Linken-Abgeordnete über Bundestagsarbeit "Der Preis ist zu hoch"

Im Bundestag brechen innerhalb eines Tages zwei Politiker zusammen. Die Linken-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg macht die Arbeitsbelastung verantwortlich. Hier spricht sie über Dauerstress, Nachtsitzungen und Trinkverbote.

Anke Domscheit-Berg: "Sollen sie mich halt rauswerfen"
Christoph Soeder/ DPA

Anke Domscheit-Berg: "Sollen sie mich halt rauswerfen"

Ein Interview von


Mitten in seiner Rede hielt Matthias Hauer plötzlich inne, der Blick starr, seine Hände zitterten. Kollegen eilten dem CDU-Bundestagsabgeordneten zu Hilfe. Hauer musste sich noch im Plenum hinlegen, wurde später ins Krankenhaus gebracht.

Der Fall Hauer beschäftigt die Parlamentarier noch Stunden später. Die Fraktionen verständigen sich darauf, an diesem Donnerstag bereits um 22 Uhr Schluss zu machen - deutlich früher als geplant. Es gehe um ein Zeichen des Innehaltens, heißt es. Doch nur wenig später erleidet eine Abgeordnete ebenfalls einen Schwächeanfall.

Anke Domscheit-Berg, netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion, will nun eine Debatte über die Arbeitsbedingungen im Bundestag anstoßen. Auf Twitter berichtet sie in mehreren Botschaften über die Belastungen in ihrem Alltag. Im Interview mit dem SPIEGEL erklärt sie die Hintergründe.

Zur Person
  • Jens Jeske/ imago images
    Anke Domscheit-Berg, Jahrgang 1968, sitzt seit 2017 als parteiloses Mitglied der Linksfraktion im Bundestag. Sie ist netzpolitische Sprecherin der Fraktion. Domscheit-Berg wuchs in Brandenburg auf. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete sie unter anderem bei McKinsey und bei Microsoft. Von 2012 bis 2014 war sie bei den Piraten aktiv.

SPIEGEL: Frau Domscheit-Berg, direkt nach dem Zusammenbruch Ihres Kollegen Matthias Hauer haben Sie sich auf Twitter über die Arbeitsbedingungen der Abgeordneten beklagt. Warum?

Domscheit-Berg: Ich weiß natürlich nicht, was in diesem Fall die Ursache war. Aber man merkt einfach zu oft, dass unsere Arbeit körperliche Folgen hat, die sie nicht haben dürfte. Wenn man sich politisch engagieren möchte, darf das nicht Leben und Gesundheit gefährden.

SPIEGEL: Was meinen Sie?

Domscheit-Berg: Wir hatten doch gerade erst die Debatte über Angela Merkels Zitteranfälle. Sahra Wagenknecht musste wegen eines Burn-outs kürzertreten. In dieser Legislatur sind zwei Kollegen gestorben. In meinem Kreisverband ist ein Genosse einfach tot umgefallen - mit Mitte 40. Es sind einfach so viele Fälle. Der Preis ist zu hoch.

SPIEGEL: Was ist so schwer?

Domscheit-Berg: Wir arbeiten unter menschenfeindlichen Bedingungen. Wir sitzen zum Beispiel stundenlang und häufig bis weit nach Mitternacht im Plenum, dürfen dort aber nicht einmal trinken. Als ich 2017 neu im Bundestag war, habe ich mir im Foyer an einem Spender einen Becher Wasser gezapft und wollte damit ins Plenum gehen. Ein Saaldiener hielt mich damals auf und sagte mir, das gehe gegen die Würde des Hauses, es sei hier ja keine Imbissbude. Das ist irrational, es geht ja nicht darum, Cola-Dosen auf die Tische zu stellen. Auch Essen ist verboten. Abgeordnete knabbern dann heimlich unter den Tischen Studentenfutter oder schieben Schokopralinen in sich rein, weil sie einfach oft Hunger haben, es keine Pausen gibt und man bei Debatten aus dem eigenen Fachgebiet schlecht rausgehen kann.

SPIEGEL: Haben Sie die strengen Regeln überrascht?

Domscheit-Berg: Absolut. Mir war auch nicht klar, dass die Debatten so oft bis in die Puppen gehen. Das ist in dieser Legislaturperiode aber auch besonders extrem.

SPIEGEL: Warum?

Domscheit-Berg: Zum einen haben wir jetzt sechs statt zuvor vier Fraktionen, die alle Arbeit produzieren, Gesetzesvorschläge und Anträge einbringen. Früher war es aber auch üblich, gegen Mitternacht geplante Reden einfach zu Protokoll zu geben. Das verweigert die AfD. Und da niemand den Rechten die Bühne überlassen will, reden dann eben auch alle anderen weiter.

SPIEGEL: Was stört Sie noch?

Domscheit-Berg: Ich hatte in meinem Leben schon sehr anstrengende Jobs, war beispielsweise Projektleiterin bei McKinsey. Aber das hier toppt alles. Besonders anstrengend ist, dass wir keine Pausen in unseren mit Terminen vollgestopften Tagen haben und dass man kaum Zeit hat, sich auf Dinge vorzubereiten. Das können spontane Presseanfragen sein, aber auch Anträge, zu denen ich sprechen soll, die ich aber am Vortag zum ersten Mal sehe. Wichtige Briefings zu Ausschussanhörungen kann ich oft nur überfliegen, wenn es schon losgeht. Gleichzeitig muss ich den Experten zuhören und mir Fragen für sie ausdenken. Wir sind extrem tief in unseren jeweiligen Fachgebieten drin, das sind hochkomplexe Themen, bei denen Oberflächlichkeit sich verbietet. Aber ich habe das Gefühl, ich mache nur Multitasking von morgens bis abends.

