Gesundheit von Spitzenpolitikern Immer fit oder doch nicht?

Drei Zitteranfälle führen zu Spekulationen über die Gesundheit der Kanzlerin. Aber wie offen müssen Spitzenpolitiker mit Erkrankungen umgehen? Und wie halten es eigentlich Staats- und Regierungschefs anderer Länder?

CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

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Angela Merkel ist für ihre körperliche Konstitution und Ausdauer bekannt - eigentlich. Und jetzt das: Drei Mal fing ihr Körper bei öffentlichen Terminen an zu zittern, zuletzt am Mittwoch beim Besuch des finnischen Regierungschefs, als die Kanzlerin mit ihrem Gast den Nationalhymnen lauschte. Am Donnerstag stand die gleiche Zeremonie an, diesmal für die dänische Amtskollegin. Vorsichtshalber absolvierten Merkel und Mette Frederiksen einen Teil des Programms im Sitzen, entgegen den Gepflogenheiten.

Die Bundeskanzlerin ist nun mit Spekulationen um ihren Gesundheitszustand konfrontiert. Merkel beteuert, es gehe ihr gut, erklärt das Zittern mit einer "Verarbeitungsphase" seit dem ersten Vorfall.

Ist sie in ärztlicher Behandlung? Man dürfe davon ausgehen, "dass ich erstens um die Verantwortung meines Amts weiß und deshalb auch dementsprechend handele - auch was meine Gesundheit anbelangt". Und zweitens, "dass ich auch als Mensch ein großes persönliches Interesse daran habe, dass ich gesund bin und auf meine Gesundheit achte".

Darauf muss sich die Öffentlichkeit verlassen. Merkel veröffentlicht kein offizielles Dokument über ihren Gesundheitszustand, es gibt keine Schreiben ihrer Ärzte oder Einsichten in Krankenakten.

Das hat Tradition: In der Bundesrepublik gehört es zum guten Ton, nicht öffentlich über den Gesundheitszustand von Spitzenpolitikern zu spekulieren, Vorschriften für Amtsträger, regelmäßige Medizinchecks öffentlich zu machen, gibt es nicht. Auch wenn das Berufspolitikerdasein eine enorme physische Herausforderung darstellt - lange Arbeitszeiten, unregelmäßiges Essen, viele Reisen.

Wann sollten Krankheiten von Spitzenpolitikern öffentlich gemacht werden?

Krankheiten könnten als Zeichen von Schwäche gedeutet werden, das fürchten heute immer noch viele Spitzenpolitiker. Darum tendieren sie dazu, jegliche Gebrechen zu verschweigen, so lange es geht. Helmut Schmidt etwa wurde fast hundertmal ohnmächtig, während er Kanzler war. Erzählt hat er das erst Jahre später.

Andere Politiker gehen von sich aus in die Offensive, zum Teil, weil sich ihre Erkrankungen schlicht nicht mehr verheimlichen lassen. Malu Dreyer etwa, kommissarische SPD-Vorsitzende und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sprach elf Jahre, nachdem bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, auf einer Pressekonferenz darüber. Ihre Beeinträchtigung sei langsam offensichtlich geworden, sagte Dreyer in einem Interview mit der "Zeit". Mike Mohring, CDU-Spitzenkandidat in Thüringen, machte seine Krebserkrankung in einem Video öffentlich, die Spuren der kräftezehrenden Therapie waren da nicht mehr zu übersehen.

Gibt es eine Regel? Nein, wollte man eine aufstellen, dann vielleicht diese: Krankheiten von Politikern gehen die Öffentlichkeit nichts an, außer deren Arbeit ist davon beeinträchtigt.

Bei Merkel kann, soweit man weiß, von einer Beeinträchtigung ihrer Arbeit keine Rede sein. Sie reiste in den vergangenen Wochen zum G20-Gipfel nach Japan und verhandelte in Brüssel in einer Marathonsitzung über die europäische Kommissionspräsidentschaft. Mal abgesehen vom üblichen voll gepackten Terminkalender.

Die Zitteranfälle ereilten sie allerdings bei öffentlichen Auftritten, das Interesse und die Sorge der Öffentlichkeit ist daher nachvollziehbar. Ein Anspruch auf öffentliche Ärztebulletins resultiert daraus nicht.

Hat die Kanzlerin einen Leibarzt?

