Grünenchefin im Irak Fischers Erbin

Nahezu unbemerkt reist die Grünenvorsitzende Annalena Baerbock durch den Nordirak - als ganz normale Bundestagsabgeordnete. Eine Bildungsreise für die erste grüne Außenministerin nach Joschka Fischer?

Annalena Baerbock: "Soll ich mich jetzt vielleicht nochmal dahin stellen?"
Ronny Hartmann/ Getty Images

Annalena Baerbock: "Soll ich mich jetzt vielleicht nochmal dahin stellen?"

Aus Dohuk und Erbil berichtet


Annalena Baerbock in der nordirakischen Stadt Dohuk vor einer Fotowand, die Hände geformt zur sogenannten Merkel-Raute. Um die deutsche Grünenchefin herum stehen Männer und Frauen in wechselnden Konstellationen. Sie selbst bleibt in der Mitte, die Fingerspitzen aufeinandergelegt. So, wie die Kanzlerin das gern macht.

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Heft 25/2019
Weniger Gefühl, mehr Politik - wie sich die Grünen auf die Macht vorbereiten

Es ist Mitte Juni, ein Samstagvormittag, der dritte Tag von Baerbocks insgesamt fünftägiger Reise in die Region. Das Zeremoniell der Handyfotos mit allen und jedem ist der 38-Jährigen mittlerweile vertraut. Sie reagiert freundlich: "Soll ich mich jetzt vielleicht nochmal dahin stellen?"

Für den Großteil derjenigen, die sich mit ihr fotografieren lassen wollen, ist Annalena Baerbock eine Unbekannte, die aus einem gepanzerten Jeep steigt und der die Referentin die Tasche hinterherträgt.

Die Frage nach einem grünen Kanzlerkandidaten oder eben einer -kandidatin, die Frage nach einem möglichen Ministerposten - hier stellt sie niemand. "Besuch von MdB Annalena Baerbock" steht über dem Reiseprogramm; Mitglied des Bundestags, eine von Hunderten, es klingt beinahe anonym. Baerbock bereist zum ersten Mal den Nahen Osten, abgesehen von einem kurzen Israel-Aufenthalt mit dem American Jewish Committee, einer Lobbyorganisation, die nicht gerade für ihre differenzierte Sichtweise bekannt ist.

Die Reise hat Baerbock lange geplant. Man könne noch so viel Zeitung lesen, sagt sie, vieles bleibe doch abstrakt. Sie will sich jetzt hier vor Ort selbst ein Bild machen. In Flüchtlingslagern, bei Treffen mit NGO-Vertretern, aber auch mit Abgeordneten aus dem kurdischen Regionalparlament.

Grünenchefs Annalena Baerbock, Robert Habeck
Alexander Becher/EPA

Grünenchefs Annalena Baerbock, Robert Habeck

Besonders interessiert sie sich für die Jesiden, die Minderheit, vor allem aus dem Sindschar-Gebiet an der Grenze zu Syrien. "Eine Herzensangelegenheit", nennt es ihre Sprecherin. Tausende Jesiden sind vom IS ermordet worden. Tausende Jesidinnen wurden von den Dschihadisten entführt, vergewaltigt und versklavt. Manche der versklavten Frauen konnten fliehen, andere wurden freigekauft. Von vielen fehlt bis heute jede Spur.

Psychotherapie statt Brunnen bohren

Baden-Württemberg nahm 2015 als erstes Land 1000 Frauen und Kinder auf - darunter Nadia Murad, die im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis erhielt. Auch deshalb ist Baerbock hier. Ginge es nach ihr, dann würde Deutschland wohl bald ein weiteres Aufnahmeprogramm lancieren, wieder für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder. Allerdings, und das ist ihr wichtig, soll ein solches Programm "keine Einzelaktion sein, sondern politisch breit getragen werden."

An der Universität in Dohuk hat Annalena Baerbock an diesem Vormittag eine Konferenz eröffnet. Es geht um den "Austausch traumatologischer Behandlungsmethoden". Es sind Professoren da aus Tübingen und München, aber auch aus Iran. Es ist ein einzigartiges Projekt, eine Art Entwicklungszusammenarbeit in der Psycho- und Traumatherapie. Statt Brunnen zu bohren oder Bagger zu liefern, wird hier nach dem deutschen Psychotherapeutengesetz ausgebildet.

