Stefan Kuzmany

Baerbocks Lebenslauf Ein doppeltes Desaster

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Die erste Euphorie ist vorbei: Benzinpreiswut, Rüstungsdebatte und Nebeneinkünfte-Ärger bremsen den Umfragehöhenflug der Grünen. Viel schlimmer jedoch ist das unwürdige Gewurstel um den Lebenslauf der Spitzenkandidatin Annalena Baerbock.
Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Foto:

CLEMENS BILAN / EPA-EFE

Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Ich habe Soziologie, Politologie, Komparatistik, Jura und Zeitungswissenschaften in Augsburg und München studiert. Ich engagiere mich im Förderverein der Schule unseres Sohnes, helfe verfolgten Journalistinnen und Journalisten mit regelmäßigen Zuwendungen und unterstütze die Obdachlosenhilfe. Super Typ, oder?

Na ja. Eigentlich habe ich all diese Studien abgebrochen, überweise zwei Vereinen jeweils den Mindestbeitrag, meide nach Möglichkeit jeden Elternabend und stecke ab und zu einem Bettler 50 Cent zu. Immer noch kein schlechter Mensch, würde ich sagen. Ziemlich normal.

Aber was würde es über meinen Charakter aussagen, wenn ich mich nur mit der ersten Version meiner guten Taten bei Ihnen vorgestellt hätte – und erst später scheibchenweise herauskäme, dass die zweite Version stimmt? Und was würde es über die Professionalität meiner Kampagne aussagen, wenn ich mit so einem aufgehübschten Lebenslauf in den Wahlkampf um ein hohes Staatsamt zöge?

Der Start war zu traumhaft, um bis ins Ziel zu tragen

Der Höhenflug der grünen Spitzenkandidatin Annalena Baerbock, so zeigt es der Verlauf der Umfragen, scheint sich in einen Sinkflug zu wandeln. Überwog anfangs die allgemeine Freude über die frische Kandidatin und ihre Vision einer neuen, nicht nur fürs Klima, sondern insgesamt gerechten Gesellschaft, macht sich nun Ernüchterung breit. Das ist normal, der Start war zu traumhaft, um bis zum Ziel zu tragen.

Den Wählerinnen und Wählern scheint in der Debatte über höhere Spritpreise und kurze Flugreisen zu dämmern: Die meinen es ernst. Ihre Forderungen nach höheren Energiepreisen unterscheiden sich zwar kaum von denen der meisten anderen Parteien, aber die Grünen scheinen sich tatsächlich an die eigenen Beschlüsse halten zu wollen. Nichts gegen die Weltrettung, werden sich da viele denken – aber erst mal will ich in den Urlaub fliegen. Und dann wieder mit dem Auto zur Arbeit, wenn ich endlich wieder ins Büro darf. Und kosten soll das alles bitte möglichst wenig.

Im Schlafwagen ins Kanzleramt

Man kann es für einen strategischen Fehler halten, vor der Wahl allzu deutlich zu sagen, was man vorhat – vor allem, wenn das Vorhaben eine finanzielle Belastung der Bürgerinnen und Bürger mit sich bringt. Viel bequemer führt sich so ein Wahlkampf doch, wenn man möglichst vage bleibt und sich bei keinem Thema festlegt. Angela Merkel hat viele Wahlen mit dieser Methode gewonnen, und gerade sieht es danach aus, als könnte auch Armin Laschet damit die CDU an der Macht halten: im Schlafwagen ins Kanzleramt.

Es ist den Grünen dabei nicht vorzuwerfen, dass sie mit ihren Ansinnen nicht hinter dem Berg halten, während sie um Stimmen werben. So werden sie zwar womöglich schlechter abschneiden als erhofft – das aber ehrenhaft. Wer die Grünen wählt, weiß, was er oder sie bekommt.

Wird Baerbock von blutigen Anfängern beraten?

Oder eben doch nicht. Denn die CO-Preisdebatte mag ein Problem für die Grünen sein. Das tatsächliche Desaster jedoch ist das unwürdige Gewurstel mit Annalena Baerbocks Biografie. Es ist sogar ein doppeltes Desaster.

Da ist zunächst das unglaubliche Versagen ihrer Kampagne. Wie kann es sein, dass Baerbock von Beratern umgeben ist, die offenbar nicht in der Lage waren, einen nicht nur korrekten, sondern wasserdichten Lebenslauf ihrer Kandidatin zu veröffentlichen? Es handelt sich hier ja nicht um den allerersten grünen Bundestagswahlkampf seit Gründung der Partei – es ist der wichtigste überhaupt, denn erstmals haben sie die Chance auf die Macht im Land. Wie kann sie sich mit Leuten umgeben, die nicht wissen, dass in so einem Kampf jedes Detail unter die Lupe genommen werden wird, die nicht schon weit im Vorfeld die Brille des politischen Gegners und der investigativen Presse aufsetzen und alles, aber auch alles, was es über die Kandidatin zu wissen gibt, auf mögliche Schwachstellen abklopfen? Sind das blutige Anfänger? Haben die noch nicht einmal zur Fortbildung während der Pandemie eine US-Politserie angeschaut? Wenigstens ein paar Folgen? Offenbar nicht.

So entsteht ein verheerender Eindruck: Nicht nur will eine Frau Kanzlerin (oder wenigstens Ministerin) werden, die über keinerlei Erfahrung in Verwaltung und Regierung verfügt. Nein, zusätzlich ist sie auch noch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgeben, die herzlich wenig Ahnung vom politischen Geschäft haben. Und diese Truppe soll jemand wählen?

Mehr Schein als Sein

Schlimmer noch ist allerdings das zweite Desaster: die Übertreibungen in Baerbocks Lebenslauf selbst. Was treibt jemanden dazu, sich als Mitglied in einer Organisation der Vereinten Nationen zu bezeichnen, in der man gar nicht Mitglied werden kann? Warum bezeichnet sich jemand nach der Teilnahme an einem Fellowship-Programm als Mitglied des German Marshall Funds? Und warum bleibt das alles noch Wochen nach der ersten Debatte über die Ausbildung zur Völkerrechtlerin für alle einsehbar stehen?

So entsteht das Bild einer allzu ehrgeizigen Kandidatin, die stets etwas mehr darstellen möchte, als sie in Wirklichkeit ist. Vollkommen ohne Not sät Annalena Baerbock so Zweifel an ihrer charakterlichen Eignung für das Kanzleramt. Denn wen kümmert es denn im Ernst, ob Baerbock nun Mitglied oder nur Spenderin und ehemalige Teilnehmerin ist? Niemanden. Für sie selbst scheint es aber wichtig gewesen zu sein. Womöglich zu wichtig.