Podcast "Stimmenfang" Pech oder Fehler - was macht AKK falsch?

Als CDU-Chefin wollte AKK die Partei einen, Wahlen gewinnen und schließlich Kanzlerkandidatin werden. Knapp ein Jahr im Amt kämpft sie gegen eine Pannenserie und schlechte Umfragewerte. Was ist los?

Ein Podcast von und


Stimmenfang #116 - Chronik einer Pannenserie: Warum passieren Kramp-Karrenbauer so viele Fehler?

Mehr oder weniger verunglückte Witze im Karneval, irritierende Aussagen zur Meinungsfreiheit, unbedachte Kommentare auf Twitter. Annegret Kramp-Karrenbauer stolpert von einer Panne in die nächste. Jedes Mal muss sie danach zurückrudern und das Gesagte erklären.

Warum passieren einem Politikprofi wie der CDU-Parteichefin und Bundesverteidigungsministerin solche Fehler? Welche Auswirkungen haben die Pannen auf ihre Umfragewerte? Und hat AKK ihre Kanzlerkandidatur damit schon verspielt?

Darüber reden wir in der neuen Podcast-Folge mit Sebastian Fischer, einem der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros. Er erkennt in Annegret Kramp-Karrenbauers Fehlern eine Systematik - und blickt auf ihre Konkurrenten im Rennen um die Kanzlerkandidatur von CDU/CSU.

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Das vollständige Transkript

[00:00:02] Yasemin Yüksel Willkommen zu Stimmenfang, dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Yasemin Yüksel.

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[00:00:50] Yasemin Yüksel Annegret Kramp-Karrenbauer ist seit knapp einem Jahr CDU-Chefin und es läuft nicht wirklich rund für sie. Im vergangenen Dezember auf dem Parteitag in ihrer Bewerbungsrede, da klang sie noch ziemlich selbstsicher.

[00:01:03] Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Ja, und ich stehe hier als jemand, der gemeinsam mit euch harte Wahlkämpfe bestanden hat und erfolgreich gewonnen hat. Und zwar nicht, obwohl ich so bin wie ich bin, sondern gerade, weil ich so bin wie ich bin. Und darauf bin ich stolz.

[00:01:16] Yasemin Yüksel Für viele galt AKK dann auch ziemlich sicher ist die nächste Kanzlerkandidatin der Union. Heute wird das mehr oder weniger offen angezweifelt, denn im Vordergrund stehen eher ihre schwachen Umfragewerte und eine irgendwie nicht abreißende Pannenserie. Was läuft da schief? Hat sie Pech oder macht sie Fehler? Darum geht es in dieser Episode von Stimmenfang. Und ich darf über die Fragen reden mit meinem Kollegen Sebastian Fischer. Hallo Sebastian.

[00:01:39] Sebastian Fischer Hallo Yasemin.

[00:01:40] Yasemin Yüksel Sebastian, lass uns mal mit einer Zahl - oder besser gesagt mit zwei Zahlen - anfangen: Im SPIEGEL gibt es regelmäßig eine Umfrage, die sogenannte Politikertreppe. Da wird gefragt: Wünschen Sie, dass Politiker oder Politikerin X oder Y künftig eine wichtige Rolle übernimmt. Und im vergangenen Heft war diese Umfrage und nur 29 Prozent der Befragten sagten: Ja, wir wünschen AKK künftig eine wichtige Rolle. Und noch im Dezember sagten 58 Prozent der Befragten: Ja, wir wünschen AKK künftig eine wichtige Rolle - das heißt ein Absturz von 58 Prozent runter auf 29. Woher kommt dieser Absturz? Woran liegt das?

[00:02:14] Sebastian Fischer Und gleichzeitig ein wichtiger anderer Wert ist nur 18 Prozent der Deutschen trauen ihr die Kanzlerschaft zu. Sie ist mit einem großen Vertrauensvorschuss damals gestartet. Es war ja eine Situation - ist noch gar nicht so lange her - kurz nach den Landtagswahlen in Bayern und Hessen, wo die CDU beziehungsweise die CSU starke Verluste eingefahren hatte, Angela Merkel als Kanzlerin und Parteivorsitzende kam unter Druck und kündigte an ihr Amt abzugeben.

