Frauenförderung im Auswärtigen Amt Wo Baerbocks feministische Außenpolitik an ihre Grenzen stößt
Ministerin Baerbock, Mitarbeiterinnen: »Auf allen Hierarchieebenen Parität erreichen«
Foto: Michael Kappeler / picture alliance / dpaDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Im März vergangenen Jahres lud Annalena Baerbock in den holzgetäfelten Weltsaal ihres Ministeriums. Für die erste Frau an der Spitze des Auswärtigen Amts gab es, gut ein Jahr nach ihrem Amtsantritt, etwas zu feiern. Baerbock präsentierte die Leitlinien zur feministischen Außenpolitik – ein Papier, für das sie und die grüne Partei lange gekämpft hatten.
Feministische Außenpolitik müsse im Auswärtigen Amt anfangen, sagte Baerbock bei der Veranstaltung. Und im Vorwort der Leitlinien schrieb sie: »Wir werden hart daran arbeiten, unserem Auswärtigen Dienst ein weiblicheres Gesicht zu geben und den Anteil von Frauen in Führungsfunktionen erhöhen.«
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So weit die Theorie, die Wirklichkeit ist komplizierter. Nach zweieinhalb Jahren im Amt muss Baerbock eingestehen, dass Frauenförderung leichter anzukündigen als umzusetzen ist. Sowohl beim Diplomatinnennachwuchs als auch bei der Besetzung von Führungspositionen verzeichnet die Ministerin Rückschläge.
Schlechte Bewertungen
Ein besonderes Anliegen ist es Baerbock, den Frauenanteil in Leitungsfunktionen dort zu erhöhen, wo er noch extrem gering und gleichzeitig besonders sichtbar ist, zum Beispiel an den deutschen Botschaften rund um die Welt. »Der Frauenanteil an Führungspositionen im In- und Ausland konnte in den letzten Jahren deutlich gesteigert werden«, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. »Insbesondere bei den Leiterinnen der Auslandsvertretungen besteht aber weiter ein erheblicher Nachholbedarf.«
Wie mühsam es ist, mehr Frauen in die Leitung der Botschaften zu bringen, zeigen die aktuellen Zahlen. 2022 wurden gerade einmal 27 Prozent der rund 225 Auslandsvertretungen von Frauen geleitet, derzeit sind es immerhin 33 – von einem ausgeglichenen Verhältnis ist man allerdings noch weit entfernt
Zudem gibt es offenbar ein Problem: 2023 schnitten beim hausinternen »Vorgesetztenfeedback« mehr Leiterinnen von Auslandsvertretungen schlechter ab als ihre männlichen Kollegen.
Dieses Feedback wird im ersten Quartal jedes Jahres durchgeführt. Dabei sollen die rund 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr als tausend Führungskräfte des Auswärtigen Amts anhand eines schriftlichen Fragebogens bewerten. Zu den Bewerteten zählen Referatsleiterinnen, Leiter von Visastellen, Botschafterinnen oder beamtete Staatssekretäre in der Zentrale.
Sechs von sieben Durchgefallenen waren Frauen
Auf einer Skala von 1 (»Trifft zu«) bis 6 (»Trifft nicht zu«) beantworten die Mitarbeiter Fragen zum Führungsverhalten ihrer Chefinnen und Chefs, zum Beispiel: »Gibt Weisungen klar und eindeutig« oder »Leitet Besprechungen effizient und ergebnisorientiert«. Ab einer Durchschnittsbewertung von 3,0 oder schlechter muss die Führungskraft mit ihren Mitarbeitern eine »Veränderungsabsprache« vereinbaren, sich also schriftlich verpflichten, wo er oder sie sich bessern wird.
Chefin Baerbock, diplomatisches Korps: »Insbesondere bei den Leiterinnen der Auslandsvertretungen besteht aber weiter ein erheblicher Nachholbedarf«
Foto: Bernd von Jutrczenka / picture alliance / dpaIm Normalfall erfährt niemand außer den Mitarbeitern und der Führungskraft das Ergebnis. Nur wenn ein Vorgesetzter eine Durchschnittsnote von 3,2 oder schlechter bekommt, wird seine Befragung »deanonymisiert«. Die schlechte Bewertung geht dann an ein Steuerungsgremium. Es berät, wie der Konflikt zwischen dem Vorgesetzten und den Mitarbeitern gelöst werden kann.
2023 wurden nach einer internen Zählung des Auswärtigen Amts insgesamt zwölf Frauen und elf Männer deanonymisiert. Da aber nur 35 Prozent der Führungspositionen im höheren und gehobenen Dienst von Frauen ausgeübt wurden, wurde demnach überdurchschnittlich vielen Frauen ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.
Noch problematischer sieht es aus, wenn man nur die Leiterinnen von Auslandsvertretungen betrachtet. So war 2023 nach SPIEGEL-Informationen nur ein Mann unter den sieben Durchgefallenen – bei einem ohnehin niedrigeren Frauenanteil von 30 Prozent. 2024 war das Verhältnis in absoluten Zahlen zwar wieder ausgeglichen, aber bei einem nur leicht gestiegenen Frauenanteil von 33 Prozent.
