Melanie Amann

AKK gibt auf Alternativlos

Melanie Amann
Ein Kommentar von Melanie Amann
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Annegret Kramp-Karrenbauer ist an der unmöglichen Aufgabe gescheitert, die CDU zu leiten, während Angela Merkel noch im Amt ist. Wer immer ihr nachfolgt, wird auf einem Rückzug der Kanzlerin bestehen müssen - und damit auf Neuwahlen.
Parteichefin Kramp-Karrenbauer, Kanzlerin Merkel

Parteichefin Kramp-Karrenbauer, Kanzlerin Merkel

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Michael Kappeler/ dpa

Gleich zwei weibliche Politiker nutzten in letzter Zeit den Rückzug als letzten Akt der Emanzipation. Nach Andrea Nahles hat nun auch Annegret Kramp-Karrenbauer angekündigt, demnächst den Parteivorsitz und ihre Kanzlerambitionen aufzugeben. Beide Frauen standen mit dem Rücken zur Wand, beide waren einem Trommelfeuer aus den eigenen Reihen ausgesetzt, und beide haben sich, so scheint es, zu guter Letzt gefragt: Warum tue ich mir das eigentlich an? Der Rücktritt war für Nahles wie Kramp-Karrenbauer der einzige Weg, die eigene Würde zu bewahren. Wie auf Nahles geht jetzt auch auf Kramp-Karrenbauer ein warmer Regen von Respekts-, Solidaritäts-, und Betroffenheitsbekundungen nieder. Am Ende bleibt wieder nur große Betroffenheit und die Frage nach dem Warum.

Warum? Kramp-Karrenbauer hat viele Fehler gemacht, strategisch wie kommunikativ. Immer wieder schien die Rolle als potenziell mächtigste Frau der Welt für die Saarländerin eine Nummer zu groß zu sein. Ihre Auftritte wirkten unbeholfen, ihre Botschaften kompliziert bis widersprüchlich, ihre Autorität war am Ende aufgezehrt. Spätestens mit dem Thüringen-Debakel muss Kramp-Karrenbauer erkannt haben, dass sie das Etikett "Sie kann's einfach nicht" nie mehr loswerden würde.

Immer wieder im Stich gelassen

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass das Scheitern von "AKK" viele Väter und Mütter hat. Immer wieder wurde die CDU-Chefin im Stich gelassen von der Mehrheit der Parteifreunde, die sie in Hamburg Ende 2018 gewählt hatten. Viele Fehler Kramp-Karrenbauers waren Kinkerlitzchen - der Karnevalswitz über Gender-Toiletten, der verstolperte Satz über Meinungsfreiheit im Netz. Trotzdem sprang ihr niemand zur Seite. Die CDU-Kollegen ließen die Chefin vor sich hin wurschteln, schauten lieber von festem Grund aus zu, wie Kramp-Karrenbauer im Treibsand versank, anstatt ihr die Hand zu reichen.

Manche (etwa Armin Laschet) ließen Kramp-Karrenbauer für die eigene Karriere absaufen, andere (etwa Angela Merkel) schienen zu denken, dass solche Bewährungsproben auf dem Weg zum höchsten Regierungsamt nun einmal zu bestehen sind. Mit der Geste der Überparteilichkeit ließ die Kanzlerin ausgerechnet ihre ursprüngliche Wunschnachfolgerin am ausgestreckten Arm verhungern, gab ihr weder Beinfreiheit noch Schützenhilfe. Sie selbst hatte es doch auch allein geschafft, scheint Merkel gedacht zu haben, gegen den männerbündlerischen Anden-Pakt, trotz des langen Schattens Helmut Kohls,  trotz ihres Ost-Stigmas. Warum sollte ihre Nachfolgerin es leichter haben?

Mit dieser Haltung trug Merkel dazu bei, dass ihre Nachfolge nun doch keine würdevolle, kontrollierte Veranstaltung wird. Die CDU hat die historische Chance verspielt, zum ersten Mal die Endphase der Ära einer historischen Überfigur behutsam zu gestalten, den Übergang ohne Verletzungen und Zerwürfnisse zu schaffen.

Deshalb ist Kramp-Karrenbauers Niederlage auch die von Merkel, zumal die Kanzlerin es nicht beim passiven Zusehen beließ. Als "AKK" den Versuch wagte, ihr innerparteiliches Wahlversprechen einzulösen und die CDU vorsichtig vom Merkel-Kurs zu lösen, um die spalterischen Konflikte über die Geflüchtetenpolitik endlich zu befrieden, wertete das Kanzleramt dies als Kampfansage. Von diesem Moment an schien Merkels Apparat zeitweise gegen die Parteichefin zu arbeiten - bis diese sich fügte und sich als Verteidigungsministerin in die Kabinettsdisziplin einreihte. Vielleicht war dieser Moment schon der Anfang vom Ende für "AKK".

Schleudersitz an der Spitze der Union

Nun ist das baldige Ende der Ära Merkel alternativlos geworden. Welcher der vielen Möchtegern-Kanzlerkandidaten - Laschet, Merz, Spahn, Söder - würde sich jetzt freiwillig auf den Schleudersitz an der Spitze der Union wagen? Wer soll sich als nächster zwischen Kanzleramt und Parteizentrale zerreiben lassen, zwischen WerteUnion und Fridays for Future, zwischen den AfD-affinen ostdeutschen Verbänden und den westdeutschen Bürgerlich-Liberalen?

Die Lektion aus Kramp-Karrenbauers Schicksal lautet: Kein CDU-Chef mit Kanzlerambitionen kann sich auf das "Wagnis" (Merkel) einlassen, unter der Kanzlerin zu dienen. Wenn schon die durchaus zähe und nervenstarke Kramp-Karrenbauer das Handtuch wirft, würde der applausverwöhnte politische Außenseiter Friedrich Merz es wohl keinen Monat in dieser Lage aushalten. Und kann sich jemand einen Kanzlerkandidaten Merz und eine scheidende Kanzlerin Merkel auf derselben Wahlkampfbühne vorstellen?

Jeder Kandidat, der nun aus der Deckung kommt, müsste sein Antreten eigentlich mit der Forderung von sofortigen Neuwahlen verbinden. Damit bieten sich nur zwei logische Auswege aus der jetzigen Lage und beide sind für die Union gleichermaßen unangenehm: entweder muss die CDU für ihr eigenes Überleben eine Kanzlerin mit rekordverdächtiger Beliebtheit zum Rückzug bewegen. Oder diese Kanzlerin räumt ihr Amt freiwillig vorzeitig.

"Alternativen: Keine", steht oft in Gesetzentwürfen. Das gilt jetzt auch für Merkel und die CDU. Die Tage der GroKo dürften gezählt sein.