[00:02:40] Angela Merkel Für mich ist es heute an der Zeit Ihnen folgende Entscheidung mitzuteilen: Erstens, auf dem nächsten Bundesparteitag der CDU im Dezember in Hamburg werde ich nicht wieder für das Amt der Vorsitzenden der CDU Deutschlands kandidieren. Zweitens, diese vierte Amtszeit ist meine letzte als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, bei der Bundestagswahl 2021 werde ich nicht wieder als Kanzlerkandidatin der Union antreten.

[00:03:08] Sebastian Fischer Und damals war klar, dass ihre Wunschnachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer ist. Und es meldeten sich ja damals noch Jens Spahn und Friedrich Merz, kandidierten gegen Annegret Kramp-Karrenbauer auf diesem Hamburger Parteitag. Aber Kramp-Karrenbauer hielt eine wirklich gute Rede und da hast du ja gerade diesen Ausschnitt vorgespielt und Friedrich Merz hielt eine wirklich eher schlechtere Rede. Dadurch gewann sie und deshalb auch dieser Vertrauensvorschuss. Aber seitdem ging es eben relativ rasch dann auch bergab.

[00:03:37] Yasemin Yüksel Ja, genau. Aber was passierte denn dann? Warum ging das so schnell bergab, nachdem sie sich ja eigentlich gegen die Rivalen Merz und Spahn im Rennen um die Parteiführung durchgesetzt hatte? Was waren die Gründe?

[00:03:47] Sebastian Fischer Das war sicherlich eine Mischung aus der Frage, wie findet man in dieses neue Parteivorsitzenden-Amt, das sie ja ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit einem Ministeramt paaren wollte, um sich voll und ganz auf diesen Vorsitz zu konzentrieren. Und zum anderen gab es ja auch die ein oder andere Panne im Verlauf der Monate, die dann dazu führte, dass immer mehr auch innerhalb der CDU Zweifel daran bekamen, ob Kramp-Karrenbauer tatsächlich die richtige Nachfolgerin für Angela Merkel ist.

[00:04:15] Yasemin Yüksel Du sagst Pannen. Gibt es da einzelne Stationen, an die du dich erinnerst in dieser quasi Pannenserie? Wie ging das los, womit begann das?

[00:04:23] Sebastian Fischer Ihr Hauptziel am Anfang war ja diese gewissermaßen gespaltene Partei - aufgrund der Flüchtlingskrise gespaltene Partei - wieder zu einen. Dafür veranstaltete sie im Februar ein sogenanntes Werkstattgespräch zur Flüchtlingspolitik, wo im Grunde genommen alle Leute nochmal an einen Tisch gebracht werden sollten und man die Vergangenheit gewissermaßen aufarbeiten wollte.

[00:04:45] Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Wir alle - und das war der Ausgangspunkt für dieses Gespräch - haben sehr deutlich gespürt, dass was im September 2015 und in der Folge passiert ist, war eine absolute Ausnahmesituation.

[00:04:58] Sebastian Fischer Die Kanzlerin fand das ganz offensichtlich von Anfang an nicht so toll.

[00:05:02] Yasemin Yüksel Ich glaube mich zu erinnern, sie nahm auch nicht teil.

[00:05:04] Sebastian Fischer Sie nahm nicht teil. Ganz im Gegenteil - sie war auch um die Ecke vom Konrad-Adenauer-Haus, damals wo das stattfand, in einer Bar mit zwei anderen wichtigen CDU-Frauen. Das war sicherlich nicht beabsichtigt, aber es sendete natürlich auch ein Signal. Jedenfalls, das ging insofern glaube ich nach hinten los, der Versuch von Kramp-Karrenbauer da Versöhnung zu schaffen, weil er ja über Symbolpolitik letztlich nicht hinausging. Aber diese - sagen wir jetzt mal - konservativeren Vertreter in der Union merkten natürlich auch sehr schnell, dass jetzt aus dieser rhetorischen Umarmung nicht konkret was folgte. Die CDU ist - würde ich sagen - Stand heute polarisierter, als sie das vor einem Jahr war.