Nein, diese Funktion gibt es in Deutschland nicht. Auf längeren Auslandsreisen begleitet die Delegation stets ein Arzt des Auswärtigen Amts, der aber nicht nur für die Kanzlerin persönlich zuständig ist. Darüber hinaus hat Merkel einen Hausarzt - so wie die meisten anderen Bürger auch.

Im Bundestag gibt es eine Parlamentsärztin. In ihre Praxis können die Abgeordneten kommen, wenn sie es nicht schaffen, in Sitzungs- oder Wahlkreiswochen zu ihren Hausärzten zu gehen - in manchen Fällen ersetzt die Parlamentsärztin den Hausarzt.

Wie gehen andere Länder mit der Gesundheit ihrer Politiker um?

In den meisten Staaten ist nicht vorgeschrieben, wie Staats- und Regierungschefs oder Kabinettsmitglieder mit Krankheiten in der Öffentlichkeit umzugehen haben. Allerdings gibt es Länder, in denen es üblich und gelebte Praxis ist, dass Präsidenten Dossiers über ihre Gesundheit veröffentlichen.

  • USA: In den vergangenen Jahren wurde es für Präsidenten zur Gewohnheit, ihre Gesundheitsdaten, zumindest zum Teil, öffentlich zu machen. Barack Obamas Gesundheitsreport umfasste mehrere Seiten, genau wie der von George W. Bush. Als Hillary Clinton während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 einen Schwächeanfall erlitt, wurden diese Bilder in den Tagen danach tausendfach gezeigt. Später sagte ihr Arzt, sie habe sich eine Lungenentzündung zugezogen. Ernste Krankheiten haben US-Präsidenten in der Vergangenheit verheimlicht. Woodrow Wilson, von 1913 bis 1921 Präsident der Vereinigten Staaten, hatte 1919 einen schweren Schlaganfall - danach führte seine Frau faktisch die Regierungsgeschäfte weiter. Wilson wurde dennoch nicht für amtsunfähig erklärt.
  • Frankreich: Nach dem Tod von Georges Pompidou 1974 wurde das Versprechen gegeben, dass regelmäßig Berichte über den Gesundheitszustand des Präsidenten veröffentlicht werden. Pompidou verheimlichte seine Erkrankung an Morbus Waldenström - kurz bevor er daran im Amt verstarb, sprach der Élysée-Palast noch von einer Erkältung. Pompidous Nachfolger Valery Giscard d'Estaing hielt sich jedoch nicht an dieses Versprechen, François Mitterrand, Präsident von 1981 bis 1995, kam ihm zumindest formal nach, allerdings entsprachen die Berichte nicht der Wahrheit. Er hatte Prostatakrebs, das wusste er bereits seit Anfang der Achtzigerjahre, hielt die Erkrankung aber sehr lange geheim. Seine Leibärzte fälschten für ihn sogar Dokumente. Jacques Chirac weigerte sich 1995, Auskunft über seine Gesundheit zu geben, aber sicherte zu, "wichtige Informationen" nicht zu verheimlichen. Der aktuelle Präsident Emmanuel Macron versprach zwar in einem Interview im April 2017, ebenfalls zu informieren, sobald seine Fähigkeit zu regieren durch die Gesundheit beeinträchtigt sei, regelmäßige Berichte über seinen Gesundheitszustand sind aber bislang nicht veröffentlicht worden.
  • Russland: Gesundheitsfragen sind in Russland stets Machtfragen. Vertreter der medizinischen Abteilung des Kreml äußern sich nur selten über den Gesundheitszustand des Präsidenten. Laut Artikel 92 der Verfassung muss der Präsident vorzeitig sein Amt aufgeben, wenn eine "anhaltende gesundheitliche Unfähigkeit" vorliegt. Doch was das genau heißt, bleibt vage. Präsident Boris Jelzin blieb auch noch im Amt, als sein übermäßiger Alkoholkonsum und seine schweren Depressionen ein offenes Geheimnis waren. Dennoch beteuerte der Kreml, dem Präsidenten gehe es gut. Wladimir Putin inszeniert sich dagegen bewusst als sportlicher Präsident, ließ sich mit freiem Oberkörper beim Angeln ablichten, beim Eishockey und beim Eisbaden filmen. Immer wieder gab es Gerüchte, dass Putin Rückenprobleme habe.


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