Angst vor Ehrenmord Leyla flieht vor der eigenen Familie

Sie sollte zwangsverheiratet werden, Prügel war an der Tagesordnung – doch erst als Leyla Hasan* erkennt, dass sie in Lebensgefahr schwebt, bricht sie mit der Familie und flieht. Das schaffen viele Mädchen nicht – die Folgen sind fatal.

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Hamburg/Berlin – Leyla Hasan* lacht. Ob sie Angst hat? "Massivst." Ob sie bedroht wird? "Natürlich." Sie ist ein wenig irritiert durch die Fragen, die ihr naiv erscheinen. Die junge Marokkanerin sitzt im geblümten Siebziger-Jahre-Kleid auf dem Ledersofa eines schicken Cafés mit ausladenden Kronleuchtern. Sie schildert ihre Erlebnisse, als ob sie nichts Besonderes seien, dabei klingt ihre Geschichte wie ein Schauermärchen aus Tausendundeiner Nacht: Leyla war 16, als ihre Eltern die schöne Tochter mit dem Sohn einer wohlhabenden arabischen Familie verheiraten wollten. Gegen eine stattliche Summe Geld und ein Stück Land in der Heimat. Sie kannte ihren potentiellen Zukünftigen nicht und hatte außerdem andere Pläne – die Schule beenden zum Beispiel.

Leyla lief deshalb fort und versteckte sich eine Weile in Jugendheimen, sie versuchte mit einem türkischen Mann eine eigene Familie zu gründen. Aber sie scheiterte - und kehrte nach Hause zurück.

"Damals habe ich nicht geglaubt, dass sie mir wirklich etwas tun", sagt die heute 23-Jährige über ihre Familie. Ihre lange braunen Locken schwingen, wenn sie redet. "Heute bin ich mir absolut sicher - sie würden." Die Tochter von Migranten, Mutter und Vater sind Akademiker, hat schon immer versucht, ihr Leben so zu gestalten, wie es ihr passt. "Das hat mir viel Ärger eingebracht."

Parallelen zum Fall Morsal O.

Leylas Geschichte ähnelt dem Fall des Hamburger Mädchens Morsal Obeidi, die ihrerseits aus einer bürgerlichen afghanischen Familie stammt. Die 16-Jährige Morsal wurde vor zwei Wochen auf einem Parkplatz von ihrem Bruder ermordet, 20 Mal stach er mit einem Messer zu. Weil sie selbst bestimmen wollte, wie sie lebt. Nicht nur der Bruder, auch der Vater und eine Schwester hatten Morsal davor immer wieder geschlagen und misshandelt.

Auch Leyla kassierte regelmäßig Prügel vom Vater oder Bruder. "Schläge gehörten bei uns zur Tagesordnung", sagt sie. "Mal gab es 'ne Schelle, mal flog der Kopf gegen die Wand." Der Grund? Sie zuckt mit den Achseln. Weil sie zu spät kam, weil sie mit fremden Jungs gesehen wurde, so was eben.

Zwar ähneln sich die Biografien von Morsal und Leyla, doch eine wichtige Entscheidung haben sie unterschiedlich getroffen: Morsal wollte nicht endgültig mit ihrer Familie brechen. Leyla war vorsichtiger, wohnt nun in einem anderen, fernen Winkel Deutschlands. Sie lebt. Morsal nicht.

"Es gibt nur einen konsequenten Schutz, und der heißt weggehen", sagt Andreas Becker* vom Hilfsverein " Hatun und Can", "und zwar weit weg". Der ehrenamtliche Helfer ist überzeugt: "Hätte Morsal uns eine E-Mail geschickt, wäre sie heute noch am Leben." Sein Verein hilft Frauen schnell und unbürokratisch. Wenn eine ihre Not schildert, bekommt sie sofort ein Bahnfahrkarte am Ticketautomaten hinterlegt - und wird in einer neuen Stadt untergebracht.

Warum kehren die Töchter in das Martyrium zurück?