[00:05:47] Yasemin Yüksel Und dieses Werkstattgespräch, das war also im Februar, dann kam die Karnevalszeit und Anfang März machte Annegret Kramp-Karrenbauer bei einem Karnevalsauftritt ein Witz, der kam nicht bei allen gut an.

[00:05:55] Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür dazwischen ist diese Toilette.

[00:06:15] Yasemin Yüksel Sebastian, wie waren die Reaktionen auf diesen Auftritt?

[00:06:18] Sebastian Fischer Naja, sie hatte ja zu dem Zeitpunkt - das darf man nicht vergessen - ja auch den Ruf oder hat es sich selbst gegeben, zu sagen, was sie denkt, möglichst authentisch zu sein. Man darf ja auch nicht vergessen, dass sie so im Saarland sehr, sehr gut ankam. Sie hat ja da Wahlen gewonnen. Sie ist eine sehr beliebte Ministerpräsidentin gewesen und es ist halt der übliche Karnevalshumor, den ich jetzt nicht so teilen kann. Aber der möglicherweise beim ein oder anderen ganz gut ankommt und Aschermittwoch hat sie dann nochmal darauf reagiert.

[00:06:48] Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Heute habe ich das Gefühl, wir sind das verkrampfte Volk, das überhaupt hier irgendwo auf der Welt rumläuft. Das kann doch so nicht weitergehen.

[00:06:56] Sebastian Fischer Und jetzt versuchte sie daraus die Geschichte zu machen: Naja, wenn man nicht mal mehr das sagen kann, wo kommen wir denn dann hin? Das ist ja quasi das Krisenmanagement, um das Thema wieder aufzufangen.

[00:07:08] Yasemin Yüksel Stichwort etwas sagen und dann wenige Tage später wieder einfangen, oder zumindest einordnen, wenn wir das im Hinterkopf behalten: Im Frühsommer, nach der für die Union auch nicht wahnsinnig gut gelaufenen Europawahl kam es zu einer weiteren Pressekonferenz mit Annegret Kramp-Karrenbauer.

[00:07:24] Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Als die Nachricht kam, dass sich eine ganze Reihe von Youtubern zusammengeschlossen haben, um einen Aufruf zu starten, Wahlaufruf gegen CDU und SPD, habe ich mich gefragt, was wäre eigentlich in diesem Land los, wenn eine Reihe von - sagen wir mal 70 Zeitungsredaktion zwei Tage vor der Wahl erklärt hätten: Wir machen einen gemeinsamen Aufruf, wählt bitte nicht CDU und SPD. Es wäre klare Meinungsmache vor der Wahl gewesen und ich glaube, es hätte eine muntere Diskussion in diesem Land ausgelöst.

[00:07:54] Yasemin Yüksel Sebastian, wir haben ja eingangs gefragt, hat sie Pech oder macht sie Fehler? Wie würdest du rückblickend diese Aussage einordnen?

