Nikolaus Blome

Annalena Baerbock Kanzlerin mit 20

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Grünen schwächeln, Laschet rudert voran. Aber wer die Wahl deswegen für entschieden hält, kann nicht rechnen.
Annalena Baerbock vor dem Grünen-Parteitag am vergangenen Wochenende

Annalena Baerbock vor dem Grünen-Parteitag am vergangenen Wochenende

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Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

Zugegeben: Wenn sich jemand mit meiner Sicht auf die politischen Dinge bemüßigt fühlt, die Grünen aufzurichten, sagt das etwas über deren aktuellen Zustand. Doch nicht Mitleid treibt mich an, es hat mich in der vergangenen Woche einfach geärgert, wie radikal die grünen Wahlaussichten heruntergepreist wurden. Oder mit welch eitlem Selbstgewissheitismus Kreise rechts der Mitte davon ausgehen, dass die Wahl gelaufen sei, weil mitunter mehr als fünf Prozentpunkte zwischen Union und Grünen liegen und Annalena Baerbock in der (fiktiven) Direktwahlfrage schwer gestutzt wurde.

Jaja, stimmt schon, die Grünen und Annalena Baerbock in Person wurden vor Kurzem noch arg hochgejazzt, aber das macht den aktuellen Antihype ja nicht besser. Hype bleibt Hype bleibt blöd – ob er nun hochjubelt oder runtertrommelt. Also Schnappatmung einstellen, bitte, und von wegen »Das war's«, wie Bettina Gaus an dieser Stelle schrieb. Man sollte sich zweimal überlegen, namens der Wahlbevölkerung kurzerhand zu befinden, eine politische Person habe ein für alle Mal die Glaubwürdigkeit verloren.

Es ist anders. Nach dem halbwegs stolperfreien Parteitag werden wir in den nächsten Wochen sehen, aus welchem Holz die Grünen wirklich sind. Den aktuellen Abgesängen liegt jedenfalls ein Denkfehler zugrunde: dass die stärkste Fraktion im Bundestag den Kanzler stellen darf, weil sie ihn (fast) immer gestellt hat. Annalena Baerbock ist ob ihres Alters vielfach vorgehalten worden, mit 40 könne man nicht Kanzlerin werden. Ich sage: Sie kann es mit 20.

Aus der Abteilung prognostische Politfuchsmathe darum dieses: Bleiben AfD und Linke bis September in Summe konstant, braucht Armin Laschet am 26. September klar über 30 Prozent, damit sich keine regierungsfähige Mehrheit gegen ihn bilden kann (weil nur dann der zusammengerechnete Block Union/Linke/AfD stärker ist als die drei Ampelparteien zusammen). Schafft er weniger als die 32,9 Prozent von 2017, geht der schwarze Prozentbalken im TV nach unten, was wie ein alles legitimierender »Wahlsieg« dann nicht ausschaut. Annalena Baerbock hingegen muss nur gut 20 Prozent abliefern, der grüne Balken würde dann mehr als doppelt so groß, was schon eher nach Wechselstimmungwahlsieg aussieht. Zusammen mit SPD und FDP kommt eine Ampel (Stand jetzt) an die 50 Prozent. Das reicht.

Den aktuellen Abgesängen auf die Grünen liegt ein Denkfehler zugrunde: dass die stärkste Fraktion im Bundestag den Kanzler stellen darf, weil sie ihn (fast) immer gestellt hat.

Was halten wir also für wahrscheinlicher? Dass die Grünen am Wahltag unter 20 Prozent liegen oder CDU/CSU klar über 30? Ich würde derzeit da nicht wetten: Angela Merkel und die »schwarze Null«, die beiden Toptrümpfe von 2017, stehen Armin Laschet nicht zur Verfügung. Erstere hat keine Lust, Zweitere hat die Pandemie dahingerafft. Und für 20+ Prozent müssen die Grünen nicht einmal besonders weit in die Mitte der über 60-Jährigen ausgreifen, wo die Union ihre Festungen verteidigt und sich darum sicher wähnt.

»Aber warum sollten SPD und FDP bei einer Baerbock-Ampel mitmachen«, wurde ich am Wochenende auf zwei (coronakonformen) Gartenpartys gefragt. Ganz einfach: Weil die SPD nichts, absolut nichts, zu feiern haben wird am Wahlabend – außer eben der Aussicht, mit einer Ampelmehrheit die CDU zu guter Letzt doch noch aus dem Kanzleramt zu bomben. Endlich ohne die Union zu regieren? Dagegen wäre Opposition wirklich Mist.

Die FDP ihrerseits könnte sich am 26. September vor die Wahl gestellt sehen, in einer grün geführten Ampel als »Stimme der Vernunft« mitzuwirken oder mit den Wahlverlierern in der Opposition Trübsal zu blasen. Wenn die Ampel scheitert, bilden unweigerlich Schwarze und Grüne eine Regierung, ohne die Gelben. Und Hand aufs Herz: Glaubt irgendjemand, dass Christian Lindner Koalitionsverhandlungen erneut blockiert – nachdem er sich jeden einzelnen Tag der vergangenen vier Jahre anhören musste, es 2017 staatsvergessen fahrlässig getan zu haben, come on.

Noch einmal: Man wird in den nächsten Wochen sehen, wie entschlossen die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin kämpfen wollen, um das vermeintlich Unerhörte durchzuziehen – das Projekt »Kanzlerin mit 20«. Ich bin mir da noch nicht sicher, doch was sich die Grünen und ihre Fanbase dabei auf keinen Fall leisten können, ist wehleidige Weinerlichkeit wie aus Anlass der »Moses«-Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, welche die Grünen jüngst als staatsgläubige Verbotspartei hinhängte. Wahrlich nicht ganz taufrisch die Idee, geradewegs verboten indes nun auch wieder nicht. Die ganzseitige Annonce, featuring Annalena Baerbock als »Moses« mit Verbots- statt Gebotstafeln, dürfte eine Stange Geld gekostet haben, aber vermutlich auch nicht mehr als übliche Parteispenden und die sind legal. Trotzdem kannte die Empörung kaum Grenzen, mir jedoch fehlte dabei der Sponti-Spirit: »Moses« von einer Frau verkörpern zu lassen, hätte sich grünenseitig cool auch als Zugeständnis der Konservativen in der Genderdebatte framen lassen. Die Grünen hätten sich zudem auf die alte Judo-Weisheit besinnen können, die da lautet: Wenn dich einer schiebt, schieb nicht zurück, sondern zieh an ihm! Warum hat die Partei also die »Moses«-Optik nicht gekapert, um entlang des eigenen Wahlprogramms Werbung für die Freigabe von Cannabis und Joints daraus zu machen? Textvorschlag aus der Twitter-Blase (copyright @derlampenputzer): »Lass mein Volk ziehen!« Wer am Ende nur knapp über 20 Prozent braucht, muss nicht das ganze Land high machen.

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