Buch von Annalena Baerbock Klima, Bullerbü und Opa Waldemar

Annalena Baerbock hat ein Buch geschrieben. Politisch gibt es darin wenig Neues, dafür seltene, wohldosierte Einblicke ins Privatleben. Was lehrt das Werk über die Kanzlerkandidatin?
Annalena Baerbock: Pünktlich zum Wahlkampf erscheint ihr Buch

Annalena Baerbock: Pünktlich zum Wahlkampf erscheint ihr Buch

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Politikerbücher sind kein ganz einfaches Genre. Selten bereiten sie großes Lesevergnügen, weder sprachlich noch inhaltlich. Die Autoren halten ihre Werke zwar stets für den Ausdruck besonderer gedanklicher Tiefe, doch oft verbirgt sich hinter pathetischen Titeln eine öde Floskelsammlung, die nur einem Zweck dient: der Selbstvermarktung.

Auch Annalena Baerbock hat nun ein Buch geschrieben, rechtzeitig vor der heißen Phase des Wahlkampfes. 240 Seiten ist es lang, der Titel: »Jetzt. Wie wir unser Land erneuern«. Entstanden ist das Buch in Zusammenarbeit mit dem Autor Michael Ebmeyer, der auch schon an einem Buch von SPD-Außenminister Heiko Maas mitwirkte. Mit Ebmeyer habe sie im Dezember und Januar ausführliche Gespräche geführt, hat Baerbock jüngst erklärt, auf Grundlage dieser transkribierten Unterhaltungen wiederum habe sie dann ihr Buch verfasst.

Was kann man aus dem Werk über die grüne Kanzlerkandidatin lernen? Ein Überblick:

1. Das Programmatische

Über Baerbocks politische Positionen und Forderungen verrät das Buch zunächst nicht viel Neues. Das Meiste hat man so oder so ähnlich schon mal von der Grünenchefin und ihrer Partei gehört – in ihrer Rede beim Parteitag, in Interviews, im Wahlprogramm. Oft bleibt Baerbock dabei wolkig: »Wir sollten der jüngsten Generation in unserem Land, den Kindern und Jugendlichen, eine neue, eine hohe Priorität in unserer Gesellschaft einräumen.« Klingt gut – was genau daraus folgt, bleibt jedoch unklar.

An anderen Stellen wird es konkreter. Zum Beispiel, wenn es um die Erhöhung des Mindestlohns geht, der von 9,50 auf zwölf Euro angehoben werden soll. Oder um den Vorschlag eines abgesicherten ID-Wallet, das Bürgerinnen und Bürgern die Verwahrung von Dokumenten wie Personalausweis oder Führerschein auf dem Smartphone ermöglichen und die Digitalisierung der Verwaltung voranbringen soll. Oder um die Idee, Bürgerräte als Beteiligungsformat in Deutschland zu etablieren.

Vor allem aber will Baerbock die Menschen beruhigen, ihnen die Sorge vor zu viel Veränderung nehmen. Ihre Forderungen verknüpft sie immer wieder mit der Perspektive, dass Bewährtes bleiben wird.

Wenn die Kanzlerkandidatin also ihre Vorstellung einer sozial-ökologischen Transformation in der Wirtschaft beschreibt, schiebt sie schnell hinterher, dass dies nicht bedeute, »den Markt infrage zu stellen.« Wenn es um höhere CO2-Preise geht, darf der Hinweis nicht fehlen, dass die Einnahmen als Energiegeld wieder an die Menschen zurückfließen sollen. Und wenn Baerbock dafür wirbt, dass sich in der Europäischen Union einige Länder zusammenschließen sollten, um Geflüchtete aus den Lagern an den EU-Außengrenzen aufzunehmen, tut sie das nicht, ohne zu betonen, dass Grenzen auch rechtsstaatlich kontrolliert werden müssen.

Um Wählerinnen und Wähler abzuholen, soll jeder Aufforderung zur Erneuerung auch ein Versprechen von Sicherheit folgen – dieses Prinzip hat die Kanzlerkandidatin ganz offensichtlich verinnerlicht. Die Grünen als Mitte der Gesellschaft, das ist die Botschaft, die deckungsgleich ist mit der grünen Erzählung der vergangenen Jahre. Eine Partei, die nicht einfach auf die »dreckigen Kohlekonzerne« schimpft, sondern allen Beteiligten Perspektiven und soziale Absicherung bietet.

Zur Beschreibung dieser neuen Mitte-Partei gehört auch, die Grünen »Verfassungspatriot*innen« zu nennen. Diesem Verfassungspatriotismus hat ihr Co-Chef Robert Habeck schon vor elf Jahren ein ganzes Buch gewidmet.

