Anne Frank-Buch verbrannt Märchen zum Prozessbeginn

Im Sommer warfen Neonazis bei Magdeburg das "Tagebuch der Anne Frank" in ein Sonnenwendfeuer. Vor Gericht verteidigt sich der Hauptangeklagte jetzt abenteuerlich: Er habe sich damit von diesem "bösen Kapitel der deutschen Geschichte" befreien wollen.

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Magdeburg - Lars K. hat einen weißen Schal bis über die Nase gebunden, seine Augen versteckt er hinter einer Sonnenbrille. Den Kopf stur gen Boden gerichtet durchschreitet der Mann, der das "Tagebuch der Anne Frank" verbrannt hat, die Sicherheitsschleuse. Gegen Lars K. aus Pretzien und sechs andere junge Männer zwischen 24 und 29 Jahren wird heute im Landgericht Magdeburg verhandelt. Der Amtsgerichtsprozess wurde aus Platzgründen aus Schönebeck dorthin verlegt. Die Männer sind wegen Volksverhetzung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener angeklagt.

Der Angeklagte Lars K. (r)neben seinem Verteidiger Jauch: K. wollte nicht das Schicksal der Anne Frank verharmlosen, sondern sich von "diesem bösen Kapitel der deutschen Geschichte" befreien
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Der Angeklagte Lars K. (r)neben seinem Verteidiger Jauch: K. wollte nicht das Schicksal der Anne Frank verharmlosen, sondern sich von "diesem bösen Kapitel der deutschen Geschichte" befreien

Acht Monate ist es her, dass der kleine Ort Pretzien, ungefähr 20 Kilometer südöstlich von Magdeburg, ins Schlaglicht geriet. Auf einer "Sonnenwendfeier", organisiert vom "Heimatbund Ostelbien e.V." wurden am 24. Juni das "Tagebuch der Anne Frank" und eine US-Flagge verbrannt. Dazu gab es rechtsextreme Parolen, von "deutschem Blut und "deutscher Jugend" ist die Rede gewesen. "Wer etwas Artfremdes habe, der möge es jetzt dem Feuer übergeben", hat einer der Männer laut Anklage gesagt. "Sowieso alles Lüge", soll K. sinngemäß gerufen haben, als er das "Tagebuch der Anne Frank" ins Feuer warf. Zwei der jungen Männer sollen, so die Anklage, T-Shirts mit der Aufschrift "Wehrmacht Pretzien" getragen haben.

Pretzien hat rund 900 Einwohner, sechzig bis siebzig von ihnen sollen auf der "Sonnenwendfeier" gewesen sein. Die Polizei war anwesend, der Bürgermeister war anwesend - aber niemand schritt ein. Erst zehn Tage später wurden wegen des Vorfalls die ersten Wohnungen in Pretzien durchsucht. In den Wochen darauf geriet der kleine Ort in die Kritik. Dem Bürgermeister Friedrich Harwig wurde vorgeworfen, er sei vollkommen naiv mit den Rechtsextremen umgegangen. Statt rechtsradikales Gedankengut zu bekämpfen oder sich Hilfe zu holen, habe er die einschlägigen Jugendlichen irgendwie versucht, in die Gemeindearbeit einzubinden - im "Heimatbund Ostelbien e.V." eben, der aus einer rechten Kameradschaft hervorging. Und als Medien enthüllten, dass vier Verfassungsschützer in Pretzien wohnen, stellte sich die Frage: Warum hat niemand etwas von den Machenschaften der rechtsextremen jungen Männer mitbekommen?

"Bedauerlicherweise deutlich missverstanden"

Wenn es nach Thomas Jauch, Lars K.s Verteidiger geht, dann wohl deshalb, weil es gar keinen Grund zur Besorgnis gibt - zumindest nicht im Fall der "Sonnenwendfeier" am 24. Juni. Es ist kurz nach acht Uhr am Morgen, im Gerichtssaal hat gerade Staatsanwalt Arnold Murra die Anklage vorgelesen, als Thomas Jauch - der nach Informationen der "taz" wiederholt Rechtsextreme vor Gericht verteidigte - im Namen seines Mandanten eine abenteuerliche Schrift verliest:

Es sei richtig, dass sein Mandant K., geboren 1981, das "Tagebuch der Anne Frank" ins Feuer geworfen habe. Dass "sowieso alles Lüge sei", wie es in der Anklage stehe, habe er allerdings nicht gesagt. Sein Anliegen sei nämlich nicht die Leugnung des Holocaust gewesen, sondern - wie auf "Sonnenwendfeiern" üblich - die "Reinigung von Gegenständen, die einen besonders belasten". K. habe nicht das Schicksal der Anne Frank verharmlosen, sondern sich von "diesem bösen Kapitel der deutschen Geschichte" befreien wollen. "Er hält das für ein Unding der deutschen Geschichte und wollte sich davon reinigen", behauptet Jauch. Bedauerlicherweise sei sein Mandant "deutlich missverstanden" worden.