SPIEGEL: Was macht das mit Ihnen?

Domscheit-Berg: Fast alle Bundestagskollegen leiden unter chronischem Schlafmangel. Wenn ich nachts nach Hause komme, kann ich auch nicht sofort ins Bett, ich brauche dann noch mindestens eine Stunde, um runterzukommen. Nach dem ersten Jahr war ich auch dem Burn-out nahe. Ich hatte Herzrhythmusprobleme und Schlafstörungen.

SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um?

Domscheit-Berg: Mit meinem Team habe ich diverse Maßnahmen beschlossen, zum Beispiel Arbeitstreffen ins Abgeordnetenrestaurant im Bundestag zu verlegen. Demnächst treffe ich dort etwa einen Botschafter zum Austausch über Digitalisierung. Da bekomme ich wenigstens nebenbei etwas zu essen. Im Sommer habe ich mir zwei Wochen festen Urlaub verschrieben. Und für Wochenendarbeit versuche ich, mir einen Ausgleichstag frei zunehmen. Das klappt nicht immer, aber schon häufig. Übrigens ist es für Frauen oft besonders schwer, sich mit diesem Leben zu arrangieren.

SPIEGEL: Warum ist das so?

Domscheit-Berg: Frauen haben viel seltener Angehörige, die diese Belastungen mittragen. Meistens ist es doch noch die Frau, die dem Mann den Rücken freihält. Vielleicht ist das auch ein Grund für den niedrigen Frauenanteil in der Politik. Die Familie zahlt eben auch einen hohen Preis dafür, dass man kaum zu Hause und nur müde und ausgelaugt ist.

SPIEGEL: Reden Abgeordnete eigentlich offen miteinander über diese Probleme?

Domscheit-Berg: Untereinander schon, aber nicht öffentlich. Nach außen ist das ein Tabuthema. Kollegen warnen eher davor, solche Dinge anzusprechen. Die sagen, das verstehe doch draußen niemand und das gebe nur Shitstorms gegen uns Abgeordnete.

SPIEGEL: Tatsächlich sind andere Jobs auch anstrengend. Fürchten Sie nicht, dass man Ihnen Jammerei vorwirft?

Domscheit-Berg: Klar haben es andere auch schwer. Aber das macht ja meine Arbeit nicht zum Urlaubsjob. Niemand will doch, dass ein Operateur in seiner dritten Schicht an einem herumschnippelt, obwohl er kaum noch geradeaus gucken kann. Aus dem gleichen Grund sollte jeder in Deutschland ein Interesse daran haben, dass man nicht übermüdet und unkonzentriert Politik macht.

SPIEGEL: Was fordern Sie?

Domscheit-Berg: Zuerst einmal müssen wir ehrlich mit den Problemen umgehen. Immer wieder wird uns ja vorgehalten, da müssten wir durch, weil wir Diäten bekommen. Aber das kann doch kein Grund dafür sein, dass wir dursten müssen, krank werden und uns nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren können. Das ist Quatsch. Es gibt mittlerweile fraktionsübergreifende Gespräche über die Sitzungszeiten im Plenum. Aber ein goldener Weg ist noch nicht gefunden. Was das Wasser betrifft, setze ich jetzt jedenfalls auf zivilen Ungehorsam. Ich werde jedes Mal meine Flasche mitnehmen. Sollen sie mich halt rauswerfen.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
froschbus 07.11.2019
1. Da
Hat sie recht... ausgeschlafen Regierungen sind besser
sparrenburger 07.11.2019
2. die Würde des Hauses
Nicht das essen oder trinken untergräbt die Würde des Hauses sondern diese 'so müßte es sein' Vorstellungen ohne Sinn und Verstand. Genauso wie die nicht gerade menschenfreundliche Einstellung einiger Abgeordneter. Ich meine nicht die AfD - von der erwarte ich gar nichts anderes.
yo-yo 07.11.2019
3. Das geht anderen auch so
Als Lokführer im Güterverkehr sind Schichten von 12-14 Stunden die Regel. Und das 10 Tage am Stück. Und erfordern Aufmerksamkeit von der ersten bis zur letzten Minute.
11erspet 07.11.2019
4. Etikette
Essen und Trinken ist verboten, aber den Rednern nicht zuhören und am Handy rumfriemeln oder Dokumente unterschreiben, wärend sich ein Redner direkt an Jemanden richtet, das ist alles völlig ok? Aber die Ergebnisse des Gremiums sprechen ja für sich. eine Truppe von Menschen, denen offensichtlich Grundlagen der Höflichkeit und der menschlichen Bedürfnisse fremd sind, wird bestimmt einen staatstragenden Output erzeugen. Mir wird schlecht.
Kunstgriffe 07.11.2019
5. Statt Diätenerhöhung
Stimmt, finde ich auch. Statt Diäten-Erhöhung besser coolere Arbeitsbedingungen für die Leute, die sich mit der Orga unserer Gesellschaft rumschlagen. Gibt bestimmt entspanntere Jobs. Da ist die Entlohnung sicher manchmal kein Trost. Jeder, der schon mal BurnOut hatte, weiß das.
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