Jakob Augstein

Vertrauen in Zeiten des Wahnsinns Merkels Hose und die Angst der Deutschen

Naziterror in den USA, Kriegsdrohungen in der Nordkorea-Krise - aber Deutschland erstarrt. Für mehr als Merkel fehlt dem Land in einer Welt des Wahnsinns der Mut.
Angela Merkel beim Wandern in Südtirol

Angela Merkel beim Wandern in Südtirol

Foto: Daniele Rodorigo / Splash News

Es gibt im Film "Spiel mir das Lied vom Tod" eine tolle Szene. Jemand wird erschossen, und der Killer sagt: "Wie soll ich einem Mann trauen, der sich'n Gürtel umschnallt und außerdem Hosenträger hat? Einem Mann, der noch nicht mal seiner eigenen Hose vertraut?" Diesen Satz bitte im Gedächtnis behalten. Denn darum geht es: um Hosen und die Frage, woher in einer Welt des Wahnsinns das Vertrauen kommt.

Die Welt dreht ja gerade durch, und Donald Trump ist ihr Präsident. Dies ist das Zeitalter der Auflösung. Man kann zusehen, wie das Gewebe der Nachkriegsordnung mit wachsender Geschwindigkeit aufribbelt. So ist das, wenn ein Imperium zerfällt. Das hier ist unsere Spätantike. Das amerikanische Reich löst sich auf. Ängstlich blicken die Deutschen um sich und landen auf der Suche nach einem festen Punkt bei Angela Merkel.

Es gibt den spätrömischen Historiker Ammianus Marcellinus, den kann man jetzt mal wieder lesen. Er beschreibt ein von innen zerfallendes und von außen bedrohtes Reich. Eine Welt, die bevölkert ist von einem hoffnungslosen, sadistischen, grotesken, machtgierigen abergläubischen und übermüdeten Personal. Unsere Welt. Aber Trump ist wahrhaft kein Kaiser Julian, er würde nicht stehend sterben. Im Gegenteil. Er ist der winselnde Präsident: "Kein Politiker in der Geschichte, und das sage ich aus voller Überzeugung, wurde schlechter oder unfairer behandelt als ich!"

Trump ist als Kopf einer revolutionären Bewegung ins Amt gekommen. Aber die Trump-Revolution ist steckengeblieben. Es ist dem Präsidenten nicht gelungen, die Kontrolle zu ergreifen. Der Apparat wehrt sich. Die Institutionen leisten Widerstand. Auf die eigenen Leute ist kein Verlass. Weil es eine rechte Revolution ist, muss sie ohne positive Utopien auskommen. Wer schließt sich einem solchen Mann an? Wer folgt seinem Ruf? Wahrhaftig nicht die Besten der Besten, sondern professionelle Versager, amoralische Nihilisten, opportunistische Glücksritter und schlichte Charakterschweine.

Je weniger Kontrolle Trump hat, desto größer ist sein Interesse an Chaos: Der Naziterror in Virginia, die groteske Atomkrise mit Nordkorea - dieser Präsident lebt von der Unordnung. Zu jener toten Frau, die in Charlottesville Opfer eines wahrscheinlich rechtsterroristischen Angriffs wurde, fand Trump nur lauwarme Worte. Die Empörung darüber geht fehl. Die Nazis, die Rechten, die Rassisten, das sind seine Leute. Die wählen ihn - soweit sie wählen gehen. Und da dieser Mann keine anderen Werte hat als den eigenen Nutzen, hätte es für ihn keinen Sinn gemacht, sich von seinen Wählern zu distanzieren.

In seinem demnächst erscheinenden Buch schreibt Bernd Ulrich: "Nicht die Marktwirtschaft zieht die Demokratie nach sich, sondern die Ungleichheit die Diktatur." Wenn der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit", mithin des Zentralorgans des deutschen Bürgertums, so weit geht, dann muss sich der Zweifel tief ins System gefressen haben.

Aber was ist die deutsche Antwort? Schweigen. Das ist eine paradoxe Gleichzeitigkeit: Die Welt dreht durch - und Deutschland verfällt in Erstarrung. Die Kanzlerin hat gerade das Wahlkämpfchen mit einem Auftrittchen in Dortmund sozusagen offiziell eröffnet, oder war es Duisburg? Jedenfalls irgendwo, wo man Merkel nicht erwartet. Aber Merkel ist ja wie der Igel in der Fabel: Man erwartet sie nicht, und dann ist sie schon da.

Obwohl buchstäblich alles auf dem Spiel steht, ist die Stimmung so, als ginge es um nichts.

In gewisser Weise sind wir Opfer unserer Kanzlerin. Es ist die inzwischen berühmt gewordene Strategie der "asymmetrischen Demobilisierung", die ihre bitteren Früchte trägt. Ein patriarchaler - Verzeihung: matriarchaler - Regierungsstil, der auf eine absichtsvolle Depolitisierung der Politik zielt. Die Leute sollen sich nicht interessieren, sie sollen sich nicht engagieren und am besten gar nicht zur Wahl gehen - aber die von der Gegenseite noch weniger.

Dieser Politikstil vermeidet Auseinandersetzungen, weil jede Auseinandersetzung voraussetzt, dass es überhaupt etwas gibt, über das man sich auseinandersetzen kann - also Alternativen.

Merkel und ihren Leuten ist es gelungen, diese Strategie nicht nur auf die Wähler anzuwenden sondern gleich auf die ganze Öffentlichkeit. Auch die Journalisten sind inzwischen weitgehend demobilisiert. Hin und wieder gibt es ritualisierte Erinnerungen daran, dass die Wahl noch nicht entschieden sei. Und dann halten sich alle weiter die Ohren zu vor dem Lärm einer anbrandenden Welt.

Und jetzt noch mal zur Hose: Im Netz machte eine kleine Collage der Kanzlerin die Runde: Bilder von Angela Merkel beim Wandern, beigefarbene Dreiviertelhose, rot-weiß kariertes Hemd, beige Mütze, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, jedes Jahr das gleiche Bild.

Es ist nicht ganz klar, wer die Bildstrecke montiert hat, vermutlich waren es britische Boulevardjournalisten , die sich über Merkels Schlichtheit lustig machen wollten. Aber das wäre ein großes Missverständnis. Die bittere Wahrheit ist: Die Deutschen haben solche Angst vor Veränderung, dass sie Angela Merkel schon deshalb für eine gute Kanzlerin halten, weil sie immer die gleiche Hose trägt.