Dirk Kurbjuweit

Grüne Kandidatin Baerbock Der nächste große Schritt

Dirk Kurbjuweit
Ein Kommentar von Dirk Kurbjuweit
Ein Kommentar von Dirk Kurbjuweit
Annalena Baerbock hat die Chance, das Bundeskanzleramt zu erobern. Wenn sie und ihre Mitstreiter es klug anstellen, können die nunmehr hochdisziplinierten Grünen der nächste Stabilitätsanker der Bundesrepublik werden.
Grüne Bundesvorsitzende Annalena Baerbock, 29. März 2021

Grüne Bundesvorsitzende Annalena Baerbock, 29. März 2021

Foto: Michael Kappeler / dpa

Wer etwas Wildes will, muss im September Union wählen. Wer stille Seriosität bevorzugt, dem machen die Grünen ein passendes Angebot. Das ist das vorläufige Ergebnis der Kandidatenkür, die heute Morgen bei den Grünen abgeschlossen wurde, während CDU und CSU weiterkämpfen.

Annalena Baerbock hat sich gegen ihren Konkurrenten Robert Habeck in einem unaufgeregten Verfahren durchgesetzt. Ohne jede Regierungserfahrung könnte sie die nächste Bundeskanzlerin werden, womit ihr größtes Manko benannt ist. Sollte jemand, der noch nie ein Schiff geleitet hat, Kapitän auf einem Flugzeugträger werden? Nein, zu gefährlich. Auf dem maritimen Gebiet jedenfalls.

Aber Erfahrung ist nicht alles, was eine Bundeskanzlerin braucht, auch nicht das Wichtigste. Es sind insgesamt sechs Eigenschaften, um die es geht: Erfahrung, Charakter, Selbstdarstellung, Ideen, Machtwille, Integrationsfähigkeit. Niemand ist in allen Kategorien gut, Merkel hat bis heute Schwächen bei der Selbstdarstellung.

Was Machtwille, Selbstdarstellung und Integrationsfähigkeit angeht, hat Baerbock schon Talent gezeigt. Und nun kommt noch der Wahlkampf, Fest und Feuerprobe der Demokratie. Wenn sie da geschmeidig durchkommt, anders als zuletzt Peer Steinbrück oder Martin Schulz von der SPD, wenn sie überdies Charakter und Ideen zeigen sollte, wäre es kein allzu großes Wagnis, ihr das Bundeskanzleramt zu überlassen. Im Charakter von Söder steckt ein höheres Risiko für Deutschland.

Baerbock gehört in dieses Kandidatenrennen, nicht nur als Frau. Das war sicherlich ein Vorteil von ihr gegenüber Habeck, dass SPD und Union Männer aufbieten und eine feministische Partei wie die Grünen schlecht zulassen kann, dass im Kampf um Merkels Nachfolge keine Frau mitmischt. Aber Baerbock hat zum Beispiel durch couragierte Auftritte in Talkshows bewiesen, dass sie dem manchmal hochgradig verschwurbelten Habeck in der Selbstdarstellung einiges voraus hat.

Für die Grünen ist diese Kandidatur der nächste große Schritt auf ihrem 50-jährigen Weg vom wilden Rand der Gesellschaft in die bürgerliche Mitte  und eventuell sogar an die Spitze. 1983 rückten sie in den Bundestag ein, 1985 wurde Joschka Fischer Minister in Hessen, 1998 führte er die Grünen in die Bundesregierung. Den bislang letzten Meilenstein setzte Winfried Kretschmann, als er 2011 Ministerpräsident in Baden-Württemberg wurde. Nun hat Baerbock die Chance, den großen Preis zu gewinnen, die Kanzlerschaft.

Vermessen ist dieser Anspruch nicht mehr, da das große Thema der Grünen, Umwelt und Klima, vom Rand in die Gruppe der großen Drei der Politik aufgerückt ist, neben der Wohlstands- und der Friedensfrage.

Für die Grünen wird es darauf ankommen, die richtige Balance zu finden zwischen Eingriffen in das Alltagsleben, um den Klimaausstoß zu begrenzen, und der Freiheit für Menschen und Unternehmen. Hier stehen viele Fallen für die Kandidatin Baerbock. Themen wie Benzinsteuer oder fleischfreie Tage in Kantinen haben Wahlkämpfe der Grünen schon schwer beeinträchtigt.

Gleichwohl: Der Klimawandel ist wohl nur mit Zumutungen aufzuhalten. Baerbock muss welche finden, die etwas bewirken, ohne breitflächig Angst, Wut oder Gelächter auszulösen. Keine leichte Aufgabe.

Wenn sie und ihre Mitstreiter auf kluge Antworten kommen, können die nunmehr hochdisziplinierten Grünen der nächste Stabilitätsanker der Bundesrepublik werden. Bislang war das die CDU, die aber abgewirtschaftet hat und wahrscheinlich Jahre braucht, um das Ende der Ära Merkel zu verkraften. Und die SPD hat sich noch immer nicht davon erholt, einen Teil der Stammwählerschaft mit Sozialreformen vergrault zu haben. Die Tür steht gerade weit offen für die Grünen.