Passagen in Buch der Kanzlerkandidatin Plagiatsjäger erhebt Vorwürfe gegen Baerbock

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wird vorgeworfen, für ihr Buch Passagen aus anderen Texten ohne Kennzeichnung übernommen zu haben. Die Grünen sprechen von versuchtem Rufmord.
Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Foto: Ronny Hartmann / AFP

Der Plagiatsgutachter Stefan Weber wirft Annalena Baerbock vor, beim Verfassen ihres aktuellen Buches unsauber gearbeitet zu haben. Weber stellt auf seinem Blog mehrere Passagen aus Baerbocks Buch »Jetzt. Wie wir unser Land erneuern« anderen, früher veröffentlichten Quellen gegenüber, um Ähnlichkeiten oder quasi komplett gleichlautende Passagen aufzuzeigen. Zuerst berichtete der »Focus « über die Vorwürfe.

Weber ist ein österreichischer Medienwissenschaftler und Plagiatsgutachter. Er betreibt ein Blog, in dem er über Plagiatsfälle schreibt und selbst auch in der Vergangenheit immer wieder entsprechende Vorwürfe gegen Prominente erhob. Die Grünen weisen seine Vorwürfe zurück und haben einen Anwalt eingeschaltet.

Baerbock hatte das Buch am vergangenen Montag im Ullstein-Verlag veröffentlicht. Darin soll sie Weber zufolge Textstellen wörtlich aus anderen Quellen übernommen haben, ohne dies zu kennzeichnen. Zieht man die Stellen ab, an denen Weber Übereinstimmungen mit Websites der Grünen entdeckt hat, handelt es sich derzeit um rund ein Dutzend Stellen, an denen sich ganz oder teilweise wortgleiche Sätze oder Teile von Sätzen finden. Einige Beispiele:

  • Auf Seite 79 von Baerbocks Buch heißt es:

»Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus, etwa durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, durch Schäden an Straßen, Schienen und Gebäuden oder durch Rohstoffknappheit.«

Eine fast wortgleiche Einordnung findet sich auch auf dem Blog »Climate Challenge «: »Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus: Sei es durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, Schäden an Verkehrsinfrastrukturen oder Gebäuden oder Änderungen der Beschaffenheit oder Verfügbarkeit von Rohstoffen.«

  • In einer Passage über ihre Erlebnisse bei der EU-Osterweiterung soll Baerbock auf einen Text der Bundeszentrale für politische Bildung zurückgegriffen haben:

»Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürger*innen.«

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung  findet sich diese Passage: »Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürgerinnen und –bürger.«

  • Bei der Beschreibung eines Holzhochhauses in Wien soll sich Baerbock auf die Beschreibungen eines SPIEGEL-Artikels gestützt haben, ohne dies zu zitieren.

Im Buch ist die Rede von Holzgeruch und »dicken Holzpfählen«, die durch die Räume ragen. Zudem schreibt Baerbock: »In Amsterdam ist ein 130 Meter hohes Holzhaus geplant, in Chicago ein 228 Meter großes und in Tokio eines mit 350 Meter Höhe.«

Teils wortgleiche Formulierungen finden sich auch in dem Artikel: »Und der Rekord dürfte früher oder später ohnehin gebrochen werden: In Amsterdam ist ein 130 Meter hohes Holzhaus geplant, in Chicago ein 228 Meter großes und in Tokio eines mit 350 Meter Höhe.

  • Auch den »Tagesspiegel« soll die Kanzlerkandidatin an einer Stelle zitiert zu haben, ohne dies kenntlich zu machen. Das Beispiel ist bisher auf Webers Blog nicht zu finden, er stellte es dem SPIEGEL auf Anfrage zur Verfügung. Im Buch heißt es:

»In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2008 peitschte der Wirbelsturm mit Böen bis zu 240 Stundenkilometern hohe Wellen durch die weitverzweigten Flussarme des Irrawaddy tief ins Landesinnere hinein. Nargis riss 135.000 Menschen in den Tod, zerstörte Dörfer und flutete die Reisfelder mit Salzwasser.«

Beim Tagesspiegel  findet sich folgende Textpassage: »Vor zehn Jahren verwüstete der Zyklon Nargis hier alles. In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2008 peitschte der Wirbelsturm mit Böen bis zu 240 Stundenkilometern hohe Wellen durch die weitverzweigten Flussarme des Irrawaddy bis zu 40 Kilometer ins Landesinnere. Nargis riss 140.000 Menschen in den Tod, zerstörte Dörfer und flutete die Felder der Reiskammer des Landes mit Salzwasser.«

