Ralf Neukirch

Grüne Kanzlerkandidatin Baerbock Zur Abwechslung mal ohne Erfahrung

Ralf Neukirch
Ein Kommentar von Ralf Neukirch
Dass Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin der Grünen wurde, war unvermeidlich. Die Entscheidung ist dennoch höchst riskant.
Annalena Baerbock bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur am 29. März 2021

Annalena Baerbock bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur am 29. März 2021

Foto: ANNEGRET HILSE / AP

Kitsch, so viel ist klar, kann Robert Habeck besser. Als der Vorsitzende der Grünen im vergangenen Jahr auf Instagram zu einem Selbstporträt mit sogenannten Konik-Pferden postete: »Das ist so dicht an Magie, wie man kommen kann«, da setzte bei vielen Betrachtern Fremdscham ein. Habeck aber wirkte mit sich im Reinen.

Dagegen war Annalena Baerbock das Unbehagen deutlich anzusehen, als sie am Montag als Kanzlerkandidatin der Grünen von der Pariser Klimakonferenz zu schwärmen versuchte, wo »Delegierte aus 194 Ländern mit Tränen in den Augen im Raum standen und sich umarmten«. Baerbock ist eine sachliche und nüchterne Frau, politischen Schwulst sollte sie anderen überlassen.

Man bekam gleich zu Beginn eine Ahnung davon, dass die Rolle, die Baerbock sich jetzt zutraut, eine äußerst schwierige werden könnte. Möglicherweise kann Habeck nicht nur Kitsch besser.

Nach herkömmlichen Kriterien wäre Habeck Kandidat geworden

Zum ersten Mal in der Geschichte ist das Kanzleramt für die Grünen eine realistische Option. Es ist nur folgerichtig, dass Baerbock Spitzenkandidatin wird. Wie hätte eine Partei, bei der der Feminismus zum Kern der eigenen Identität gehört, in dieser Situation einen Mann nominieren können?

Für die Grünen ist die Kanzlerkandidatur einer Frau ein großer Schritt. Für das Land nach 16 Jahren Angela Merkel eher nicht.

Aber für die Grünen ist Baerbocks Kandidatur auch ein Risiko. Die Parteispitze weiß, dass Habeck mehr Wähler außerhalb des grünen Milieus angesprochen hätte. In manchen Umfragen liegt Baerbock leicht vorn. Aber die mediale Dauerbeobachtung, der Habeck seit Monaten ausgesetzt ist, steht ihr noch bevor.

Hätten herkömmliche Kriterien gegolten, wäre Habeck Kandidat geworden. Er hat als Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein Wahlen gewonnen, er hat die Grünen in eine Koalitionsregierung geführt und war sechs Jahre lang Minister und stellvertretender Ministerpräsident. Er hat Regierungserfahrung, zumindest auf Landesebene.

Baerbock ist seit zwei Jahren Co-Vorsitzende der kleinsten Oppositionspartei im Bundestag. Das ist wenig für den Anspruch auf das Kanzleramt. Aber sie ist eine Frau. Das war am Ende entscheidend.

Die Befürworter Baerbocks haben zwei Antworten auf diese Kritik. Die eine geht so: Es ist typisch frauenfeindlich, dass Baerbocks Streben nach dem Kanzleramt kritisiert wird. Bei Männern störe sich auch niemand an deren Ambitionen, siehe Friedrich Merz oder Jens Spahn.

Doch Spahn wurde auf dem Höhepunkt seiner Popularität im vergangenen Jahr auch deshalb nicht CDU-Chef, weil selbst seine Anhänger einräumten, dass er zu wenig politische Erfahrung für die damit verbundene Kanzlerkandidatur habe.

Es ist in Wahrheit andersherum: Kein Mann wäre mit dem Erfahrungshorizont Baerbocks Kanzlerkandidat geworden.

Die andere Argumentationslinie erklärt politische Erfahrung gleich ganz für entbehrlich. Die schwache Politik der Koalition in Zeiten der Pandemie zeige doch, dass Regierungserfahrung überschätzt werde. Mit der Begründung könnte man die Fahrschulen abschaffen, weil auch Führerscheinbesitzer Unfälle bauen.

Das interessanteste Argument kommt von Baerbock selbst. »Ich war noch nie Ministerin. Ich trete an für Erneuerung«, sagte sie.

Da wird mit einem Satz weggewischt, was für einen Regierungschef oder Regierungschefin einmal als wünschenswert galt: exekutive Fertigkeiten, in Krisen gewachsene politische Reife, das Erringen von Siegen und das Erleiden von Niederlagen. Es braucht halt mal Abwechslung!

Baerbock stellt den traditionellen Prozess der politischen Auslese infrage

In ihrer Absage an das Hergebrachte erinnert Baerbock an einen, der politisch das Gegenteil von ihr verkörpert: Markus Söder.

Söder erklärt die Gremien der innerparteilichen Demokratie für unzeitgemäß. Mag der CDU-Vorstand seit Jahrzehnten den Willen der Partei artikulieren – ein echter Führer wie Söder bezieht seine Macht direkt von der Basis.

Baerbock stellt nicht die Gremien infrage, sondern den traditionellen Prozess der politischen Auslese. Sie wirbt nicht mit Wettkampferfahrung und Professionalität, sondern mit politischer Frische. Das ist auch radikal.

Wie erfolgreich man damit kurzfristig sein kann, zeigt ein Blick nach Österreich. Dort hat Sebastian Kurz mit einer Mischung aus Söder'scher Brutalität und Baerbock'scher Chuzpe die Parteiendemokratie umgekrempelt.

Wenn aber politische Reife und Erfahrung für entbehrlich erklärt und Parteien entkernt werden, wird das dauerhafte Folgen für die Stabilität des politischen Systems haben. Es werden keine guten sein.

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