[00:08:01] Sebastian Fischer Ich denke, es ist einfach unüberlegt. Man kann ja diese Aussage jetzt in ihre Einzelteile zerlegen und dann kann man natürlich sagen, da liegt sie falsch, da liegt sie falsch, da liegt sie falsch. Ist ja damals in der Zeit alles gemacht worden. Aber sie kommt natürlich in diese Pressekonferenz - nur so kann ich es mir erklären - relativ emotional geladen. Das muss dann eben manchmal raus und das sucht sich in diesem Falle eben diesen Weg. Und das ist halt kein glücklicher Weg, weil wir sehen immer wieder bei Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie bei Dingen, die sie sagt, die dann irgendwie in den Tagen danach nachgebessert, neu interpretiert, wieder eingefangen werden müssen. Es heißt dann, nein, so meinte sie es ja nicht, sie meinte es ja anders, es sei aber missverstanden worden und so weiter und so weiter. Das fängt bei dem Karnevalswitz an, über das - auch da wurde ja nachher gesagt, selbstverständlich wolle sie nicht die Meinungsfreiheit einschränken. Ist ja auch logisch. Ich jedenfalls würde ihr nicht unterstellen, sie wollte die Meinungsfreiheit einschränken. Natürlich völliger Quatsch. Aber es gibt ja weitere dieser Pannen, wo sie immer wieder rückblickend erklären und einfangen muss oder einer der Sprecher muss das dann entsprechend eintüten. Aber interessant ist schon, wenn man sich jetzt diese ursprüngliche Rede auf diesem CDU-Parteitag anhört, die ja schon nicht nur vor Selbstbewusstsein strotzt, sondern die auch so etwas Positives hat...

[00:09:14] Yasemin Yüksel Als sie also sagte, das habe ich alles geschafft, nicht obwohl ich so bin, sondern weil ich so bin wie ich bin.

[00:09:19] Sebastian Fischer Genau, ich würde fast sagen, so in Ansätzen so ein bisschen etwas Amerikanisches, etwas Aufrüttelndes. Ich trete hier an und ich bin so wie ich bin. Und wenn man das jetzt mal vergleicht mit den letzten Monaten und ihren Äußerungen in den letzten Monaten, sieht man doch wie sie quasi immer, immer zurückgenommener, immer vorsichtiger, auch immer hölzerner wird. Und das hat sicherlich auch die Ursache darin, welche Reaktionen sie mit ihren Äußerungen ausgelöst hat, welche Pannen ihr unterlaufen sind. Und so kommen wir jetzt in die Gegenwart und viele - auch hochrangige Funktionäre in der CDU - sagen mittlerweile schon: Also, im Rennen um die mögliche Kanzlerkandidatur sieht es nicht mehr so gut aus.

[00:10:02] Yasemin Yüksel Dann trifft sie im Sommer eine Entscheidung, die sie eigentlich immer ausgeschlossen hatte. Sie übernimmt nämlich ein Regierungsamt. Mitte Juli wird sie Verteidigungsministerin.

[00:10:12] Wolfang Schäuble (Bundestagspräsident) Ich darf Sie bitten, den im Grundgesetz vorgeschriebenen Text der Eidesformel zu sprechen.

[00:10:19] Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Volke, dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.

[00:10:41] Yasemin Yüksel Warum hat sie das gemacht, obwohl sie es doch eigentlich immer ausgeschlossen hat?

[00:10:44] Sebastian Fischer Eine absolute 180-Grad-Wende. Sie hatte ja wirklich vorher immer gesagt, Vollzeit-Parteivorsitzende, um der CDU wieder so ein Selbstbewusstsein zu geben, dass sie nicht nur Kanzlerpartei ist, sondern eben eine eigenständige, eben auch konservative Partei, um auch mögliche Abtrünnige, die zur AfD gewandert sind, wieder zurückzuholen. Das war die Idee. Aber ich glaube, dass Annegret Kramp-Karrenbauer relativ schnell erkannt hat, dass ihre Wirkmächtigkeit in diesem Parteivorsitz ohne Ministeramt einfach sehr begrenzt ist und dann lag der Schluss relativ nahe, als sich diese Möglichkeit bot, als Ursula von der Leyen nach Brüssel wechselte, dass sie Verteidigungsministerin werden könnte. Und da hat sie dann zugegriffen. Und was im Regierungsamt natürlich auch hinzukommt, sind diese ganzen Insignien der Macht, besonders als Verteidigungsministerin, das ist einer der wichtigsten Ministerposten in der Regierung hast du die natürlich alle. Du hast deine Sicherheit, die bei dir ist mit, du wirst mit Eskorte gefahren mit Blaulicht, hast die ganzen Besuche von Washington, Afghanistan. Das darf man auch nicht unterschätzen.