Leyla fiel dieser endgültige Schritt nicht leicht. Auch nicht, nachdem ihr der Vater einmal ein Messer an die Kehle drückte. Andreas Becker kennt viele solche Fälle. Er erklärt, warum die verlorenen Töchter immer wieder in ihr Martyrium zurückkehren: Die Verwandten nutzen perfide drei Emotionen aus: Liebe, Schuldgefühle und Hoffnung. Meist in dieser Reihenfolge, so Becker. Zunächst kämen immer Anrufe und SMS – "bitte komm' nach Hause, deiner Mutter geht es schlecht". Dann die Beschimpfungen: "Du Hure", "Du bringst uns Schande." Als letztes folgen besänftigende Worte: "Komm' zurück, keiner tut dir was, es wird sich alles ändern."

Spätestens da können viele Mädchen laut Becker nicht widerstehen. Die Hoffnung, wieder die Geborgenheit der Familie zu spüren, schwäche oft die Erinnerung an die Schmerzen. Leyla Hasan lächelt abwesend, sie erinnert sich: "Ich dachte jedes Mal, sie haben endlich verstanden, warum ich weggelaufen bin." Sie hatte gehofft, dass ihre Eltern einsehen, dass sie keine Knochenbrüche und blauen Flecken mehr will. Doch es sei nie besser geworden. Im Gegenteil.

Nach der letzten Versöhnung wurden Leylas Schritte ständig überwacht.

Und dann - auch das eine Parallele zu Morsal Obeidi - wurde Leyla nach Marokko geschickt. "Um meinen Willen zu brechen", sagt sie. Monatelang saß sie in einem abgeschnittenen Dorf, das nächste Telefon gab es beim Krämer, eine Stunde zu Fuß entfernt. Was sie dort tun musste? "Nichts, man vegetiert vor sich hin." Leyla hat die Funktion dieses Nichtstuns inzwischen durchschaut: "Wenn sie dich zurückholen, bist du nur noch dankbar."

Leyla ließ sich verloben, machte alles mit

Danach, in Deutschland, will Leylas Vater wieder ihr Leben bestimmen: "Du wirst heiraten." Leyla, des Kämpfens müde, wollte nur noch Frieden, also bat sie darum, den arrangierten Ehegatten wenigstens vorher kennenlernen zu dürfen. "Der war" – sie verzieht ihr Gesicht angewidert – "schlimm, so einer, der dich zur Hauptfrau nimmt, an den Herd stellt und selber um die Häuser zieht." Ein Hinterwäldler.

Leyla ließ sich verloben, macht alles mit. Doch ihr Inneres sträubte sich gegen die anstehende Hochzeit. Dann sah sie im Fernsehen einen Bericht über den Verein "Hatun und Can". Sie schickte ihnen eine E-Mail und bat um Hilfe. Noch war sie unentschlossen. "Gehen, das heißt allein sein." Ganz allein. In ihrem Zimmer aber, da hing dieses Hochzeitskleid, "wie eine böse Vorwarnung", das besiegelte Ende ihrer Freiheit.

Wenige Stunden vor der Hochzeit, sie war bereits beim Frisör und geschminkt, bekam sie Panik: Leyla warf Klamotten aus dem Fenster, wahllos, auch einzelne Schuhe. Unter dem Vorwand den Müll wegzubringen, hastete sie die Treppe runter, sammelte einige Kleiderstücke auf der Straße ein und rannte davon. Zum Bahnhof. Zum Zug. In die Isolation. Die Stunden der Fahrt waren ein einziger Adrenalintrip. "Ich habe gelacht, geweint, vor mich hin gestarrt."

"Ich würde meine Familie niemals aufgeben, wenn ich nicht wüsste, dass ich es sonst mit dem Leben bezahle," sagt Leyla in ihrer souveränen Art, ohne Tränen. Was sie von dem Begriff Ehrenmord hält? Sie lacht wieder auf, mit diesem Blick, der sagen will: was für eine naive Frage. "Das Wort wird falsch benutzt." Wenn eine Mutter im Affekt einen Mann umbringt, weil der gerade ihre Tochter vergewaltigt – "das wäre ein Ehrenmord". Wenn aber ein Bruder seine Schwester tötet, weil sie nicht tut, was er will, "dann hat das mit Ehre nichts zu tun".

In keiner Kultur.


*Namen von der Reaktion geändert

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