René Pfister

Kramp-Karrenbauer gewinnt CDU-Vorsitz Die Merkel-Dynastie

Annegret Kramp-Karrenbauer wurde zur neuen CDU-Chefin gewählt - mit Merkels Segen. AKK wird nur erfolgreich sein, wenn sie es schafft, den konservativen Parteiflügel einzubinden - und die AfD zu bekämpfen.
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre Vorgängerin Angela Merkel

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre Vorgängerin Angela Merkel

Foto: Carsten Koall/ Getty Images

Wer geglaubt hatte, dass es in der deutschen Politik keine Richtungsentscheidungen mehr gibt, dass keine scharfen Debatten mehr möglich sind, der wurde heute in Hamburg eines Besseren belehrt: Annegret Kramp-Karrenbauer präsentierte sich dort als eine Frau, die sich nicht irremachen lassen will von der Konkurrenz am rechten Rand; die, ganz ähnlich wie Merkel, den Schreihälsen eine Politik der nüchternen Sacharbeit entgegensetzen möchte.

Friedrich Merz dagegen forderte einen "Strategiewechsel" - man kann auch sagen Rechtsruck - als er sagte, die CDU müsse wieder ein Angebot an wertkonservative Wähler machen. Niemand konnte nach den Reden der beiden Bewerber sagen, die CDU habe keine Alternative. Nun hat sich die Partei entschieden: Annegret Kramp-Karrenbauer, die von Merkel als Generalsekretärin nach Berlin geholt wurde, ist neue Vorsitzende der CDU.

Kramp-Karrenbauer wollte keinen Bruch mit Merkel, sie verfuhr nach dem Motto Gerhard Schröders, der am Ende der Ära Helmut Kohl versprach, nicht alles anders, sondern nur manches besser zu machen. In einer Partei, die traditionell Risiko und Experiment scheut, traf sie damit eher den Nerv als ihr Konkurrent. Dazu kam, dass Merz, der schon so oft als glänzender Redner gerühmt wurde, ausgerechnet heute eine Formschwäche zeigte. Im Gegensatz zur leidenschaftlichen und meisterlich gebauten Rede Kramp-Karrenbauers wirkte Merz zumindest in den ersten Minuten fahrig und nervös, erst am Ende kam er in Schwung. Das reichte nicht, um den Saal für sich zu drehen.

Zwei Frauen, die sich lange kennen

Für Angela Merkel ist das eine gute Nachricht. Jeder in der CDU weiß, dass Kramp-Karrenbauer ihre Wunschkandidatin war, und man konnte es als dezenten und doch klaren Hinweis an den Parteitag werten, dass Merkel in ihrer umjubelten Abschiedsrede am Morgen den furiosen Sieg Kramp-Karrenbauers bei den Landtagswahlen im Saarland prominent erwähnte: Seht her, das war das Signal, hier ist jemand, der Wahlen gewinnen kann (und es, im Gegensatz zu Merz, auch schon getan hat).

Merkel kann nun mit einer Frau zusammenarbeiten, die sie lange kennt und die nicht den Ehrgeiz entwickeln wird, sie schnell aus dem Kanzleramt zu vertreiben. Kaum jemand in der CDU hat geglaubt, dass ein Duo Merz/Merkel friedlich zusammengearbeitet hätte, aller öffentlichen Beteuerungen zum Trotz. Kramp-Karrenbauer dagegen kommt es sehr gelegen, wenn sie noch ein bisschen Zeit hat, um sich auf den Sprung ins Kanzleramt vorzubereiten.

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Sie muss ohnehin erst einmal dafür sorgen, dass die Partei nicht zerbricht; das ist die eigentliche Herausforderung. Das Rennen zwischen ihr und Merz ging denkbar knapp aus, am Ende lag sie mit gerade mal 35 Stimmen vorne. Dass in der Partei von Adenauer und Kohl, in der über 50 Jahre nur Männer an der Spitze standen, eine Frau auf eine Frau folgt, zeigt, wie gründlich Merkel die CDU modernisiert hat. Aber genau so, wie auf der Kandidatur von Merz der Racheverdacht lag, genauso lastet nun auf der Wahl Kramp-Karrenbauers der Dynastieverdacht. Merkel jedenfalls ist auf dem Weg, die eigene Nachfolge als Kanzlerin mitzubestimmen, ein gehöriges Stück vorangekommen.

Kramp-Karrenbauer wird die CDU nur zusammenhalten, wenn sie Erfolge aufweisen kann, gerade beim Kampf gegen die AfD. Merz hat seine Kampagne mit dem nicht unbegründeten Vorwurf geführt, Merkel habe den Aufstieg der Rechtspopulisten als Kollateralschaden ihrer Politik der Mitte akzeptiert. Wenn Kramp-Karrenbauer bei der Aufgabe versagt, der AfD Wähler abzunehmen, steht der Union eine schwere Zeit, möglicherweise sogar die Spaltung bevor.

Videoanalyse: "Die Gefahr einer Spaltung der Partei ist real"

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In manchen Regionen Ostdeutschlands ist die AfD schon zu einer neuen Volkspartei aufgestiegen. Und im Osten stellen etliche Christdemokraten schon mehr oder weniger offen die Frage, ob man nicht mit den Rechtspopulisten koalieren sollte. Das würde die CDU in eine Zerreißprobe stürzen.

Der Wahlkampf der vergangenen Wochen hat gezeigt, wie tief der Graben ist, den die Ära Merkel gerissen hat. Aber gerade deshalb war es richtig, dass sich die CDU auf das für sie eher ungewohnte Experiment der innerparteilichen Demokratie eingelassen hat. Wer die Regionalkonferenzen verfolgt hat, der konnte eine Partei erleben, die geradezu sehnsüchtig die Chance ergriff, all jene Debatten zu führen, die in den vergangenen Jahren vom Regierungsalltag erstickt wurden. Die CDU wird nun lernen müssen, gleichzeitig zu regieren und zu streiten.

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