[00:11:46] Yasemin Yüksel Sebastian, lass uns nochmal zurückkommen zu Annegret Kramp-Karrenbauer und ihrer Rolle in Ihrer eigenen Partei. Wie viel Rückhalt hat sie da eigentlich noch?

[00:11:57] Sebastian Fischer Ja, das ist schwer zu sagen. Man wird jetzt in den nächsten Tagen und Monaten da doch so einige Tests, glaube ich, sehen. Zum einen gibt es natürlich dieses Jahr wieder ein Parteitag der CDU. Dort hat die Werteunion, also diese konservative Splittergruppe, angekündigt, dass sie gerne den Antrag stellen würde auf Urwahl des Kanzlerkandidaten.

[00:12:17] Yasemin Yüksel Das heißt, das wissen vielleicht nicht alle Hörerinnen und Hörer, der nächste Kanzlerkandidat oder die nächste Kanzlerkandidatin würde nicht von den Delegierten der Partei gewählt, sondern per Mitgliederentscheid.

[00:12:28] Yasemin Yüksel Genau, das wäre natürlich für die CDU etwas ganz Neues. Die CDU ist natürlich die klassische...

[00:12:33] Yasemin Yüksel Aber wäre das denn so schlimm?

[00:12:35] Sebastian Fischer Naja, die einen sagen so, die anderen sagen so. Die SPD erlebt ja gerade, dass dieses Verfahren einen Parteivorsitzenden über Mitgliederbefragung einerseits dazu führt, dass Mitglieder sich stärker gefordert fühlen, dass sie mehr Sinn in ihrer Mitgliedschaft sehen, dass sie aktiv am Parteileben teilnehmen. Andererseits ist das natürlich auch ein Prozess, der sich lange, lange hinzieht. Die Frage ist, der Kandidat, den dann die Basis oder die Mitglieder wollen, ist dass der Kandidat, der dann beim Volk auch die größten Chancen hat?

[00:13:07] Yasemin Yüksel Kann man das so interpretieren, dass Einzelne in der Partei versuchen AKKs möglichen Weg zu dieser Kandidatur mindestens mal zu erschweren?

[00:13:16] Sebastian Fischer Ja, es sind klare Absetzbewegung und Nadelstiche. Die Junge Union debattiert auf ihrem Jahrestreffen die Frage, ob man auch einen solchen Antrag stellen soll oder nicht. Der Vorsitzende Tilman Kuban, der jetzt auch nicht als Freund von Annegret Kramp-Karrenbauer gilt, hat ja auch schon gesagt, es gibt selbstverständlich noch andere Köpfe neben der Parteivorsitzenden.

[00:13:38] Yasemin Yüksel Und während AKKs eigener Weg zu einer möglichen Kanzlerkandidatur also mindestens schwieriger wird - was machen in der Zwischenzeit eigentlich ihre einstigen Rivalen? Wer von denen macht sich denn da jetzt eigentlich Hoffnungen?

[00:13:51] Sebastian Fischer Da kommen wieder einmal die beiden Kandidaten ins Spiel, die damals auf dem Parteitag gegen Kramp-Karrenbauer um den Parteivorsitz unterlegen sind, Jens Spahn und Friedrich Merz. Aber natürlich auch noch einige andere, die sich jetzt nach und nach in Stellung gebracht haben. Also der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, gehört auch zum liberalen Flügel der CDU, hat aber auch in letzter Zeit konservativere Töne von sich gegeben, um sich da zu verbreitern. Natürlich auch der CSU-Vorsitzende Markus Söder, der zwar seit eh und je sagt, seine politische Heimat, sein politisches Ziel sei immer nur München. Aber wer weiß, als CSU-Vorsitzender, der sich und sein Land in einer Vorbildrolle sieht, muss er eigentlich immer bereit sein, auch diesen Sprung zu wagen. Vielleicht findet er daran Gefallen. Nehmen wir Jens Spahn, der hat diese Niederlage auf dem Parteitag letztlich in einen Gewinn für sich umgemünzt. Er hat danach bewiesen, dass er sich in den Dienst der Partei stellt, er hat als Gesundheitsminister ein Gesetz nach dem anderen auf die Tagesordnung gesetzt und es ist ja ganz offensichtlich, dass der Mann nach Höherem strebt und eben auch beweisen und zeigen will, dass er das kann. Von Friedrich Merz hat man jetzt in der Zeit nicht mehr allzu viel gehört, der hat sich so halb zurückgezogen. Aber den würde ich auf keinen Fall da unterschätzen.

