Annan warnt vor "Kampf der Kulturen" "Sogar Liberale können bemerkenswert intolerant sein"

Kofi Annan hat eindringlich vor einem weltweiten "Kampf der Zivilisationen" und der Ausgrenzung der islamischen Religion gewarnt. Selbst durch Terrorakte wie am 11. September dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass "der Islam" und die "westliche Welt" als unvereinbar erscheinen, sagte der Uno-Generalsekretär.

Tübingen - Millionen Muslime in Deutschland und anderswo bewiesen vielmehr, dass sich islamische und westliche Werte gut vereinbaren lassen, sagte Annan am Freitag in einer Gastvorlesung an der Universität Tübingen. Trotzdem schlage Muslimen im Westen derzeit oft Misstrauen entgegen, manche würden sogar belästigt oder diskriminiert, beklagte Annan. Dabei könne sich aber niemand auf die Verteidigung universaler Werte wie Frieden, Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit, Gleichheit und Toleranz berufen. Auch Gesellschaften, die sich selbst modern nennen, seien nicht automatisch tolerant. "Sogar überzeugte Liberale oder Demokraten können manchmal bemerkenswert intolerant gegenüber anderen Meinungen sein."

Annan mahnte dazu, Religionen oder ethische Systeme niemals zu verurteilen, nur weil sich manche ihrer Anhänger moralisch falsch verhielten. Mit Blick auf die USA sagte er, es könne zwar stimmen, dass sich Toleranz und Dialogbereitschaft in einer Gesellschaft mit Hilfe von freien Wahlen, Gewaltenteilung und einem Mehrparteien-System befördern ließen. Aber nur weil einem dieses Regierungssystem nützlich erscheine, "sollte keine Gesellschaft meinen, dass sie das absolute Recht oder die Verpflichtung dazu hat, dieses System auf andere zu übertragen".

Möglicherweise in Anspielung auf das Gefangenenlager der USA in Guatanamo auf Kuba sagte Annan weiter: "Diejenigen, die bestimmte Werte heute am lautesten predigen - wie etwa Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Gleichheit vor dem Gesetz - haben eine besondere Verpflichtung, diesen Werten auch in ihren eigenen Leben und Gesellschaften gerecht zu werden - und sie sowohl auf ihre Feinde wie auf ihre Freunde anzuwenden."

Kritik an fehlgeleiteter Globalisierung

Annan kritisierte, dass die Globalisierung weltweit die Kluft zwischen Arm und Reich sowie zwischen Mächtigen und Wehrlosen vergrößert habe, und zwar sowohl innerhalb der Gesellschaften als auch unter den Staaten. Leider vollziehe sich der Globalisierungsprozess losgelöst von universalen Werten, wie sie seit Jahrzehnten von der Uno vertreten würden, sagte er. Dazu zählten etwa das Recht auf ein gesundes Leben inklusive Essen, Kleidung, Wohnung sowie medizinische und soziale Versorgung. Dieses Recht werde weltweit noch immer vielen Millionen Menschen vorenthalten.

Zudem drohe der Kampf gegen Armut, Hunger und für soziale Gerechtigkeit aktuell in Vergessenheit zu geraten, weil sich die internationale Diskussion nun auf Fragen von Krieg und Frieden fokussiere.

Die Enttäuschung über die fehlgeleitete Globalisierung führt nach Annans Eindruck gegenwärtig dazu, dass sich viele Menschen in kleinere Gemeinschaften mit eigenen Wertvorstellungen zurückzögen. Dies wiederum befördere die Entwicklung unterschiedlicher Wertsysteme, mit der Folge, dass diese Gruppen andere Menschen ausschließen, weil sie nicht dieselben politischen oder religiösen Überzeugungen teilen oder anders aussehen.

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