Baerbock und Habeck treten als Parteivorsitzende ab Das letzte Mal

Robert Habeck und Annalena Baerbock verabschieden sich vom Parteivorsitz. Mit einer Rede, die bescheiden wirken sollte, aber vor allem eins zeigte: Die Trauer hält sich in Grenzen.
Am Ziel: Annalena Baerbock und Robert Habeck

Am Ziel: Annalena Baerbock und Robert Habeck

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Hannibal Hanschke / Getty Images

Es gibt Politiker, denen man die Laune ansieht. Robert Habeck ist so ein Politiker. Wenn er gut drauf ist, ist er einer der besten Redner der Republik. Wenn er nicht so gut drauf ist, dann scheinen seine Gedanken zu springen, und seine Sätze folgen. Er klingt dann nörgelig. So wie an diesem Abend.

Annalena Baerbock dagegen fällt das Reden schwerer, spätestens, seit sie Parteivorsitzende ist. Sie verhaspelt sich immer mal wieder, sie stockt an Stellen, an denen die Zuhörer kein Stocken erwarten, es wirkt dann, als würde sie sich sammeln müssen. An diesem Abend ist das nicht so. Sie wirkt erleichtert.

Zum letzten Mal stehen Habeck und Baerbock an diesem Abend gemeinsam als Parteivorsitzende der Grünen auf der Bühne. Vor vier Jahren wurden sie gewählt, damals unter dem Motto »Das ist erst der Anfang«. In den vier Jahren haben die Grünen ihre Mitgliederzahl verdoppelt, sie haben ihre größten Wahlerfolge eingefahren, der Höhepunkt war die Europawahl 2019: 20,5 Prozent holten die Grünen damals. Habeck und Baerbock haben ihre Partei in die Regierung geführt, sie sind Minister geworden, Habeck Wirtschafts- und Baerbock Außenministerin. Aber sie haben ihr Ziel, das Kanzleramt zu besetzen, nicht erreicht. Sie sind keine Volkspartei geworden. Und sie haben bei der Bundestagswahl nicht einmal 15 Prozent erreicht.

»Das alles kann uns jetzt ziemlich egal sein«

Annalena Baerbock

Trotzdem sind sie an ihrem Ziel der Regierungsbeteiligung angekommen. Das genießen sie, man merkt es. Ihre Erfolge als Parteivorsitzende kosten sie auf der Bühne dennoch nicht aus. Habeck sagt, es sei ein »antiseptischer Abschied«, es habe kaum Zeit für Sentimentalitäten gegeben, die neuen Jobs sind wichtig und Rituale waren es den Grünen immer schon weniger. Seine Zeit als Parteivorsitzender will er nicht überhöht sehen: »Es endet auch keine Ära, es beginnt einfach ein neuer Akt«, sagt er.

Das klingt dann doch ziemlich unspektakulär.

Baerbock schließt sich an. Früher hätten andere kommentiert, wenn sie gemeinsam Reden gehalten hätten: Er gucke schief, kommentiere ihr Kleid falsch, sie habe vergessen, ihr Mikro auszumachen – zum Beispiel im Sommer 2021, als Baerbocks erstes Wort nach ihrer Rede ein beherztes »Scheiße« war. »Das alles kann uns jetzt ziemlich egal sein«, sagt sie.

So redet sie an diesem Abend auch. Dass sie zusammen dastünden, liege vor allem daran, dass sie gemeinsam Danke sagen wollten. Viel mehr wollen sie gemeinsam dann aber nicht mehr machen. »Der Akt wird jetzt mit anderen Rollen fortgeführt«, sagt sie, »da freuen wir uns glaube ich beide drauf«.

Baerbock überlässt Habeck die Bühne, der sich nicht länger mit Parteifolklore aufhält.