»Das ist der Versuch von Rufmord«

Die Grünen wehrten sich am Nachmittag gegen die Vorwürfe. »Das ist der Versuch von Rufmord. Wir weisen den Vorwurf einer Urheberrechtsverletzung entschieden zurück«, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. »Der Blogger, der bereits falsche Behauptungen zu Frau Baerbocks Abschluss verbreitet hatte, versucht erneut, bösartig ihren Ruf zu beschädigen. Bei den beschriebenen Passagen handelt es sich um allgemein zugängliche Fakten oder bekannte Grüne Positionen.«

Die Parteizentrale verschickte auch ein Statement des bekannten Medienanwalts Christian Schertz, den Baerbock demnach eingeschaltet hat. Von Schertz hieß es: »Ich kann nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen, da es sich bei den wenigen in Bezug genommenen Passagen um nichts anderes handelt, als um die Wiedergabe allgemein bekannter Fakten sowie politischer Ansichten.« Ebenso wie Nachrichten nicht urheberrechtsschutzfähig seien, gelte dies auch für historische Tatsachen beziehungsweise allgemein bekannte Erkenntnisse im Zusammenhang mit Ökologie und Umwelt. »Diese sind sogenannte public domain. Der Vorwurf entbehrt damit jeglicher Grundlage. Es ist offenbar erneut der Versuch einer Kampagne zum Nachteil von Frau Baerbock.«

Auch der Verlag stellte sich in einer ersten Erklärung hinter seine Autorin. »Das Manuskript von Annalena Baerbocks Buch ist im Verlag sorgfältig lektoriert worden. Die Aufzählung von allgemein zugänglichen Fakten ist ebenso wenig urheberrechtlich geschützt wie einfache Formulierungen, mit denen solche Fakten transportiert werden. Wir können keine Urheberrechtsverletzung erkennen«, hieß es vom Ullstein-Verlag auf Anfrage.

Baerbocks Buch enthält kein Quellenverzeichnis. Dies ist bei populärwissenschaftlichen Werken nicht unüblich, es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit wie etwa eine Dissertation. Dabei versichert man eidesstattlich, die Arbeit eigenständig und ohne fremde Hilfe und nach den geltenden wissenschaftlichen Standards – wozu auch das korrekte Zitieren gehört – angefertigt zu haben. Dieser Standard gilt für ein populärwissenschaftliches Buch nicht. Urheberrechtsverletzungen sind hier möglich, aber sie entsprechen nicht Betrug im akademischen Kontext.

Weber bezeichnete die fraglichen Stellen auf SPIEGEL-Anfrage als »nichts Weltbewegendes, das sind alles einfach zugängliche Informationen«. Die Kanzlerkandidatin und das Buch »hätten also nichts verloren, wenn Frau Baerbock diese Stellen einfach als Zitate gekennzeichnet hätte«. Es sei ihm unverständlich, dass der Verlag dies nicht geprüft habe. »Gerade nach dem Vorfall mit ihrem Lebenslauf.«

Damit spielt Weber darauf an, dass Baerbock mehrmals nachträglich Angaben in ihrem Lebenslauf korrigieren musste. So waren etwa Mitgliedschaften in Organisationen und Stiftungen aufgeführt gewesen, denen Baerbock formal gar nicht angehörte.

Wohldosierte Einblicke ins Privatleben

Baerbock hatte das Buch gemeinsam mit dem Autor Michael Ebmeyer verfasst. Ebmeyer wirkte auch schon an einem Buch von SPD-Außenminister Heiko Maas mit.

Zur Genese des 240-Seiten-Werks gab Baerbock an, sie habe im Dezember und Januar ausführliche Gespräche mit Ebmeyer geführt. Auf Grundlage dieser transkribierten Unterhaltungen wiederum habe sie dann ihr Buch verfasst.

Politisch gibt es darin wenig Neues, dafür seltene, wohldosierte Einblicke in Baerbocks Privatleben (eine Rezension lesen Sie hier). So beschreibt die Grüne etwa ihre Kindheit in einem Dorf bei Hannover. Aus ihrer eigenen Biografie und Familiengeschichte leitet sie dabei zahlreiche ihrer politischen Positionen her.

fek/sog/jos
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.