Kampf gegen Corona "Dieses Tracking ist eine Schnapsidee"

Können Handydaten helfen, das Coronavirus einzudämmen? Die linke Netzpolitikerin Anke Domscheit-Berg hält die bisher diskutierten Vorschläge für untauglich oder problematisch - und hat eine eigene Idee.
Ein Interview von Jonas Schaible
Berlin, Alexanderplatz, in Zeiten der Coronakrise

Berlin, Alexanderplatz, in Zeiten der Coronakrise

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Sean Gallup/ Getty Images

SPIEGEL: Frau Domscheit-Berg, wäre es mit Blick auf die Erfolge Südkoreas in der Corona-Bekämpfung auch für Deutschland sinnvoll, dass Behörden die Handydaten von Menschen nutzen können, um zu verfolgen, wo sie sich aufgehalten haben und so möglichen Kontakt zu Infizierten festzustellen?

Domscheit-Berg: Nein, das wäre nicht sinnvoll. Dieses Tracking ist eine Schnapsidee. Es wäre ein tiefer Eingriff in den Datenschutz und die Privatheit, der nur zu rechtfertigen sein könnte, wenn er auch etwas bringt. Und wenn es keine alternativen Möglichkeiten gibt. Es gibt doch zielführendere und zugleich weniger einschneidende Maßnahmen.

Zur Person
Foto: Christian Thiel/ imago images

Anke Domscheit-Berg, 52, ist netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag und deren Obfrau im Digitalausschuss. Sie arbeitete früher als Beraterin und Unternehmerin, war bei den "Piraten" aktiv und zog 2017 als Parteilose auf der Liste der Linken ins Parlament ein.

SPIEGEL: Warum bringt ein solcher Eingriff nichts?

Domscheit-Berg: Zwar stellen sich viele Leute digitale Daten gern als Wundermittel vor, aber mit Funkzellendaten, wie sie in diesem Zusammenhang diskutiert worden sind, kann man direkte Kontakte überhaupt nicht sinnvoll identifizieren. Denn sie decken relativ große Gebiete ab. Man würde Bewegungsprofile erstellen, um am Ende zu wissen, dass Hunderte oder Tausende Menschen in einer Funkzelle waren. Womöglich Dutzende oder Hunderte Meter voneinander entfernt. Was soll man damit anfangen? Wie soll man das verfolgen?

"Das größte Problem ist: Woher bekommt man die Informationen über Infizierte und Kranke? Ohne diese Informationen funktioniert das System nicht."

SPIEGEL: Ließe sich das mit anderen Daten, zum Beispiel GPS-Daten, nicht ändern?

Domscheit-Berg: Diese Daten haben die Netzbetreiber nicht. Selbst wenn, hätte man in einem sechsstöckigen Haus immer noch keine Ahnung, ob jemand im Keller, im ersten oder im fünften Stock war. Und selbst wenn das ginge: Kommt dann eine SMS, dass man sich bei Gesundheitsbehörden melden soll? Die aber sowieso schon überlastet sind? Wo man am Ende ohnehin keinen Test bekommt?

SPIEGEL: Was tun?

Domscheit-Berg: Sinnvoller wäre es, für mehr Tests zu sorgen und die Gesundheitsämter mit viel mehr Mitarbeitern auszustatten, im Zweifel aus anderen Behörden, und Kontaktketten per Telefon nachzuvollziehen. Das braucht mehr Arbeitskräfte, aber bringt dafür aussagekräftige Daten.

SPIEGEL: Als Alternative sind auch Apps im Gespräch, zum Beispiel solche, die über die Schnittstelle "Bluetooth" Informationen über Geräte in der Nähe einsammeln. So könnten Behörden nach einem positiven Fall feststellen, wer dem Patienten in den letzten Tagen nahegekommen ist.

Domscheit-Berg: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das datenschutzkonform machen lässt. Dazu kommt, dass dieser Dienst nur funktioniert, wenn Bluetooth immer angeschaltet ist. Bluetooth kann aber wie alle Schnittstellen angegriffen werden. Erst 2017 gab es eine Schwachstelle, die fünf Milliarden Bluetooth-Geräte betraf, mit deren Ausnutzung man das ganze Handy hätte ausschnüffeln können.