"Sie alle machen wirklich einen Unterschied in dieser Welt", lobt Baerbock in ihrem Grußwort die Anwesenden; sie sage das auch als "Mutter zweier Kinder". Der Applaus klingt schon etwas müde, was an den länglichen Danksagungen ihrer Vorredner liegen mag. Dass sie "Mutter zweier Kinder" ist, erwähnt sie auf der Reise häufiger, ebenso die Tatsache, dass sie Völkerrecht studiert hat.

Bevor sie Politikerin wurde, wollte Baerbock Kriegsreporterin werden. Pazifistin sei sie nie gewesen, sagt sie. "Nichthandeln kann ebenso fatale Konsequenzen haben wie ein militärischer Einsatz; deshalb muss jeder konkrete Einzelfall gründlich abgewogen werden", zitiert sie das Prinzip der Schutzverantwortung. Außenpolitik ist ihre Domäne soll das heißen, und so haben es ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck und sie auch untereinander vereinbart. Wäre sie gern Außenministerin, irgendwann, bald? "Das steht derzeit nicht zur Debatte", lautet ihre Standardantwort. Was nicht heißt, dass sie nicht darüber nachdenkt.

Einer ihrer ersten Termine ist der Besuch in einem Flüchtlingslager. Sengende Hitze, Container, Zelte, manche davon mit Klimaanlage, Solarpanels. Als eine schmale junge Frau ihre Geschichte erzählt und auf ihrem Telefon Bilder des Kindes zeigt, das sie zurücklassen musste, weil es auch das ihres Vergewaltigers war, braucht Baerbock ein Taschentuch.

Annalena Baerbock, Mutter zweier Kinder, Völkerrechtlerin

Manchmal wirkt es, als habe sie die Spitzenpolitikerin in Berlin zurückgelassen. Hier im Nordirak ist sie nicht die umworbene Chefin einer Partei, deren Beliebtheitswerte schwindelnde Höhen erreichen, gegen deren baldige Regierungsbeteiligung niemand mehr so recht wetten mag, sondern eben: Annalena Baerbock, Mutter zweier Kinder, Völkerrechtlerin.

Nur einmal, beim Mittagessen mit örtlichen Honoratioren, stellt sie sich als Chefin von Winfried Kretschmann vor. "Ich bin hier, um zu lernen", sagt sie vor einer Gruppe Studenten. Man darf ihr das abnehmen, denn man kann ihr dabei zusehen. Sie nickt nicht einfach, wenn etwas nicht mit dem übereinstimmt, was sie zuvor gehört hat, sondern fragt nach. Manchmal rechnet sie auch nach.

Dohuk m Norden des Iraks (Archivbild)
Ute Grabowsky/ Photothek/ Getty Images

Dohuk m Norden des Iraks (Archivbild)

Sie macht sich Notizen, ist konzentriert, auch beim x-ten Treffen und kommt auch nach langatmigen Ausführungen ihres Gegenübers auf das zurück, was sie eigentlich wissen wollte.

  • Spricht sie zu Beginn der Reise vor allem vom Trauma der Jesiden, so scheint ihr, je mehr sie hört und sieht, bewusst zu werden, dass Gewalt etwas ist, was hier eigentlich jeder kennt, ob Jeside oder nicht. Seit langem.
  • Schien sie am Anfang überzeugt davon, ein weiteres deutsches Programm sei der einzige Weg, jesidischen Frauen und Kindern zu helfen, hört sie jetzt auch die Gegenargumente von Vertretern der NGOs vor Ort, auch von manchen Jesiden selbst.
  • Spricht sie davon, dass die Vereinten Nationen, die internationale Gemeinschaft hier im Nordirak präsenter sein müsste, wird ihr entgegnet, man solle doch zuerst einmal die Kurden und die Zentralregierung in Bagdad in die Verantwortung nehmen.

Es ist wie so oft in Nahost: sobald man glaubt, ein Problem identifiziert zu haben, ist man der Lösung nicht unbedingt näher, sondern entdeckt meistens noch mehr Schwierigkeiten und Widersprüche. Da ist auch Annalena Baerbock keine Ausnahme.

Am vorletzten Tag ihrer Reise betritt Baerbock barfuß und mit einem Blumengesteck im Arm das Heiligtum Lalisch, ein Besuch beim Hohen geistlichen Rat der Jesiden. In einem von Sofas gesäumten Raum prallen zwei Welten aufeinander.