»Wir haben eben 14,X Prozent, nicht 25 Prozent«

Stattdessen tadelt er: Die Debatte, ob die Grünen regieren könnten, halte er für »total unsinnig«. Gut seien sie, wenn sie Dinge »von der Sache her« gedacht hätten und »nicht aus der Logik der Partei«. »Partei ist kein Selbstzweck«, erklärt er. Der Zweck sei, die Wirklichkeit zu gestalten. »Das ist kein oh weh, oh weh, die schwierige Wirklichkeit. Es ist ein Privileg«, sagt er.

Die Wirklichkeit, auf die die Grünen treffen, aber ist hart. Habeck arbeitet die Koalitionsverhandlungen auf, natürlich hätten sie gern das Verkehrsministerium gehabt, »aber hey, wir haben eben 14,X Prozent, nicht 25 Prozent«, da fehle immer etwas. Dann kommt er in seiner Wirklichkeit an.

Es geht um die ungeliebte Taxonomie, die Grünen wollten Atomkraft und Gas nicht als nachhaltig einstufen – aber sie müssen die Entscheidung der EU hinnehmen. »Glaubt irgendjemand, die Welt wäre besser, wenn das die anderen Parteien machen würden?«, fragt Habeck. Dann spricht er über die KfW-Förderung, die nun überraschend ausläuft, weil es kein Geld mehr dafür gibt. Er sagt, viele Projekte würden trotzdem noch realisiert werden, das Programm sei ausgeufert. Es sei »unangenehm«, die Entscheidung politisch zu verantworten. »Aber, umgekehrt, wie froh können wir sein, dass wir jetzt die Verantwortung haben?« Das nächste Programm, verspricht er, werde sozialer.

Habeck will regieren, Parteivorsitzender möchte er nicht mehr sein. Nach dieser Rede kann es daran keinen Zweifel mehr geben. Als er fertig ist, hockt er sich am Rand der Bühne auf zwei Stufen. Es ist eine typische Habeck-Pose.

Traurig sind sie nicht

Baerbock kommt zurück auf die Bühne. Sie spricht weniger über Probleme, hadert nicht mit der Partei oder ihrem Wahlkampf, in dem sie viele Fehler gemacht hat und um dessen Aufarbeitung es eigentlich auf diesem Parteitag auch gehen soll. Baerbock aber schweigt dazu.

Stattdessen erzählt sie die Geschichte von Inge Auerbacher, die als junges Mädchen den Holocaust überlebt und in dieser Woche im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag gesprochen hat. Auerbacher hatte sich im Parlament an ihre Freundin Ruth erinnert, die die Schoa nicht überlebte. Baerbock stockt die Stimme. Auerbacher, erzählt sie, trage einen Schmetterling, um an die ermordeten Kinder der Schoa zu erinnern. Später habe Baerbock Auerbacher mit Berliner Schülerinnen und Schüler zusammengebracht. Eine der Schülerinnen habe einen Schmetterling an ihrer Halskette getragen.

»Das sind ganz kleine Momente, da schreibt man kein Gesetz, da macht man eigentlich fast gar nicht als Ministerin, sondern man hat große Glück, in dieser Regierungsverantwortung, Menschen zusammenzubringen«, sagt sie. Die wenigen Anwesenden klatschen.

Baerbock sagt, es werde harte Zeiten geben. Politik sei die Bereitschaft, Dinge nicht auf andere zu verschieben, sondern es selbst zu versuchen. Hätte man den Applaus gemessen, er wäre bei Baerbock wohl deutlicher gewesen, auch wenn nur sehr wenige Parteimitglieder vor Ort sind.

Sie ist die Lieblingsvorsitzende der Partei, das hat sich in den letzten Jahren nicht geändert. Am Ende, als Claudia Roth ihr eine Abschiedshymne vorträgt, samt Liedzeilen von John Lennon, da kommen ihr die Tränen. Man bekommt den Eindruck, als werde sie den Job mehr vermissen, als Habeck es tun wird, und als sie anfangs erkennen ließ. »Ihr kennt das ja schon, ich fange dann immer an zu weinen«, sagt sie am Schluss.

Bei Habeck klingt das so: »Ein paar letzte Worte, dann seid ihr uns als Parteivorsitzende los.«