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12. November 2018, 18:22 Uhr

Angela Merkel

Feministin wider Willen

Ein Kommentar von

Die Bundeskanzlerin hält sich vom Thema Frauenrecht fern, wo sie kann. Dabei hat sie die deutsche Politik für Frauen umgekrempelt wie kaum jemand vor ihr - sie will es nur nicht wahrhaben.

Angela Merkel ist eigentlich nicht um Antworten verlegen. Sie regiert dieses Land seit 13 Jahren, ständig muss sie ihre Meinung kundtun. Aber im letzten Jahr, da wusste Merkel bei einer Podiumsdiskussion plötzlich nicht, was sie sagen sollte. Sie spitzte die Lippen, wiegte den Kopf - und schwieg. Die Frage lautete: "Frau Kanzlerin, sind Sie eine Feministin?"

Die Szene, im Video dokumentiert, zeigt eine Kanzlerin, die sich windet. Als Merkel schließlich sprach, gab sie eine Antwort, die typischer nicht hätte sein können. Das Publikum könne ja darüber abstimmen, ob sie eine Feministin sei. "Ich möchte mich nicht mit den Federn schmücken." Ja, was denn nun?

Erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Feministin

Dabei wäre es ein Leichtes für Merkel, einfach zuzugeben: Ja, ich bin es. Erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Feministin.

Das bewies Merkel jüngst bei einem Auftritt in Berlin, wo sie die Festrede zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts hielt. Richtiggehend gelöst wirkte die Kanzlerin, als sie vor das Publikum trat. Nichts war zu spüren von der Ernsthaftigkeit, die sonst in ihren Reden mitschwingt. Merkel sprach von der großartigen Errungenschaft des Frauenwahlrechts, und irgendwie musste sie dabei auch über sich selbst reden.

"Es soll sogar schon Fragen geben, ob es auch ein Mann werden darf. Wird mir manchmal berichtet. Hab ich mir nicht ausgedacht", scherzte Merkel. Das Publikum, überwiegend Frauen, lachte.

Noch nie war die Spitzenpolitik so weiblich wie heute

Nun wird niemand dadurch zur Feministin, dass sie eine Frau ist. Doch Angela Merkel hat etwas bewegt für Frauen in Deutschland, für Frauen in der Politik. Noch nie war die Spitzenpolitik der Bundesrepublik so weiblich wie heute, hatten Frauen so viel Macht. Sie besetzen Ministerposten, sie führen Parteien und Fraktionen.

Im Kanzleramt hat Merkel die Frauen um sich gesammelt, ihre engsten Vertrauten sind Büroleiterin Beate Baumann und Kommunikationschefin Eva Christiansen. Von vier Staatsministerposten sind drei weiblich besetzt. Und vier von acht Stellen im Rang einer Abteilungsleitung haben im Kanzleramt Frauen inne.

Die Kanzlerin hat damit eine neue Normalität geschaffen, in der es immer seltener heißt: Kann eine Frau das überhaupt? Weil die Frau das nämlich einfach macht - und den Fragesteller dabei so wenig ernst nimmt wie die Katze die Maus, die die Schärfe ihrer Krallen bezweifelt. Um ihn dann mit samtenen Pfoten aus dem Weg zu schieben, versteht sich.

Auch politisch gab es Veränderungen unter Merkel, hin zu mehr Gleichberechtigung: Das Elterngeld wurde eingeführt, ergänzt durch das Elterngeld Plus, das Familien eine gleichberechtigte Betreuung der Kinder ermöglicht. Es gibt es einen rechtlichen Anspruch auf einen Kitaplatz, unerlässlich, wenn Frauen auf dem Arbeitsmarkt immerhin ähnliche Chancen haben sollen wie Männer.

"Jede Frau soll ihren Weg gehen können"

"Jede Frau in Deutschland soll ihren Weg gehen können, die gleichen Chancen haben, ihre Talente zu entfalten", sagte Merkel bei ihrer Festrede für das Frauenwahlrecht.

Klar ist: Es gibt viel zu tun, wenn das in Deutschland Realität werden soll. Denn auch, wenn Merkel Frauen in hohe politische Positionen verholfen hat - im Bundestag sitzen so wenig weibliche Abgeordnete wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Darum ging es Merkel denn auch in ihrer Rede. Die Frauenquote, sie sei nicht genug, um für Gleichberechtigung zu sorgen. Der Bundestag sei da nur ein Beispiel, aber auch in Wirtschaft und Kultur müsse sich etwas verändern - und zwar nicht erst in hundert Jahren.

Der entscheidenden Passage ihrer Ansprache verlieh Merkel übrigens mit einem Kopfnicken Nachdruck. Hätte sie ihre Faust gehoben, es wäre kaum aufgefallen - gepasst hätte es allemal. "Die Quoten waren wichtig. Aber das Ziel muss doch Parität sein. Parität überall", sagte die Kanzlerin. Klingt fast schon kämpferisch für eine Frau, die keine Feministin sein will.

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