Kramp-Karrenbauer, Altmaier, Maas & Co. Die Saarlandisierung der Republik

Das Saarland gehört zu den kleinsten Bundesländern der Republik - und wird bundespolitisch immer prominenter vertreten. Was ist da los?
Drei Saarländer im Kabinett: Kramp-Karrenbauer, Altmaier, Maas

Drei Saarländer im Kabinett: Kramp-Karrenbauer, Altmaier, Maas

Foto: DPA

Ursula von der Leyen kommt übrigens nicht aus dem Saarland. Das mal vorneweg.

Aber die Niedersächsin wird ja künftig auch keine tragende Rolle mehr in der deutschen Politik spielen, sondern die Kommission der Europäischen Union anführen. Am saarländischen Machtzuwachs in der Bundespolitik trägt die CDU-Politikerin mit ihrem Wechsel nach Brüssel dennoch ihren Anteil: Von der Leyens Abgang als Verteidigungsministerin eröffnete Annegret Kramp-Karrenbauer erst die Möglichkeit, ins Kabinett einzutreten. Nach einigem Überlegen griff die langjährige saarländische Ministerpräsidentin am Dienstagabend vergangener Woche  zu.

15 Kabinettsposten gibt es in der Regierung von Angela Merkel. Mit Kramp-Karrenbauer stellt das Saarland nun drei davon, neben der CDU-Vorsitzenden sind das ihr Parteifreund Peter Altmaier als Wirtschaftsminister und Außenminister Heiko Maas von der SPD. Nicht einmal zu Beginn der rot-grünen Bundesregierung 1998, als Oskar Lafontaine Finanzminister und SPD-Chef war, wurde das Saarland so stark in der Bundespolitik vertreten.

In der Heimat jedenfalls kann man sein Glück kaum fassen seit Wochenmitte, was beispielsweise an der Reaktion von CDU-Ministerpräsident Tobias Hans auf Twitter abzulesen war.

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Der saarländische Rundfunk interviewte in der Zwischenzeit einen Landsmann in der Redaktion der "Zeit" , um sich das Phänomen erklären zu lassen, der Deutschlandfunk Kultur einen SPIEGEL-Kollegen aus dem Saarland .

Als "the Saarlandization of German Politics" beschrieb der "Economist" aus London, was dieser Tage mit dem Wechsel von Kramp-Karrenbauer ins Kabinett vollzogen wurde.

Das alles ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber bemerkenswert ist eben schon, welchen Einfluss Politiker aus einem der kleinsten Bundesländer der Republik inzwischen haben. Witze über die Überschaubarkeit des nur 2500 Quadratkilometer großen Saarlands (bei knapp einer Million Einwohner) gibt es zuhauf - Kramp-Karrenbauer pflegte als Ministerpräsidentin zu scherzen, das Aussprechen ihres komplizierten Namens dauere so lang, dass man in der Zwischenzeit das Bundesland schon einmal durchquert habe.

Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen, in dem knapp 18 Millionen Menschen auf gut 34.000 Quadratkilometern leben, stellt im Kabinett auch nur drei Mitglieder, Baden-Württemberg (knapp 36.000 Quadratkilometer und gut elf Millionen Einwohner) kein einziges.

Nachgefragt bei Simone Peter, die als Grünenchefin von 2013 bis 2018 zur saarländischen Politik-Prominenz in Berlin gehörte. Sicherlich sei die aktuelle Entwicklung auch mit einigen Zufällen zu erklären, sagt Peter, inzwischen Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien. Aber dann kommt sie auf eine weitere Erklärung, die dann doch im Saarland zu suchen ist. "Aufgrund der Kleinheit des Landes orientiert man sich rasch nach außen und sucht auch in der Bundespolitik nach Kontakten", sagt Peter.

Saarländer sind geborene Netzwerker

Saarländer vernetzen sich demnach rascher in Berlin, als man es vielleicht anderswo tut, was spätere bundespolitische Karrieren erleichtert.

Stichwort Vernetzen: Das lernt der Saarländer wohl eh von Geburt an. Weil das Land so klein ist, kennt beinahe jeder jeden, über politische Grenzen hinweg, ideologische Barrieren gibt es kaum. Und "schwätze", wie man es hier nennt, gehört ohnehin zum Kennzeichen der Saarländer.

"Diese hohe Kommunikationskompetenz gepaart mit einem starken Kompromiss- und Konsensdenken erleichtert vielen Saarländern erst mal das Ankommen in Berlin", sagt einer, der das Saarland und die Bundespolitik gut kennt.

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Annegret Kramp-Karrenbauer: Parteisoldatin im Bendlerblock

Foto: Tobias Schwarz/AFP

Gleichzeitig würden saarländische Politiker rasch merken, wie viel Bewunderung ihnen in der Heimat entgegengebracht wird, wenn sie es in Berlin zu etwas gebracht haben, sagt er. Im Saarland habe man traditionell das Gefühl, zu kurz zu kommen und in der Bundespolitik zu wenig Rückhalt zu haben. Das Saarland trat nach einer Volksabstimmung erst 1957 der Bundesrepublik bei, zuvor war es viele Jahrzehnte lang ein Spielball Frankreichs und Deutschlands gewesen.

Was man tatsächlich von seinen Vertretern in Berlin hat, darüber wird im Saarland immer wieder debattiert. So berichtete die "Saarbrücker Zeitung" erst im Februar von entsprechenden Beschwerden ausgerechnet Oskar Lafontaines, inzwischen Fraktionschef der Linken im Saarbrücker Landtag.

Das Saarland kann jede Hilfe vom Bund gebrauchen

Zu seiner Zeit, so Lafontaine, hätte man mit einem Anruf beispielsweise Entscheidungen der Bahn zum Nachteil des Landes korrigieren können. "Quatsch" sei das, entgegnete Bundeswirtschaftsminister Altmaier und sprach von einer "sehr verklärten Erinnerung" Lafontaines. Um dann genau wie Kabinettskollege Maas darauf zu verweisen, was sie als Bundesminister alles für das Saarland getan hätten. Tatsächlich gilt das einstige Kohleland nach wie vor als strukturschwach und kann jede Hilfe gebrauchen.

Merke: In Berlin kann man es den Saarländern zu Hause selten recht machen - das dürfte auch Kramp-Karrenbauer bald erfahren. Wegen Bürger-Ärger über Fluglärm im Norden des Saarlandes, wo die Bundeswehr und Nato-Partner eine Übungszone für Kampfjets eingerichtet haben, kündigte die neue Verteidigungsministerin bereits Gespräche an.

Im Video: Von der Leyen kommt, Kramp-Karrenbauer geht, Merkel schaut zu

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Außerdem habe das mit dem Kommunizieren und allseits zu Kompromissen bereit sein auch seine Kehrseite, sagt der in der Bundespolitik und dem Saarland Erfahrene. Denn in der Bundespolitik reüssiert man in der Regel eher mit gezielten und sehr genau kontrollierten Botschaften und der Profilierung über Konflikte: Dass sich Kramp-Karrenbauer als CDU-Vorsitzende in den vergangenen Monaten so schwergetan hat, könnte also auch damit zu tun haben.

Ein Glück für Kramp-Karrenbauer, dass sie auch in ihrem neuen Amt auf einen Bekannten aus der Heimat trifft: Der oberste Soldat der Truppe, Generalinspekteur General Eberhard Zorn, ist ebenfalls Saarländer.

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