Baerbocks Delegation besteht aus fünf Frauen und einem Mann, der Hohe Rat ausschließlich aus mittel- bis sehr alten Männern. Gekrönt wird er vom Baba Sheikh, dem geistlichen Oberhaupt, der in seinem Sessel vor sich hin döst.

"Ihre Hilfe gleicht einer Paracetamol-Tablette"

Baerbock überreicht das Blumengesteck und richtet Grüße aus von Claudia Roth, die auch mal hier war. Dann hört sie sich eine Dreiviertelstunde lang die Forderungen und Klagen der Geistlichen und ihrer Berater an. "Ihre Hilfe gleicht einer Paracetamol-Tablette, die man einem Krebskranken überreicht", sagt einer.

Baerbocks Miene bleibt unbewegt.

Irgendwann fragt sie: "Warum ist es eigentlich nicht möglich, dass Sie Ihre Frauen hier in den Dörfern aufnehmen? Warum erkennen Sie die Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind, nicht an?" Baerbocks Frage scheint in den Weiten des Raums, im Surren der Klimaanlagen zu verhallen. Die Männer diskutieren jetzt lieber die völkerrechtliche Anerkennung eines Genozids an ihrer Gemeinde.

Nach einer Weile lehnt Baerbock sich vor und sagt laut und klar, sie würde gern auf ihre Frage zurückkommen. Gemurmel, Gemurre. "Das Problem mit den Frauen und Kindern ist ein sehr schwieriges Problem", sagt jemand. "Wir sagen nicht, dass wir sie nicht aufnehmen. Wir sagen, dass wir sie nicht aufnehmen können." Er verweist auf die jesidischen Prinzipien und auf irakisches Recht, nach dem Kinder von muslimischen Vätern Muslime seien und bei ihren Vätern leben müssen.

"Sie als jesidische Gemeinde müssen da vorangehen, ein moralisches Signal geben, und diese Kinder anerkennen", antwortet Baerbock kühl.

Ihr Vorschlag sei, "von außen betrachtet, ich komme ja nicht aus ihrer Kultur und ihrer Religion": Aber für weitere deutsche Unterstützung sei es unabdingbar, dass die jesidische Gemeinde ihrerseits ein Zeichen setze. Darauf beharrt sie jetzt. Sollte es in nicht allzu ferner Zukunft ein weiteres Aufnahmeprogramm für Jesiden geben, könnte es durchaus sein, dass dem Ganzen eine Äußerung des Hohen Rates vorausgeht.

Ein diplomatisches Verdienst hätte Baerbock dann schon mal.

insgesamt 47 Beiträge
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HARK 27.06.2019
1. Falsches Resort
Wenn die Grünen einen echten Politikwechsel wollen, müssen sie auf andere Ressorts hinarbeiten: 1. Verkehr, 2. Landwirtschaft, 3. Finanzen, 4. Inneres (wg. Verfassungsschutz und Bundespolizei)
kalim.karemi 27.06.2019
2. und was will sie da?
Deutsche Aussenpolitik wird nicht im Nordirak geschrieben, ist eher ein Ort, an den Entwicklungshilfeminister reisen. By the way, schön viel CO2 rausgeblasen. Nicht dass mich das stören würde.
steveleader 27.06.2019
3. Wer in der Lage ist...
den Mächtigen dieser Welt die Stirn zu bieten, kann auch Kanzlerin.
Shelumia 27.06.2019
4. Sehr gut
Wäre wohl eine sehr gute Außenministerin besonders wenn man das mit März oder anderen CDU Kandidaten vergleicht
hausfeen 27.06.2019
5. Jetzt fangen die politischen Presse-Freunde der anderen ...
... Parteien die Grünen dumme Ratschläge geben zu wollen. Damit "gute" Ministerien für die Koalitionspartner bleiben. Annalena wird das nicht machen, so quasi in Abschiebehaft auf dem toten Gleis. Eher wird sie Kanzlerin, wenn noch mehr so durchsichtiges Geschwätz die Öffentlichkeit erreicht. Vor ihr zittert die zukünftige Oppositon. Das ist auch der Grund, warum der sanfte Habeck immer wieder neu in die Kanzlerrolle hineingeschrieben wird. Immerhin ist es eine Art Kapitulation. Ein Plan B für das bestmögliche in der kommenen NIederlage.
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