SPIEGEL: Eine andere Möglichkeit wären Apps, die Zugriff auf GPS-Daten des Telefons haben - die Datennutzung wäre freiwillig, und sie könnten dann Warnungen anzeigen, wenn man dort war, wo sich auch ein Infizierter aufgehalten hat.

Domscheit-Berg: Apps, die GPS-Daten abgreifen, gibt es zuhauf. Das wäre nicht neu. Und es wäre freiwillig. Das größte Problem dabei ist aber: Woher bekommt man die Informationen über Infizierte und Kranke? Ohne diese Informationen funktioniert das System nicht.

"Erfahrung zeigt: Was trollbar ist, wird auch getrollt."

SPIEGEL: Menschen könnten freiwillig markieren, dass sie positiv getestet sind.

Domscheit-Berg: Eine solche Karte wäre massiv trollbar - und Erfahrung zeigt: Was trollbar ist, wird auch getrollt.

SPIEGEL: Sie meinen, Menschen könnten sich aus Spaß als infiziert markieren?

Domscheit-Berg: Genau, und man stelle sich mal vor, jemand war kürzlich noch irgendwo, wo viele Menschen zusammenkommen. Oder er arbeitet bei VW oder in einem Lagerhaus. Oder er manipuliert seine Bewegungsdaten, damit es so aussieht. Natürlich wären das keine offiziellen Informationen, aber wenn plötzlich viele VW-Angestellte eine Warnung bekommen, könnte das Chaos auslösen. Ich sehe da große Gefahren.

SPIEGEL: Also müssten die Daten von vertrauenswürdigen Stellen kommen, aber das dürfte technisch kaum hinzubekommen sein, oder?

Domscheit-Berg: Vielleicht schon. Es gibt eine App, die heißt "Wheelmap", und zeigt für sehr viele öffentliche Orte mit einer Ampel an, ob sie barrierefrei sind. Grundlage ist OpenStreetMap.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Das ist ein Kartendienst wie von Google, aber Open Source, also für jeden nutzbar.

Domscheit-Berg: Genau. Die Infrastruktur gibt es also. Man könnte so auch eine Corona-Ampel bauen. Das ließe sich so einrichten, dass nur Menschen Informationen einspeisen können, die einen bestimmten Zugang haben, etwa Mitarbeiter aus Gesundheitsämtern. Und die müssen ja viele Daten sowieso erheben, wenn sie Kontakte nachverfolgen: Wann war jemand, der positiv getestet wurde, in einer Bar? Wann in welchem Supermarkt? Wann bei der Arbeit? Ort, Uhrzeit. Viel mehr braucht man nicht.

SPIEGEL: Was würde dann mit diesen Daten passieren?

Domscheit-Berg: Diese Kartendaten könnten über eine App mit dem ausschließlich auf dem eigenen Handy vorhandenen Bewegungsprofil der Nutzer verglichen werden. Nutzer könnten eine Pushnachricht erhalten, die sie darüber informiert, wann und wo sie sich an einem Ort aufgehalten haben, der von Gesundheitsämtern für diesen spezifischen Zeitraum als gefährdet klassifiziert wurde - mit roter Ampelfarbe für die gefährlichsten Zeiten. Mit gelber Farbe für erweiterte Zeiträume. Dazu kämen Hinweise auf sinnvolle Verhaltenshinweisen, wie die Aufforderung, sich sofort bei einer bestimmten Nummer zu melden. So könnte man ein datenschutzrechtlich unbedenkliches und nicht leicht trollbares Warnsystem mit Handydaten schaffen.

SPIEGEL: Wäre das nicht unglaublich viel zusätzliche Arbeit?

Domscheit-Berg: Man kann das so gestalten, dass ein Ort auf der Karte aufscheint, wenn jemand im Gesundheitsamt eine Adresse in eine Tabelle zur Verfolgung von Kontakten notiert. Dann müsste er dort nur noch die jeweiligen Zeiträume eintragen. Also ja, es wäre zusätzliche Arbeit, aber die meisten dieser Informationen brauchen Gesundheitsämter ohnehin.

SPIEGEL: Mehr Personal bräuchten sie dafür wahrscheinlich auch.

Domscheit-Berg: Ja, aber das wäre ohnehin sinnvoll. Möglichst umfassendes Testen und möglichst präzise Verfolgung von Fällen sind die wichtigsten Maßnahmen, sagen Experten. Diese Kombination war auch das Erfolgsrezept in Südkorea.