2. Das Persönliche

Ihre eigene Biografie und Familiengeschichte nutzt Baerbock im Buch häufig als Schablone für ihre politischen Positionen. Aus der beruflichen Entwicklung ihrer Mutter, die auf dem zweiten Bildungsweg Sozialpädagogik studierte, erklärt sich etwa, warum Baerbock für ein Weiterbildungs-BAföG ist. Die »wahnsinnig stolze, selbstbewusste und vor allem lebensbejahende« Oma Alma und ihre Kriegserfahrungen seien laut Baerbock ein Grund dafür, dass sie eine Leidenschaft für Völkerrecht entwickelt habe. Und an Opa Waldemar, der beim Rückzug als Wehrmachtoffizier nach Frankfurt an der Oder kam, dachte sie, als sie auf der Oderbrücke die symbolische Grenzöffnung zwischen Deutschland und Polen miterlebte.

Um den Leserinnen und Lesern den Menschen Annalena Baerbock näherzubringen, referiert sie Stationen ihres Lebens. Die Grünenpolitikerin beschreibt die Kindheit in einem Dorf bei Hannover, »ein bisschen Bullerbü auf Norddeutsch«, mit Großfamilie, Garten und Hühnern. Ihre Eltern schenkten ihr einen alten VW Polo, mit dem sie dankbare Freundinnen durch die Gegend fuhr und der den Beinamen »Renntrecker« bekam. Ihr Vater brachte ihr und ihren Schwestern das Reifenwechseln bei mit den Worten: »Ihr wollt doch nicht blöd am Straßenrand stehen und hoffen, dass euch ein Mann hilft.«

Auch die verhinderte Trampolinkarriere kommt vor: Als sie einst kurz davor stand, an den Deutschen Meisterschaften im Trampolinspringen teilzunehmen, zog sie sich einen Trümmerbruch im Fuß zu – die Turnierteilnahme platzte, es gab Tränen im Krankenhaus. Der Sport, schreibt Baerbock, habe sie das »Schwanken zwischen Gewinnen und Verlieren, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt« gelehrt. Mögliche Parallelen zur Politik? Lassen sich wohl erst nach der Wahl im September ziehen.

Immer wieder schreibt Baerbock über ihre Rolle als Frau und junge Mutter, so hebt sie sich in ihrer Lebensrealität von den Kanzlerkonkurrenten Olaf Scholz und Armin Laschet ab. Baerbock schreibt darüber, wie sie und Kolleginnen bei einer Sondersitzung im Bundestag zum Euro-Rettungspaket ihre Babys in einem Andachtsraum wickeln mussten, weil es in der Nähe des Plenarsaals keinen anderen Ort dafür gab. Sie erzählt, wie sie ihre Tochter mit zur Pariser Klimakonferenz nahm und wie sie beim Besuch eines Flüchtlingslagers weinte, weil sie so bewegt war vom Schicksal jesidischer Frauen und ihrer Kinder.

Baerbock will keine knallharte Berufspolitikerin sein, sondern menschlich und nahbar wirken. In personalisierten Wahlkämpfen ist das nicht unwichtig. Aber es ist eine sehr dosierte Nähe, die Baerbock in ihrem Buch zulässt.

3. Das Handwerkliche

Annalena Baerbock hat keine Regierungserfahrung, was Konkurrenten und Gegner ihr gern vorhalten. Steht deshalb ihre Kanzlertauglichkeit infrage? Wohl nicht zufällig walzt Baerbock im Buch ihre bisherigen politischen Erfahrungen aus.

Wenn sie die Bedeutung des Pariser Klimaabkommens hervorhebt, erwähnt sie natürlich, dass sie selbst am Klimagipfel teilnahm. Wenn es um den »Globalen Pakt für Flüchtlinge« der Vereinten Nationen geht, dann nicht, ohne zu erzählen, dass sie während dessen Erarbeitung in New York war und sich dort unter anderem mit der Sonderbeauftragten für internationale Migration traf. Sie erzählt, wie sie als Abgeordnete des Bundestags in den Irak reiste und dort Jesidinnen besuchte, für deren Rechte sie sich danach politisch starkmachte. Wie sie sich mit Mitarbeitern in Ölraffinerien und mit Kohlekumpeln traf, um über eine sozial verträgliche Klimapolitik zu sprechen. Die Botschaft: Ich habe in meiner politischen Laufbahn schon viel gesehen – auch ohne Regierungsamt.

Die Vorstellung eines erneuerten Deutschlands und einer Regierung, »die gemeinsam und ressortübergreifend die notwendige Dynamik entfaltet, um die Zukunftsthemen wie Klimaschutz, Digitalisierung, sozialer Zusammenhalt, Kinder und Bildung sowie eine gemeinsame Europapolitik zu gestalten«, hat Baerbock sehr bewusst mit ihrer eigenen politischen Laufbahn und Biografie verknüpft.

Baerbock inszeniert sich als Frau und junge Mutter, die anpackt, Fußball spielt und Reifen wechselt. Und als inhaltlich versierte Politikerin mit internationaler Erfahrung. Insofern ist das Buch kein inhaltlich überraschendes Statement. Es ist eine Skizze, wie die Kanzlerkandidatin auf der politischen Bühne selbst gern wahrgenommen werden will.

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