[00:15:12] Yasemin Yüksel Also, das heißt, da sind durchaus einige um sie herum, die sie - ich würde mal sagen - belauern. Hat sie denn eigentlich auch noch Freunde in der Partei? Und natürlich habe insbesondere im Hinterkopf...

[00:15:20] Sebastian Fischer Du denkst an die Kanzlerin...

[00:15:20] Yasemin Yüksel ... ja, genau, genau die...

[00:15:25] Sebastian Fischer ... von wegen Wunschnachfolgerin.

[00:15:25] Yasemin Yüksel Ja, genau.

[00:15:26] Sebastian Fischer Ich glaube, es war auf jeden Fall ihre Wunschnachfolgerin und ist es in einem gewissen Grad im Parteivorsitz auch noch. Aber trotzdem kann man ja doch bemerken, dass es zwischen den beiden seit Übernahme des Parteivorsitzes so eine leichte Entfremdung gibt. Ich glaube, sehr entscheidend war damals dieses Werkstattgespräch zur Flüchtlingspolitik im Februar 2019, über das sprachen wir, was Merkel nicht so behagt hat. Und dann gab es immer wieder so kleine Dinge, die natürlich auch durchaus missverstanden werden können. Da weiß man immer nicht wie absichtlich war das, wie absichtlich war das nicht. Ich denke zum Beispiel zuletzt an diese Reise in die USA. Es ging darum, dass Kramp-Karrenbauer und Merkel letztlich zeitgleich in die USA reisen wollten, die eine nach New York und die andere, AKK, nach Washington zu ihrem Verteidigungsministerkollegen dort. Und es entstand die Idee, dass man ja auch zusammen fliegen könne.

[00:16:21] Yasemin Yüksel Könnte man machen.

[00:16:21] Sebastian Fischer Klimaschutz und so und außerdem ist ja auch ein nettes Zeichen, wenn man zusammen fliegt und die Leute aus dem Verteidigungsministerium hatten sich, glaube ich, darauf eingerichtet und es hätte auch gepasst. Die Delegation, die AKK begleitet, hat war jetzt nicht so groß.

[00:16:35] Einspieler Ein Ziel, zwei Flugzeuge, viele leere Plätze. Die Bundesregierung geht mit schlechtem Beispiel voran. Offiziell ist von unabhängiger Planung die Rede. Angeblich war es aber das Kanzleramt, das darauf drängte, besser getrennt zu reisen. Beide fliegen aus Berlin getrennt voneinander nach Washington und New York. Und das in einem Abstand von einer halben Stunde. Die Gründe dafür bleiben unklar, denn ursprünglich wollten sich beide ein Regierungsflieger teilen.

[00:16:58] Sebastian Fischer Aber kurz vorher signalisierte dann letztlich das Kanzleramt, man wolle da doch lieber alleine fliegen. Und dann wurde für Kramp-Karrenbauer noch so ein Truppentransporter-Airbus beschafft, mit dem sie dann und ihre Delegation alleine in die USA flogen. Wobei Truppentransporter hört sich jetzt an wie Holzklasse, ist aber nicht Holzklasse, heißt nur so.

[00:17:18] Yasemin Yüksel Aber definitiv auch nicht gerade ein Ereignis, was man sich in den Kalender schreibt als Kanzlerin hat mir wieder Rückendeckung gegeben. Eher nicht. Bleibt, Sebastian, uns abschließend eigentlich nur noch die Frage, wie offen ist das Rennen um die Kanzlerkandidatur der Union noch? Hat AKK da überhaupt noch eine Chance?

