Deutschland und der US-Wahlkampf Merkels dröhnendes Schweigen zu Donald Trump

Angela Merkel lässt Donald Trumps Ausfälle gegen ihre Flüchtlingspolitik und gegen Muslime weitgehend unkommentiert. Warum?

Angela Merkel
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Ein Kommentar von , Washington


Großbritanniens Premierminister David Cameron hat Donald Trumps Ausfälle gegen Muslime und andere Minderheiten mehrfach scharf verurteilt. Trumps Pläne für einen Einreisestopp für Bürger aus bestimmten muslimischen Ländern seien "falsch und dumm", so Cameron. Angela Merkel dagegen schweigt. Wieder einmal.

Auch für Japans Regierung ist klar: Sie hat die USA im Falle einer Wahl Trumps vor einer Verschlechterung der Beziehungen gewarnt. Von Merkel hört die Welt: nichts.

Selbst harsche Worte Trumps in Richtung Deutschland ignoriert sie weitgehend. Immer wieder attackiert Trump in seinen Reden Merkel persönlich, er nennt ihre Flüchtlingspolitik "irrsinnig". Er redet Deutschlands Beitrag für die Nato klein und kündigt an, Berlin zur Kasse zu bitten. Die Deutschen sollten doch bitte schön für die Sicherheitsgarantien der USA und die US-Soldaten in Deutschland viele Milliarden Dollar bezahlen, lautet eine seiner Lieblingsparolen. Das ist unverschämt und anmaßend.

Man kann sich gut vorstellen, dass die Kanzlerin darüber den Kopf schüttelt. Aber aus Berlin kommt trotzdem immer wieder nur die gleiche diplomatisch-vorsichtige Reaktion: Bei Nachfragen, was Merkel von Trumps Ausfällen halte, wird die Kritik von ihren Sprechern meist vornehm als unbegründet zurückgewiesen. Das war es dann aber auch.

Warum ist sie so zurückhaltend?

Zunächst einmal ist die direkte lautstarke Konfrontation generell nicht Merkels Sache, das passt nicht zu ihrem politischen Stil. Auf laute, breitbeinige Männer à la Trump reagiert Merkel prinzipiell immer gleich: Sie tut einfach so, als überhöre sie deren Poltereien.

Sie wird sich denken, dass sie einen selbstverliebten Demagogen wie Trump durch ihre Entgegnungen nur noch weiter aufwerten würde. Also schweigt sie lieber.

Hinzu kommt: Die Kanzlerin hat derzeit noch ein paar andere Sorgen als Donald Trump. Den drohenden Brexit, den nervenden Horst Seehofer, die Russland-Sanktionen, den ewigen Streit mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Warum soll sie sich da zusätzlich mit einem notorischen Streithansel wie Trump anlegen? Das wäre ein anstrengender Mann zu viel in ihrem Leben.

Und dann ist da schließlich noch das klassische Diplomaten-Argument: Demnach verbietet sich die Einmischung in den Wahlkampf anderer Länder ganz grundsätzlich. Es geht ja bei den auswärtigen Beziehungen um ein gutes Verhältnis zum Partnerland insgesamt - und nicht nur zu einer bestimmten Regierung. Deshalb ist (zumindest offiziell) Neutralität in Wahlkampfzeiten allerhöchste Regierungspflicht.

Natürlich sind das alles nachvollziehbare Argumente. Gleichwohl ist die vornehme Zurückhaltung der Kanzlerin irritierend. Es ist Zeit, eine Seite zu wählen. Klare Kritik von Merkel an Donald Trump könnte dabei mithelfen, ihn weiter zu isolieren - und seine Wahl zu verhindern. Denn entgegen den gängigen Vorurteilen ist es für die amerikanische Öffentlichkeit eben doch wichtig, was Partnerländer wie Deutschland über ihre Präsidentschaftskandidaten denken.

Merkel und Hillary Clinton kennen sich seit Jahren gut, schätzen sich, in ihrer Zeit als US-Außenministerin war Clinton häufig Gast im Kanzleramt. Wie Merkel hat Clinton einen pragmatischen, nüchternen Blick auf die Weltpolitik. Sie steht für professionelle Kontinuität in der US-Außenpolitik, für ein starkes Bündnis mit Europa. Ein Präsident Trump bedeutet aus deutscher und europäischer Sicht hingegen nur Unberechenbarkeit und neue Unruhe. Daran kann Merkel kein Interesse haben. Sie sollte es nur bald auch einmal laut sagen.

insgesamt 275 Beiträge
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fatherted98 20.06.2016
1. Ich bin..
...wahrlich kein Merkel Fan...aber soll sie denn jeden Pubs den einer in der Welt fahren läßt, kommentieren? Wenn Trump es werden sollte ist noch genug Zeit sich mit ihm auseinander zu setzen...und vielleicht (hoffentlich) ist Merkel bis dahin ja nicht mehr Kanzlerin.
tpro 20.06.2016
2.
Wenn man sich mit jemanden wie Erdogan ins Bett legt, muß man sich jeder Kritik an Anderen verkneifen. Hinzu kommt die Möglichkeit, im Falle des Sieges Trumps, daß Sie ihm irgendwann gratulieren und die Hand schütteln müßte. Das ist rationales Denken Merkels.
JaWeb 20.06.2016
3.
Die Bundeskanzlerin handelt klug, wenn sie sich darauf beschränkt, die Poltereien dieses Rassisten als "unbegründet" zurückweisen zu lassen und ansonsten das Wahlergebnis abwartet. Sollte Trump zum Präsidenten der USA gewählt werden, müsste sie schließlich mit ihm zusammenarbeiten. Die Zurückweisung seiner polemisch-aggressiven Poltereien ist auch so deutlich.
EinJemand 20.06.2016
4.
Wenn sich Häupter anderer Nationen gegen einen Präsidentsschaftskandidaten wenden, wird das diesen aus der Sicht vieler Amerikaner doch nur befeuern... ungewollte Einmischung und so.
GoaSkin 20.06.2016
5.
Frau Merkel sollte sich mal angewöhnen, jegliche Äußerungen und politische Schritte im Ausland unkommentiert zu lassen, die uns nichts angehen. Wir sind wir, die anderen sind die anderen. In einer Demokratie geht alle Macht vom Volke aus und nicht über Außenpolitik.
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