Jan Fleischhauer

Vergrünung der CDU Merkels Ausstieg aus dem Automobilbau

Nach der Atomwende kommt jetzt die Autowende. In einem Interview hat Angela Merkel die weitere Deindustrialisierung Deutschlands angekündigt. Einem Bündnis mit den Grünen steht nichts mehr im Wege.
Bundeskanzlerin Merkel auf Wahlkampftour in Koblenz

Bundeskanzlerin Merkel auf Wahlkampftour in Koblenz

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Die "Super-Illu" gehört zu den Publikationen, deren Ansehen nie der Auflage entsprach. 260.000 Menschen greifen jede Woche zu dem Heimatblatt aus dem Hause Burda. Viele Magazine wären glücklich, wenn sie in Ostdeutschland vergleichbare Verkaufszahlen vorweisen könnten. Dennoch läuft die Illustrierte im politischen Berlin unter ferner liefen. Wenn man sie hier wahrnimmt, dann als Kuriosität.

Die Ausgabe, die heute an den Kiosk kommt, enthält ein Interview mit der Bundeskanzlerin , das man nur jedem zur Lektüre empfehlen kann, der wissen will, wie es mit der wichtigsten Industrie des Landes weitergeht. Was sie den Redakteuren mitzuteilen hatte, die sie nach ihrem Sommerurlaub aufsuchten, darf man getrost als Sensation bezeichnen. Befragt, was sie von einer "Deadline" für Verbrennungsmotoren halte, antwortete Angela Merkel, dass sie im Prinzip dafür sei, den Verkauf normaler Autos grundsätzlich zu verbieten. Wörtlich lautet das Zitat: "Ich kann jetzt noch keine präzise Jahreszahl nennen, aber der Ansatz ist richtig."

Wer Merkel-Sätze zu lesen versteht, der weiß, dass dies nicht weniger als das Aus für den klassischen Automobilbau bedeutet, wenn nicht morgen, dann übermorgen.

Es ist durchaus logisch, dass die Kanzlerin ihre Vorstellungen zur industriepolitischen Zukunft des Landes in der "Super-Illu" und nicht im "Handelsblatt" oder bei einem Auftritt vor der Bundespressekonferenz publik gemacht hat: Mit Deindustrialisierung kennt man sich im Osten aus. Da ist die Redaktion mit Sitz am Potsdamer Platz aus eigener Anschauung gewissermaßen Fachblatt.

Die Ökospinnerei von einst ist christdemokratische Politik von heute

Über Merkel ist verschiedentlich bemerkt worden, dass mit ihr die erste Sozialdemokratin das Kanzleramt besetzt halte, die das SPD-Parteibuch wirklich ernst nehme. Das ist, wie man sieht, nur die halbe Wahrheit. Nach der Sozialdemokratisierung der Union steht jetzt die totale Vergrünung an.

Das Aus für den Verbrennungsmotor ist ein Kernbestandteil des grünen Wahlprogramms. Als die Grünen dies vor neun Monaten auf einem Parteitag beschlossen, galt es als eine typische Ökospinnerei, so wie vor vier Jahren der Veggie-Day. Heute ist das, was eben noch belächelt wurde, christdemokratische Regierungspolitik.

Man sollte Merkels verklausulierte Ankündigung unbedingt ernst nehmen. Dass sie sich beim Ausstieg aus dem Automobilbau vorerst nicht auf ein Datum festlegen will, kann einem keine Beruhigung sein. Auch die Atomwende kam über Nacht. Wer VW- oder Daimler-Aktien besitzt, sollte sich beizeiten ansehen, was aus stolzen Unternehmen wie E.on oder EnBW geworden ist. Frühere Kanzler waren stolz darauf, bedrohte Branchen vor dem Absturz gerettet zu haben. Bei Angela Merkel läuft es genau andersherum.

Ein Missverständnis hat aus Merkel die Frau gemacht, die angeblich die Dinge vom Ende her denkt. Selbst in Zeitungen, die ihr nicht so wohlgesinnt sind, stand nach Brexit und Trump-Sieg, jetzt müsse sie noch einmal antreten, um für Stabilität in der Welt zu sorgen. "Sie kennen mich", hat sie selbst vor vier Jahren dem Wähler gesagt, als der Herausforderer Peer Steinbrück hieß. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein.

Merkel macht die verrücktesten Sachen

Tatsächlich ist Merkel die Sponti-Politikerin par excellence, deshalb liegen ihr die Grünen auch so. Ehe man sich versieht, macht sie die verrücktesten Sachen, wie zum Beispiel, die Atomkraftwerke abzuschalten, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wo Deutschland stattdessen seinen Strom herbekommt. Auch mit der Entscheidung, eine Million Fremde ohne Kontrolle ins Land zu lassen, hat sie alle komplett überrascht, inklusive ihrer eigenen Mitarbeiter.

Allenthalben kann man jetzt wieder das Klagelied hören, Merkel verweigere sich dem Wahlkampf. Sie betäube das Land, das sie führe, anstatt den Wählern mit flammenden Reden den Puls in die Höhe zu treiben. Ich muss sagen, ich habe nichts gegen Langeweile in der Politik. Für mich übersetzt sich Langeweile mit Verlässlichkeit. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Politiker, bei dem ich nicht weiß, was er morgen anstellt, und einem, der brav das Land auf Kurs hält, würde ich immer für Letzteren optieren.

In einigen Kommentaren heißt es jetzt, wie clever es von der Kanzlerin sei, Rot-Grün ein weiteres Thema entwunden zu haben. Ich verstehe nicht viel von Wahlarithmetik. Aber das letzte Mal, als ich nachgeschaut habe, standen die Grünen bei acht Prozent. Das ist keine Größenordnung, bei der man von einer Volkspartei sprechen kann.

Ich vermute, dass im Kanzleramt ein paar schlaue Leute Umfragen gesehen haben, wonach eine Mehrheit der Deutschen dem Auto misstraut. In Umfragen sind alle für Klimaschutz. Wir sind auch gegen Kinderarbeit und für mehr Tierrechte. Aber wenn es dann darum geht, dem Bekenntnis Taten folgen zu lassen, landen die meisten doch wieder beim Sonderangebot ohne Biosiegel.

Vielleicht haben die Leute doch recht, die meinen, dass die Wahl noch nicht gelaufen sei. Die Frage ist, was die Menschen im September wählen sollen, die an ihrem Auto hängen und auch nicht grundsätzlich etwas gegen eine industrielle Fertigung in Deutschland haben.

Die SPD verspricht eine Elektroquote, was ich so verstehe, dass demnächst der Autozähler durch deutsche Straßen geht und in jedem vierten Haushalt den politisch unerwünschten Antrieb konfisziert. Bei der Linkspartei macht man alles mit, was gegen Reiche geht, worunter schon der Besitzer eines 3er-BMW fällt. Wenn jetzt auch noch die CDU dem Kreis der Parteien beitritt, die das Heil auf der grünen Wiese sehen, bleibt nicht mehr viel zur Auswahl.