[00:17:34] Sebastian Fischer Stand heute würde ich nicht davon ausgehen, dass sie Kanzlerkandidatin oder entsprechend auch Kanzlerin wird. Letztlich hängt vieles von der SPD ab. Wenn jetzt die Große Koalition rasch zerbrechen würde, dann müsste man in der Union sehr schnell eine Entscheidung treffen, wer denn als Kanzlerkandidatin, als Kanzlerkandidat antritt. Es wäre natürlich die Chance für Kramp-Karrenbauer zu sagen: Also, hallo, ich bin die CDU-Vorsitzende. Ich greife auf dieses Amt zu. Darauf habe ich alles Recht. Und da wäre sie natürlich allein durch den Zeitdruck in der Offensive und da müsste man erst einmal Opposition gegen sie zusammentrommeln. Wenn sich jetzt aber die große Koalition noch im Amt hält, möglicherweise auch die regulären noch übrigen zwei Jahre, dann ist das eine relativ lange Strecke, auf der sich die möglichen anderen Kanzlerkandidaten ja sehr gut zeigen und inszenieren könnten.

[00:18:27] Yasemin Yüksel Vielen Dank Sebastian, bis bald.

[00:18:32] Das war Stimmenfang, der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Die nächste Episode hören sie ab kommendem Donnerstag auf spiegel.de, Spotify und in allen gängigen Podcast-Apps. Wenn Sie Feedback zu dieser Folge haben, schreiben Sie uns einfach eine Mail an stimmenfang@spiegel.de oder nutzen Sie unsere Stimmenfang-Mailbox unter 040 380 80 400. An die gleiche Nummer, also an 040 380 80 400, können Sie uns auch eine WhatsApp-Nachricht schicken. Diese Folge wurde produziert von Matthias Kirsch und mir, Yasemin Yüksel. Danke für die Unterstützung an Sebastian Fischer, Johannes Kückens, Wiebke Rasmussen, Rachelle Pouplier und Matthias Streitz. Die Stimmefang-Musik kommt von Davide Russo.

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insgesamt 65 Beiträge
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rab17 10.10.2019
1. AKK wurde gewählt....
.... weil sie von der Presse so gehiped worden ist. Und die gleiche Presse schreibt sie jetzt bei jeder Gelegenheit runter. Das ist das wirkliche Problem. Weder für das eine, noch für das andere kann AKK etwas!
denkmalnach2 10.10.2019
2. Blass..
Die Frage ist doch, was macht AKK eigentlich richtig, bzw. was macht sie überhaupt? Warum hört man keine Statements und Aktionen mit ihrer Truppe gegen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Erdogans Islamistentruppe in den Kurdengebieten? Was die Frau abliefert, ist pure Arbeitsverweigerung. Kanzlerinkandidatin im Praktikum triffts wahrscheinlich noch ganz gut. Ich hoffe, dass sie niemals Merkelthronfolgerin wird.
Baustellenliebhaber 10.10.2019
3.
Frau Kramp-Karrenbauer hat ein Problem das viele Politiker im Moment haben.....Sie redet zu viel und dann auch noch zu viel dummes Zeug, muss dann wieder zurückrudern und das macht sie angreifbar. Frau Merkel tut das nicht, sie überlegt was sie sagt und das unterscheidet die beiden Frauen. Weniger ist manchmal mehr
klara_himmel 10.10.2019
4.
AKK ist für mich kalt und null empathisch. Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so.
Jesse_Punkman 10.10.2019
5. Was das Problem ist?
Akk lebt offenbar in ihrer kleinen, konservativen Welt, in der es immer 1987 bleibt. Oder besser: die romantische Erinnerung dessen. Kein Internet, keine Ossis, kein Klimawandel und Berlin war auch noch nicht cool. Rückwärtsgewandte Realitätsverweigerer haben wir schon genug ab Hebel. Ich hoffe inständig, Akks Tage in der Bundesregierung sind gezählt.
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