Bundesbildungsministerin Karliczek empfiehlt Schülern Besuch von KZ-Gedenkstätte

Schüler sollten Orte wie das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz bereisen - das findet Bildungsministerin Karliczek. So könnten junge Menschen begreifen, was im Nationalsozialismus geschehen ist.
Eingang zum ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz: Laut einer Umfrage war ungefähr jeder fünfte Deutsche schon einmal dort

Eingang zum ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz: Laut einer Umfrage war ungefähr jeder fünfte Deutsche schon einmal dort

Foto: JANEK SKARZYNSKI/ AFP

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek spricht sich dafür aus, dass alle Schüler mindestens einmal ein ehemaliges Konzentrationslager (KZ) oder eine andere Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus besuchen sollten. "Damit gerade junge Menschen begreifen, was geschehen ist, ist es notwendig, die Orte der Gräuel zu besuchen und angesichts der Verbrechen innezuhalten", sagte die CDU-Politikerin anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz an diesem Montag.

Allein in Auschwitz brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den Deutschen erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung.

Alle seien aufgefordert, sich weiter mit diesem schrecklichen Teil unserer Geschichte auseinanderzusetzen, sagte Karliczek. Es dürfe keinen Schlussstrich geben. Die Ministerin äußerte sich dabei nicht zur Frage, ob solche Gedenkstättenbesuche für Schüler obligatorisch sein sollte. Die Bundesländer forderte sie auf, antisemitische Vorfälle an den Schulen "konsequent zentral" zu erfassen. "Jüdische Kinder dürfen in unserem Land keine Angst vor Anfeindungen haben", so Karliczek. Antisemitismus dürfe in der Gesellschaft keinen Platz haben und an den Schulen nicht toleriert werden.

Jeder zweite Deutsche hat ein ehemaliges KZ besucht

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa ist eine deutliche Mehrheit der Deutschen dafür, alle Schüler zum Besuch eines ehemaligen KZs zu verpflichten. In der Befragung sprachen sich 56 Prozent für solche Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten mindestens einmal während der Schulzeit aus. 34 Prozent der Befragten waren dagegen, 10 Prozent machten keine Angaben. Die Online-Umfrage mit mehr als 2000 Teilnehmern ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren, die Ergebnisse wurden gewichtet.

Vor allem die jungen Erwachsenen, die die Schulzeit noch nicht lange hinter sich haben, wünschen sich laut den Daten Pflichtbesuche. Von den 18- bis 24-Jährigen sind 64 Prozent dafür. Aber auch in allen anderen Altersgruppen hält eine Mehrheit die Idee für sinnvoll.

Der Umfrage zufolge haben 55 Prozent der erwachsenen Deutschen mindestens einmal ein ehemaliges KZ besucht. Interessant dabei: Je älter die Befragten, desto geringer ist der Anteil derjenigen, die schon einmal in einer KZ-Gedenkstätte waren. Von den 18- bis 24-Jährigen sind es 67 Prozent, von den über 55-Jährigen nur 49 Prozent. In Auschwitz war von allen Befragten bisher nur jeder Fünfte. Ob die Besuche während der Schulzeit oder erst später im Leben stattfanden, wurde nicht erfasst.

dbate

Unterschiede je nach Bundesland

Der Zentralrat der Juden hatte sich erstmals vor fünf Jahren für verpflichtende Besuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten ausgesprochen. Danach hatte es immer wieder entsprechende Forderungen auch von Politikern unterschiedlicher Parteien gegeben. Vergangenen Sommer plädierte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach einer Israel-Reise dafür. "Ich bin davon überzeugt, dass der Besuch einer Gedenkstätte auf jedem Lehrplan stehen und sich jeder zumindest einmal in seinem Leben damit auseinandersetzen muss", sagte sie damals der "Bild"-Zeitung.

Einige Experten argumentieren, ein Zwang könnte pädagogisch kontraproduktiv sein. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sprach sich gerade gegen eine Besuchspflicht für Schüler aus. Den Zeitungen der Funke Mediengruppe  sagte sie, der Besuch von Gedenkstätten sollte stattdessen Teil der Lehrerausbildung werden.

Die Länder handhaben das Thema sehr unterschiedlich. Bayern hatte als erstes Land den Besuch einer Gedenkstätte in den Lehrplänen von Gymnasien und später auch von Realschulen fest verankert. In anderen Bundesländern ist zwar der Besuch von einem oder mehreren Gedenkorten obligatorisch. Es muss sich dabei aber nicht um Orte aus der NS-Zeit handeln. Viele Schulen unternehmen die Fahrten allerdings freiwillig, in manchen Lehrplänen werden sie auch empfohlen.

mbö/dpa