Jan Fleischhauer

Merkels Mediengroupies Gute Ängste, schlechte Ängste

Wenn etwas das links-grüne Milieu groß gemacht hat, dann ist es die Angstlust. Doch eigenartig: Geht es um Angela Merkel, dann reden selbst die größten Schwarzseher so, als hätten sie eine Großpackung Happy Pills eingeworfen.
Angela Merkel (CDU)

Angela Merkel (CDU)

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Zur Abwechslung etwas Erfreuliches: Das besorgte Deutschland hat die Zuversicht und den Glauben an die nationale Stärke entdeckt. Wenn das keine gute Nachricht ist, was dann?

"Es war einmal ein starkes Land", lautet diese Woche die Titelzeile des SPIEGEL. Nicht wenige Menschen, die ich kenne, haben das Gefühl, dass Deutschland ein wenig von der Rolle ist. Dieselskandal, Regierungskrise und dann auch noch das vorzeitige WM-Aus: Man muss schon ein sehr robustes Gemüt haben, um bei diesem Dreiklang des Schreckens nicht ins Grübeln zu kommen.

Aber, oh Wunder, die entschiedenste Ermunterung erfolgt aus dem dauerbesorgten Teil der Republik. Ausgerechnet dort, wo man ansonsten bei jeder toten Biene gleich das Ökosystem wanken sieht, bricht sich ungehinderter Optimismus Bahn. Die niedrigste Arbeitslosigkeit seit Jahren, sinkende Kriminalitätszahlen, eine Wirtschaft, die brummt, dazu Sonne und gutes Wetter für alle: "Macht. Unser. Land. Nicht. Schlecht" - so oder so ähnlich scholl es mir am Wochenende entgegen.

Heiterer Pessimismus

Die Merkel-Liebe findet seltsame Wege. Wenn es darum geht, die Kanzlerin vor dem Verdacht zu schützen, dass ihre Tage gezählt seien, steht man im hellen Deutschland wie eine Eins. Alles, was als Kritik an Angela Merkel empfunden werden könnte, gilt als Schlechtrederei und Panikmache. Selbst eine ausgewiesene Schmerzenskünstlerin wie die Autorin Carolin Emcke, die die gramgefurchte Stirn zu ihrem Markenzeichen gemacht hat, findet plötzlich, dass das ganze Krisengerede billiger Populismus sei.

Angst ist nicht gleich Angst, wie man sehen kann. Es gibt gute und es gibt schlechte Ängste. Schlecht ist, wenn man sich davor fürchtet, das Haus zu verlassen, weil draußen die Fremden überhand nehmen. Gut ist, wenn einem die Furcht vor Stickoxiden und Feinstaub so zusetzt, dass man sich nicht mehr auf die Straße traut. Im Ergebnis bewirken beide Ängste das Gleiche, nämlich das Gefühl, in Deutschland nicht mehr sicher zu sein. Dennoch wird im politischen Alltag zwischen linken und rechten Obsessionen ein gewaltiger Unterschied gemacht.

Ich bin ein eher gelassen gestimmter Mensch. Wenn ich meine Geisteshaltung beschreiben sollte, dann würde ich sie als heiteren Pessimismus bezeichnen. Mir fällt es zum Beispiel schwer zu glauben, dass ausgerechnet dem Muslim gelingen sollte, was Wettrüsten, Waldsterben, Aids, BSE sowie diverse Schweine- und Vogelgrippen nicht hinbekommen haben. Aber mit dieser Grundgelassenheit bilde ich im Kollegenkreis eher eine Ausnahme. Ständig lese ich, von welchen Gefahren ich umgeben sei. Heute ist es der Diesel, der uns den Garaus macht, morgen irgendwelche Rückstände im Frühstücksei, übermorgen die Milch oder der saure Regen.

Keine Aufregung nötig

Das Hysterische wird als Kategorie in der Politikwissenschaft vernachlässigt, dabei verdanken wir ihm die beiden bedeutendsten Parteigründungen der vergangenen 50 Jahre. Ohne die Angst als Treibsatz hätte es die Grünen nie gegeben, und ohne Angst wäre auch der rasante Aufstieg der AfD von einer Randerscheinung zur 15-Prozent-Partei nicht zu verstehen. Dass die beiden Parteien mehr miteinander zu tun haben, als den jeweiligen Anhängern lieb ist, scheint mir evident.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie man sich über die Ängste anderer mokieren kann, ohne die eigene Angstfixierung zu bedenken. Mich erinnert das an Menschen, die über die Wissenschaftsfeindlichkeit des amerikanischen Präsidenten klagen, um dann im nächsten Atemzug zu begründen, warum sie ihr Kind auf keinen Fall zum Impfen schicken, weil Impfen Autismus auslöse.

Ein Freund, mit dem ich dieser Tage über die Angst als politisches Leitmotiv sprach, erwiderte, Fremde würden einen ja nicht töten. Davon abgesehen, dass dies im Einzelfall durchaus anders gesehen werden kann, erscheint mir auch die Tödlichkeit vieler Umwelteinflüsse, die links der Mitte für Unruhe sorgen, alles andere als erwiesen zu sein. Ich kenne die genauen Fallzahlen bei Genmais nicht. Aber ich bezweifele, dass der Killermais eine Gefahr darstellt, die wissenschaftlicher Überprüfung standhält.

Ein anderes Argument lautet, dass man in den Teilen Deutschlands, wo man besonders gegen den Zuzug von Fremden sei, kaum Ausländer habe, die Angst also grundlos sei. Aber auch das ist bei genauerer Betrachtung kein besonders stichhaltiger Einwand. Vielleicht wollen sie es in Dresden einfach nicht so weit kommen lassen, wie es in Frankfurt, Stuttgart oder München bereits gekommen ist. Um sich vor der Atomkraft zu ängstigen, braucht man ja auch kein Kernkraftwerk vor der eigenen Nase. Es reicht, dass eines in Brokdorf oder Philippsburg steht.

Mir ist es sehr sympathisch, wenn Menschen eine gewisse Unerschrockenheit an den Tag legen. Hysterie ist auf Dauer furchtbar anstrengend. Nur, liebe linke Neu-Optimisten, wie schön wäre es, ihr bliebet auch dabei. Wenn das nächste Mal von Dieseltoten oder Genfood-Verstümmelten die Rede ist, wünsche ich mir so viel Abgeklärtheit, wie sie jetzt in Verteidigung der Leistungen der Bundeskanzlerin aufgebracht wird. "Cool Germany" - das wäre doch mal ein Projekt, an dem zu arbeiten sich lohnen würde.

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