Fahndung nach Anis Amri Spurensuche in Moabit

Wie nahe war die Berliner Polizei Anis Amri? Der RBB veröffentlichte Aufnahmen, die angeblich den Verdächtigen vor einer Islamisten-Moschee in Moabit zeigten - nach dem Anschlag. Der LKA-Chef dementiert.

Video, das Amri nach dem Anschlag zeigen soll
Twitter/ rbb24

Video, das Amri nach dem Anschlag zeigen soll


Der Chef des Berliner Landeskriminalamts, Christian Steiof, hat einen Bericht zurückgewiesen, wonach der Terrorverdächtige Anis Amri nur Stunden nach dem Berliner Anschlag von einer polizeilichen Überwachungskamera vor einer Moschee im Stadtteil Moabit aufgenommen wurde. Die veröffentlichten Bilder zeigten nicht Amri, wird Steiof aus einer Sitzung des Innenausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus zitiert.

Unklar war zunächst, ob sich der LKA-Chef mit seiner Aussage auch auf frühere Aufnahmen vor dem Anschlag bezog, die angeblich Amri zeigen sollen.

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hatte berichtet, dass der in Mailand erschossene mutmaßliche Lkw-Attentäter wenige Tage vor und auch kurz nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche von der Polizei gefilmt worden sei.

Amri soll demnach auf Bildern einer Kamera zu sehen sein, die den Eingangsbereich des Moscheevereins Fussilet 33 in Moabit überwacht. Laut RBB sei der Tunesier am 14. und 15. Dezember jeweils in den frühen Morgenstunden dort aufgenommen worden. Auch am Morgen nach der Tat, um kurz vor vier Uhr, soll Amri das Gebäude nach RBB-Darstellung verlassen haben. Der Sender veröffentlichte Standbilder aus den Überwachungsfilmen, die Amri zeigen sollen.

Die Berliner Polizei hatte die betroffenen Räume des Moscheevereins Fussilet 33 in Moabit am Donnerstagmorgen gestürmt. Die Moschee ist Berliner Behörden als Hort für Islamisten in der Hauptstadt bekannt. Dem Vereinsvorstand galt das Gebetshaus als "Moschee der ISIS-Leute in Berlin". Das geht aus Abhörprotokollen hervor, aus denen ebenfalls der RBB zitiert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Moschee ist eine Polizeiwache.

Moscheeverein als Islamistenbrennpunkt bekannt

2015 führte die Berliner Polizei bei Fussilet 33 eine Razzia durch, ein Imam landete in Untersuchungshaft, mehrere Mitglieder vor Gericht, weil sie den internationalen Terror unterstützt und in einem Fall ein Märtyrervideo erstellt haben sollen, berichtet der RBB.

Fussilet 33 wird auch im jüngsten Bericht des Berliner Verfassungsschutzes als Treffpunkt von Islamisten geführt. Beim Islamunterricht sollen dort Muslime - meist Türken und Kaukasier - für den bewaffneten Kampf der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien radikalisiert worden sein. Auch sei Geld für Terroranschläge in Syrien gesammelt worden.

Amri, von deutschen Sicherheitsbehörden als sogenannter Gefährder eingestuft wurde, stand in Berlin unter polizeilicher Überwachung - allerdings nur bis September. Weil sich daraus keine Hinweise auf die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ergaben, konnten die Maßnahmen nicht verlängert werden.

Amri war im Februar 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist, wurde in Nordrhein-Westfalen als Asylbewerber registriert, lebte aber nach Behördeninformationen die längste Zeit in Berlin. Schon kurz nach seiner Einreise nahm Amri Kontakt zu Salafisten und mutmaßlichen IS-Unterstützern in Nordrhein-Westfalen auf. Später soll Amri in direktem Kontakt zum IS über einen Messenger-Dienst gestanden und sich als Selbstmordattentäter angeboten haben.

Am Mittwoch hatten die deutschen Sicherheitsbehörden eine öffentliche Fahndung nach Amri eingeleitet. Am frühen Freitagmorgen wurde er nach einer Polizeikontrolle in Mailand von einem Polizisten erschossen.

cht/dpa

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