Plagiatsvorwürfe gegen Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock geht zum Gegenangriff über

Kleinlaut haben die Grünen bisher Versäumnisse ihrer Kanzlerkandidatin eingeräumt. Nun wirft ein Plagiatsjäger Annalena Baerbock vor, in ihrem Buch abgeschrieben zu haben. Die Partei zürnt – und wechselt die Strategie.
Annalena Baerbock: Kontert die Plagiatsvorwürfe

Annalena Baerbock: Kontert die Plagiatsvorwürfe

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Kay Nietfeld / dpa

Nun also auch noch Plagiatsvorwürfe. Für zwei Wochen, seit dem Parteitag Mitte Juni, war Ruhe in die Grünen-Kampagne gekommen. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hatte sich gesammelt, neue Fehler waren ausgeblieben, stattdessen war wieder Offensive angesagt – das Unions-Wahlprogramm bot reichlich Anlass für Kritik. Wer Baerbock auf Terminen erlebte, konnte das Gefühl gewinnen, dass sie langsam wieder bei sich ist, gefestigter, selbstsicherer.

Und jetzt das.

Ein österreichischer Plagiatsjäger wirft Baerbock vor, in ihrem gerade erst erschienenen Buch »Jetzt. Wie wir unser Land erneuern« an einigen Stellen aus frei zugänglichen Quellen im Internet abgeschrieben zu haben. Darunter von der »Bundeszentrale für politische Bildung« oder aus dem SPIEGEL.

Die Vorwürfe treffen eine Kandidatin, die hoffte, endlich alle Anschuldigungen abgeräumt, alle Fragen zu einem unsauber formulierten Lebenslauf beantwortet beziehungsweise Fehler korrigiert zu haben. Und sie treffen eine Politikerin, die sich seit Wochen überhart angegangen fühlt – was womöglich ihre Reaktion erklärt. Die Grünen haben nämlich offensichtlich ihre Strategie gewechselt: Sie schalten in den Angriffsmodus.

Viele Stellen sind es nicht, um die es geht. Der Medienwissenschaftler und Plagiatsjäger Weber hat seine bisherigen, gesammelten Funde dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt. Einige Stellen mit auffälligen Formulierungen stammen von der Website der Grünen. Zieht man die ab, bleiben nach aktuellem Stand rund ein Dutzend Stellen, in denen halbe oder ganze Sätze wortgleich oder stellenweise wortgleich klingen wie in anderen Quellen. Dabei handelt sich eher um allgemeine Fakten und Informationen, die keine tragende Rolle für die Argumentation spielen.

»Das ist nichts Weltbewegendes, das sind alles einfach zugängliche Informationen. Sie und ihr Buch hätten also nichts verloren, wenn Frau Baerbock diese Stellen einfach als Zitate gekennzeichnet hätte«

Plagiatsjäger Stefan Weber

Weber selbst sagte dem SPIEGEL: »Das ist nichts Weltbewegendes, das sind alles einfach zugängliche Informationen. Sie und ihr Buch hätten also nichts verloren, wenn Frau Baerbock diese Stellen einfach als Zitate gekennzeichnet hätte.«

Nichts Weltbewegendes, aber eben doch ein Problem für Baerbock und die Grünen: Zum einen sind die Ähnlichkeiten der Buch-Passagen zu den Originalquellen tatsächlich auffällig und schwer von der Hand zu weisen. Zum anderen reihen sich die neuen Vorwürfe ein in die Fehler und Versäumnisse, die die Kandidatin in den vergangenen Wochen in Erklärungsnot brachten.

Ein Wahlkampfmanöver geht nach hinten los

Da waren die Unsauberkeiten im Lebenslauf, Verbindungen zu Vereinen, die transparent angegeben, aber nicht sauber formuliert waren, die Präzisierung, dass sie ihr Studium in Hamburg nicht abgeschlossen hat, wohl aber den Master in London.

Da waren die nicht deklarierten Sonderzahlungen der Partei, auch wenn Baerbock sie nachgemeldet hat, damit im Bundestag keineswegs allein ist und nie verdeckte Einflussnahme zu fürchten war, weil eine Parteichefin nicht durch Zahlungen ihrer Partei in Gewissensnöte kommt.

Und nun sind da eben Textstellen in Baerbocks Buch, die in ihren Formulierungen samt Gedankenstrichen und Details jenen in den mutmaßlichen Ursprungsquellen so ähnlich sind, dass man sich vorstellen kann, dass sie einfach kopiert und eingefügt wurden – auch wenn das nicht belegt und wohl auch nicht endgültig belegbar ist.

Dieser jüngste Fall wiegt aber womöglich auch deshalb am schwersten, weil damit ein Wahlkampfmanöver nach hinten losgeht. Nebeneinkünfte und Lebenslauf hätte ein Wahlkampfteam womöglich prüfen müssen, aber es handelte sich um Altlasten, so wie die erfundenen Klausurnoten von Baerbocks CDU-Gegenspieler Armin Laschet eine Altlast sind.