Es ist ob dieser Offensive still im Gerichtssaal. Thomas Heppener, Direktor des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, wird später zu diesem Vortrag sagen: "Mir ist fast schlecht geworden".

"Faschingsfeiern und Dorffeste"

Ob nun der Angeklagte selbst bereit sei, Fragen zu beantworten, fragt der Richter. Ist er: Die Idee auf der "Sonnenwendfeier" das "Tagebuch der Anne Frank" zu verbrennen, sei ihm "spontan" gekommen, seine Freunde aus dem "Heimatbund Ostelbien e.V." hätten davon nichts gewusst, sagt K., hinter dessen anfänglicher Vermummung kurze blonde Haare und ein kindliches, stumpfes Gesicht zum Vorschein kommen. Von der Feier habe er seine Freundin angerufen, sie solle ihm das Buch aus einer Umzugskiste im Schuppen heraussuchen und vorbeibringen. Es täte ihm leid, wenn die Verbrennung falsch verstanden worden sei.

Hat K. schon einmal etwas von den Bücherverbrennungen durch die Nazis gehört?, fragt Richter Bruns. K., nach eigenen Angaben historisch interessiert, verneint. Er sei politisch neutral, die anderen Mitangeklagten "neutral bis rechts". "Vielleicht ein bisschen rechts angehaucht", sagt K.

Der Richter ist fertig, die anderen sechs Angeklagten wollen heute nichts sagen. Nur der Anwalt von Marc P., der die US-Fahne ins Feuer geworfen hat, verliest eine Verteidigungsschrift und schlägt damit die gleiche Richtung ein, wie sein Vorgänger Jauch. Sein Mandant wollte die "Aggressionspolitik der USA" anprangern. Und sich von etwas befreien, wie es eben "Sinn und Zweck" einer "Sonnenwendfeier" sei.

"Wieso keine Ausstellung oder Lesung organisiert?"

Die Angeklagten sitzen stumm auf ihrer Bank - der Staatsanwalt will den ersten Verhandlungstag nicht so enden lassen. Wie es sein könne, dass K. geglaubt habe, eine Verbrennung des "Tagebuchs der Anne Frank" könne "richtig verstanden" werden, in einer Zeit, in der in Deutschland Dinge passieren, wie gerade am Wochenende der Brandanschlag auf eine jüdische Kindertagesstätte in Berlin? Und wieso K., wenn ihn das Schicksal der Anne Frank so "belastet" habe, nicht eine Ausstellung oder Lesung dazu organisiert habe? "Meinen Sie nicht, dass die Sache mit dem Missverständnis sehr fadenscheinig ist?", fragt der Staatsanwalt. "Hat nicht auch Goebbels bei der Bücherverbrennung 1933 in Berlin gesagt: Ich übergebe das dem Feuer?" Was hätte er denn sonst sagen sollen?, fragt K.. Nur weil er geschichtlich interessiert sei, müsse er ja nicht wissen, was Goebbels gesagt habe.

"Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist die Verteidigung wenig glaubhaft", schließt Richter Bruns. Es ist der erste von acht geplanten Verhandlungstagen in einer Sache, die viele in Deutschland schockierte. Und es ist der erste Eindruck einer Verteidigung, die die angereisten Zuhörer erschüttert. "Ich will nicht wahrhaben, dass man versucht, sich mit solcher Erklärung aus der Verantwortung zu stehlen", sagt Thomas Heppener vom Anne-Frank-Zentrum. Er hoffe nun auf die vielen Zeugen und darauf, dass endlich klar werde, dass Rechtsextremismus "kein Randphänomen ist." Denn die Angeklagten kämen ja aus der Mitte der Gesellschaft.

Eine Frau aus Pretzien sagt, dass die Verteidigungsschrift "lächerlich" sei. Sie glaube, dass K. nun "das Bauernopfer" werden solle. "Das bitterste", sagt die Frau, "wäre, wenn die freigesprochen würden". Sie spricht leise, die Freundinnen der Angeklagten, die auch auf der Besuchertribüne sitzen, sollen sie nicht hören.

Denn in Pretzien, da würden immer noch Menschen angefeindet, sagt Dorfpfarrer Andreas Holtz, der nach dem Vorfall deutliche Worte für die Missstände in Pretzien fand und heute eine pinke Anstecknadel mit der Aufschrift "Hingucken" trägt.

Sonst herrsche im Dorf ein "ganz großes Schweigen".



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