fragestunde, letzte Regierungserklärung, letzter EU-Gipfel . Von keinem dieser letzten Male wird übrigens etwas in Erinnerung bleiben, außer dass es ihre letzten Male waren. Überrascht das jemanden? Mich nicht.

An scharfen Urteilen ist bereits kein Mangel. Die einen sagen (unter anderem Christoph Schwennicke in der »Welt«), Merkel habe die Dinge überwiegend falsch gemacht und die CDU in einen Trümmerhaufen verwandelt, der nicht einmal mehr qualmt. Die anderen (zum Beispiel Jakob Augstein) sagen sinngemäß, Merkel habe überwiegend gar nichts gemacht und das Land derart dauersediert, dass sie es nun mit multiplem Organversagen hinterlasse. Darauf könnte man mit Oscar Wilde antworten: »Wenn die Kritiker uneins sind, ist der Künstler einig mit sich selbst.« Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Trotzdem wird man Merkels vierfach fragmentierter Ära nicht wirklich gerecht, wenn man sie in einer einzigen großen Gesamtnote zusammenfasst. Stattdessen wird man sich die großen Herausforderungen einzeln anschauen müssen und wie sich Merkel darin schlug, von der Finanzkrise über Euro- und Flüchtlingskrise bis hin zur Pandemie.

Einige Monate nach seiner Abwahl habe ich Gerhard Schröder in einem Text den »letzten politischen Straßenfußballer« Deutschlands genannt. Was wäre das vergleichbare Diktum für Angela Merkel? Am Ende ihrer 16 Jahre fällt mir auf Anhieb keines ein. Gerhard Schröder ließ es zu, dass sein Charakter die Amtsführung prägte. Angela Merkel ließ das nicht zu. Sie hielt sich allein an ihr Amtsverständnis: an das, wovon sie glaubte, die normalen Leute im Land würden es von ihr erwarten. Damit war sie das Normalnull unserer politischen Landschaft. Und bevor jetzt alle lachen, möchte ich sagen: Genau dafür werden wir sie vermissen.

Von Normalnull aus messen sich alle geografischen Höhen im Land. Von Angela Merkel aus definierte sich 16 Jahre lang, wo die politische »Mitte« lag. Nicht etwa weil sie die Mitte der Gesellschaft groß formte, bekehrte oder bewegte. Sondern weil sie fast immer wusste, wo diese Mitte der Gesellschaft lag, mithin, was die Mehrheit dieser Milieus gerade wollte. Es war eine verlässliche Verortung: Wenn diese Mitte sich verschob, verschob Merkel auch. Mal nach links ins Soziale oder zu gesellschaftlichen Reformen; mal Richtung rechts nach dem Flüchtlingsjahr 2015; mal hin zu Grün wegen der heraufziehenden Klimaschutzbewegung. Angela Merkel klebte als eine Art Peilsender an der politischen Mitte, wie sie sich durch die politischen Landschaften bewegte, »Politik ist, was möglich ist«, meinte sie vor einiger Zeit. Doch in Wahrheit ist ihre Politik, was nötig ist – was nötig war, um der Mitte zu folgen. Es war zu ihrem Nutzen, gewiss. Aber es war auch nützlich für ein Land, das jeden Tag im Kanzleramt sehen konnte, wo die eigene Mitte liegt. Welche Kräfte an ihr ziehen und welche sie stabilisieren.

Dazu gehörte, dass die Deutschen der Traditions-Mitte und ihre Kanzlerin einander über weite Strecken immer ähnlicher wurden, gerade unter den Angestellten und den Arbeitern. Bei diesen Menschen, Männern wie Frauen, zählte zudem, was Angela Merkels Auftreten all die Jahre kennzeichnete: das absolut Unprätentiöse, das absolut Skandalfreie, ja, wenn man will: das Anständige. Eine Millionen-Villa auf Pump kaufen? Im Lebenslauf ein bisschen aufschneiden? Nicht mit dieser Frau und nicht mit diesen Leuten der »alten Mitte« (Andreas Reckwitz). Aber so wie die gesellschaftliche Wirkmacht dieses Milieus zu schwinden begonnen hat, so folgerichtig ist es, dass Merkels Ära nun ebenfalls endet.

Sage mir keiner, dies alles sei nicht Strategie gewesen. Und machen wir uns nichts vor: Für vier Wahlsiege war das gut, und träte sie doch noch einmal an (was der Himmel verhüten möge) – es käme ein fünfter hinzu. Im Vergleich zu ihren Vorgängern wird es sichtbar: Helmut Kohl blieb als Kanzler immerfort stehen, wo er stand, ganz gleich, was sich um ihn herum gesellschaftlich bewegte. Das konnte man konservativ nennen oder tumb, jedenfalls war Deutschland bereits nach sechs Amtsjahren weitgehend durch mit ihm.

Dann kam die Geschichte noch einmal zurück und hatte die Deutsche Einheit unterm Mantel. Noch einmal acht Jahre später verlor Helmut Kohl die Wahl, weil er nicht zu begreifen vermochte, dass die Mitte einfach einen Wechsel wollte. Gerhard Schröder wiederum regierte, als er wirklich musste, gegen eine Mehrheit im Land, und das war gut. Nicht für ihn und nicht für seine Partei, aber für das Land und Millionen Arbeitslose. Die Wahl verlor er dann.

Angela Merkel hingegen hat nie eine Wahl verloren, bei der sie antrat. Dennoch würde man ihr Charisma nicht zusprechen. In dem Text über Gerhard Schröder stand vor 15 Jahren: »Charisma ist aber, was Politik zu jener großen Erzählung formt, die in Wahrheit alle hören wollen, nicht nur die Journalisten.« 16 Jahre haben wir diese Erzählung nicht gehört, und viele haben es lange Zeit auch nicht vermisst. Aber ich könnt jetzt mal wieder.

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