Das Buch dagegen hätte eine viel beschäftigte Parteichefin auch im Corona-Winter und auch mit Unterstützung eines Autors nicht schreiben müssen, wenn sie es nicht sauber hinbekommt. Sie hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, um damit Aufmerksamkeit zu bekommen, sich und die eigenen Ideen bekannt zu machen. Für ein paar Tage hat das auch funktioniert - jetzt wird aus anderen Gründen über das Buch gesprochen.

Staranwalt eingeschaltet

Wieder stellt sich diese Frage, nur diesmal noch drängender: Wie konnte das passieren? Lag es an Baerbock, an ihrem Co-Autor oder am Verlag? Wie konnten die Kanzlerkandidatin und ihr Team zulassen, dass aus einem Wahlkampf-Asset ein Problem wird?

Offenbar ein so großes, dass die Partei sich gezwungen sieht, ihre Strategie zu wechseln. Bisher wurden die Grünen-Vorsitzenden und Strategen der Parteizentrale von Parteifreunden und Medien immer wieder gefragt, warum sie so zögerlich auf Attacken politischer Gegner reagierten, ob sie nicht die Samthandschuhe ausziehen müssten.

Man könnte ja sagen, dass es in einem Wahlkampf nun mal Menschen gibt, die jeden Stein umdrehen auf der Suche nach Schmutz, den sie auf Baerbock werfen können. Das Problem war bisher, dass unter zu vielen Steinen zumindest etwas lag.

Um dieses Buch geht es: Baerbock bei der Vorstellung von »Jetzt. Wie wir unser Land erneuern«

Um dieses Buch geht es: Baerbock bei der Vorstellung von »Jetzt. Wie wir unser Land erneuern«

Foto: Christoph Soeder / dpa

Nun lassen die Grünen jede Demut weg, Schuldeingeständnisse gibt es nicht, Schmutz unter dem Stein können sie nicht erkennen. Sie gehen zum Gegenangriff über. »Das ist der Versuch von Rufmord. Wir weisen den Vorwurf einer Urheberrechtsverletzung entschieden zurück«, teilte ein Sprecher mit. »Der Blogger, der bereits falsche Behauptungen zu Frau Baerbocks Abschluss verbreitet hatte, versucht erneut, bösartig ihren Ruf zu beschädigen.«

Baerbock schaltete sogar Christian Schertz ein, einen der bekanntesten Medienanwälte, der sich ähnlich äußerte: »Ich kann nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen, da es sich bei den wenigen in Bezug genommenen Passagen um nichts anderes handelt, als um die Wiedergabe allgemein bekannter Fakten sowie politischer Ansichten.« Es sei dies offenbar erneut der Versuch einer Kampagne zum Nachteil von Frau Baerbock.

Auch der Verlag weist den Vorwurf, es handle sich um Urheberrechtsverletzungen, zurück. »Das Manuskript von Annalena Baerbocks Buch ist im Verlag sorgfältig lektoriert worden. Die Aufzählung von allgemein zugänglichen Fakten ist ebenso wenig urheberrechtlich geschützt wie einfache Formulierungen, mit denen solche Fakten transportiert werden. Wir können keine Urheberrechtsverletzung erkennen«, teilte der Ullstein-Verlag mit.

Der Wahlkampf tritt in eine neue Phase

Diesen Vorwurf hatte Plagiatsjäger Weber selbst im Blog erhoben. »Wenn man es genau nimmt, handelt es sich auch um mehrere Urheberrechtsverletzungen«, schrieb er. Damit scheint er nach Einschätzung von Juristen eine Angriffsfläche geboten zu haben. Eine schlampige Übernahme von Textstellen kann auch ein politisches Problem sein, ohne dass es gleich juristische Implikationen haben muss. Indem dieser Vorwurf erhoben wurde, bietet sich den Grünen aber die Chance, auf das Feld der juristischen Auseinandersetzung zu wechseln.

Möglich, dass die Grünen sich wirklich ungerecht behandelt und im Recht fühlen. Möglich, dass sie das Gefühl hatten, noch ein zugegebener Fehler sei im Wahlkampf nicht vermittelbar. Möglich, dass sie sicher sind, juristisch zu gewinnen und damit die Debatte zu erschweren: Anders als im Fall von plagiierten Doktorarbeiten wie zuletzt der Berliner SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey gibt es diesmal keine externe Instanz, keine Universität, die ein Plagiat prüfen könnte. Möglich, dass all das zugleich zutrifft.

Vielleicht zielt der Vorstoß aber auch vor allem nach innen. Am Nachmittag schickte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner eine Mail an Mitglieder und Unterstützerinnen. »Das ist der Versuch von Rufmord und Teil einer Kampagne gegen Annalena Baerbock! Twittere selbst dazu oder retweete und zeige damit volle Solidarität mit Annalena!«

Zum ersten Mal machen die Grünen ihren Mitgliedern, Sympathisantinnen und Sympathisanten eine klare Ansage: Der Gegner greift die eigene Kandidatin unfair an, es ist Zeit, sich zu sammeln, Loyalität und Gegenwehr sind gefragt.

Was auch immer aus den Vorwürfen folgt, für Baerbock, die Grünen und den Plagiatsjäger – der Wahlkampf ist in eine neue Phase eingetreten.

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