Stefan Kuzmany

Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock Das auch noch

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Die Vorwürfe, Annalena Baerbock habe Passagen ihres Buchs »Jetzt« abgeschrieben, sind einigermaßen mickrig – und dennoch sind sie ein weiterer Sargnagel für ihre Kandidatur.
Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Deutschen Bundestag

Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Deutschen Bundestag

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Hier eine Formulierung aus Wikipedia, dort eine Passage aus einem Blog und dann noch ein paar Sätze aus dem SPIEGEL abgeschrieben: Was ein sogenannter Plagiatsjäger der grünen Kanzlerkandidatin vorhält, sind keine Kapitaldelikte – zumal es sich bei Annalena Baerbocks Werk »Jetzt« nicht um eine wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung eines Doktortitels handelt, sondern, nun ja, um ein eilig zusammengeklopptes Buch zu einem Film namens »Die Kanzlerkandidatin«. Da sollte man nicht zu viel erwarten. Und jetzt schon wieder so ein Theater?

Die junge Frau ohne Regierungserfahrung musste seit Verkündung ihrer Kandidatur bergauf kämpfen: gegen die Skeptiker inner- und außerhalb der Partei, gegen die offenen und verdeckten Frauenfeinde, gegen die eigene Unerfahrenheit. Sie polarisiert in diesem Wahlkampf wie sonst niemand: Die einen verbinden mit ihr die Hoffnung auf Aufbruch, auf echte Veränderung, vor allem auf einen wirklich ernsthaft geführten Kampf gegen die Klimakatastrophe. Für die anderen verkörpert sie ein klischeehaftes Feindbild: grün, also Schnitzel und Benzin verbietend. Jung, also gefährlich ahnungslos und gleichzeitig nassforsch. Und dann auch noch eine Frau.

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Kaum Inhalte, nur die Person

In dieser Polarisierung ging es (jedenfalls bisher) kaum um Inhalte, sondern meist um ihre Person. Das ist angesichts der Probleme dieses Landes erschreckend unpolitisch, bei Spitzenkandidaten in einem Bundestagswahlkampf allerdings kaum zu vermeiden – noch dazu bei einer Person, die vor ihrem schnellen Aufstieg nur wenige kannten. Zerstörerisch für ihre Kandidatur wirkt nun, dass Baerbock und ihr Team im grellen, wenig verzeihenden Scheinwerferlicht des Wahlkampfs nicht bestehen können.

Denn es wird nichts helfen, jetzt per Medienanwalt zu argumentieren, Baerbock habe doch gar nicht das Urheberrecht verletzt – der Eindruck der Hochstapelei bleibt trotzdem hängen. Es wird nichts helfen, wenn auf Fehler Armin Laschets oder Olaf Scholz' hingewiesen wird – denn um die geht es gerade nicht. Und es wird auch nichts helfen, wenn ihre Anhänger vorbringen, sie sei als Frau besonders harten Anwürfen ausgesetzt – müsste sie die nicht aushalten können, wenn sie Kanzlerin sein möchte?

Getroffen an der verwundbarsten Stelle

Die neuerlichen Vorwürfe sind deshalb verheerend, weil sie die bereits angeschossene Kandidatin wieder an ihrer verwundbarsten Stelle treffen: dem Charakter. Nach der gerade beendeten Debatte über ihren aufgehübschten Lebenslauf müssen sich selbst Wohlmeinende schon wieder fragen: Wollen wir eine Person im wichtigsten Amt des Landes, der es so wichtig zu sein scheint, als beeindruckend kompetent zu gelten, dass sie dafür detailweise schummelt?

Diese Gesellschaft hat 16 Jahre lang mit einer Kanzlerin gelebt, der jede Großtuerei offensichtlich vollkommen schnuppe gewesen ist, bei der man – jenseits aller politischen Sympathien – stets sicher sein konnte, dass sie keine Blenderin ist. Die Antwort dieser Gesellschaft auf Annalena Baerbock wird klar ausfallen. Ihre Kanzlerinnenkampagne ist so gut wie erledigt.

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