Ministerin Baerbock, Vorgänger Heiko Maas
Foto: Pool / Getty ImagesDie Ergebnisse sorgen auf den Fluren des Auswärtigen Amts für reichlich Diskussionsstoff. Einige glauben, dass die jahrzehntelange Bevorzugung von Männern die Kultur im Hause so geprägt habe, dass es Frauen in Führungspositionen schwerer hätten – und deshalb auch öfter schlechtere Bewertungen bekämen.
Andere argumentieren, dass zuvor häufig ungeeignete Männer befördert worden wären. Durch die Bevorzugung von Frauen würden jetzt auch manche Diplomatinnen in Führungspositionen aufrücken, die dafür nicht geeignet seien.
Zum Thinktank abgeschoben
Ein konkreter Fall macht dabei die Runde. Baerbock berief jüngst eine Botschafterin der Besoldungsgruppe B6 (11.373 Euro monatliches Grundgehalt ohne Auslandszuschläge) von ihrem Posten im Ausland vorzeitig ab. Sie war wiederholt beim Vorgesetztenfeedback durchgefallen. Ihr Führungsverhalten war offenbar so schlecht, dass die Leitung des Ministeriums sie auch in der Zentrale in Berlin keinem Mitarbeiter mehr zumuten wollte. Die Diplomatin soll jetzt in einen regierungsnahen Thinktank abgeschoben werden.
Mit Sorge blicken Baerbocks Leute auch auf das Geschlechterverhältnis beim Nachwuchs. Von einer »langen Leidensgeschichte« ist intern die Rede, schon Baerbocks Vorgänger Heiko Maas (SPD) setzte sich vehement für die Förderung von Frauen ein.
Für die Attaché-Ausbildung des höheren Dienstes bewerben sich immer ungefähr so viele Frauen wie Männer, aber im Laufe des Auswahlverfahrens konnten sich lange mehr Männer durchsetzen als Frauen. Eine Zeit lang glaubten die Verantwortlichen, bestimmte Prüfungen würden Frauen benachteiligen.
In ihrem ersten Amtsjahr schaffte Baerbock den psychologischen Eignungstest der Deutschen Gesellschaft für Personalwesen (DGP) trotz vieler Proteste ab. Es half nichts: Bewerberinnen schnitten gegenüber ihren männlichen Konkurrenten weiterhin deutlich schlechter ab. Im folgenden Jahr sank der Frauenanteil des Diplomatennachwuchses sogar auf 35 Prozent ab. Mittlerweile wurde der Test wieder eingeführt.
Ministerin Baerbock, deutsche Uno-Botschafterin Leendertse (im September 2023 in New York)
Foto: Michael Kappeler / dpaAls Nächstes nahm man das mündliche Auswahlverfahren in den Blick: Die Jury für die Bewerbungsgespräche sollte dafür sorgen, dass jeder neue Diplomatenlehrgang paritätisch besetzt ist. Doch auch damit endeten die Probleme nicht. Nach bestandener Prüfung, so heißt es, sagten regelmäßig mehr Frauen ab als Männer. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei außerdem ein Grund, den Wechsel von einer Auslandsstation zur nächsten innerhalb weniger Jahre wollten sich viele Frauen nicht zumuten.
Die »Rotation« der Beamtinnen und Beamten im diplomatischen Dienst beschäftigt auch die Ministerin, sie bekommt die Nachteile selbst mit: Alle paar Jahre verliert Baerbock wichtige Vertraute in entscheidenden Positionen, weil diese obligatorisch auf einen neuen Posten wechseln müssen. Kürzlich gab es aus diesen Gründen mehrere Veränderungen unter den Abteilungsleitern, was sich negativ auf das Geschlechterverhältnis ausgewirkt hat.
In den Leitlinien zur feministischen Außenpolitik konnte Baerbock noch stolz verkünden, dass fünf der insgesamt elf Abteilungen im Auswärtigen Amt von Frauen geführt würden. Drei Abteilungsleiterinnen wurden kürzlich zu Botschafterinnen ernannt. Dadurch wurde der Frauenanteil an der Spitze der Auslandsvertretungen erneut gesteigert. Auf der Abteilungsleiterebene in der Zentrale aber sank er. Alle drei werden jetzt durch Männer ersetzt.
Baerbock und ihr Büro versuchten, neue Abteilungsleiterinnen zu finden. Das Protokoll wird jetzt zum ersten Mal in der Geschichte des Auswärtigen Amts von einer Frau geleitet. Für die anderen Posten kassierte die Ministerin nach SPIEGEL-Informationen mehrere Absagen von Frauen.
Eine Abteilungsleitung ist noch vakant, noch ist unklar, ob es Baerbock gelingt, zumindest dort eine Frau zu platzieren. So könnte sie ihrem selbst gesteckten Ziel aus den Leitlinien näherkommen, »auf allen Hierarchieebenen Parität zu erreichen«.