Merkel-Anruf "Herr Campino, wir sind auf Ihrem Lied herumgetrampelt"

Kauder sang, Merkel klatschte, der Rest der Parteispitze tanzte - den Wahlsieg 2013 feierte die CDU mit dem Tote-Hosen-Song "Tage wie diese". Jetzt offenbarte Sänger Campino nach SPIEGEL-Informationen: Die Kanzlerin rief hinterher bei ihm an.
Campino bei einem Konzert im August 2013: "Unanständig, dass unsere Musik auf Wahlkampfveranstaltungen läuft"

Campino bei einem Konzert im August 2013: "Unanständig, dass unsere Musik auf Wahlkampfveranstaltungen läuft"

Foto: DPA/ Herbert P. Oczeret

"An Stelle von @Campino würde ich @volkerkauder und die ganze #CDU auf Schmerzensgeld verklagen!", so und ähnlich lasen sich viele Tweets am 23. September 2013. Am Tag zuvor war Bundestagswahl, die CDU wurde eindeutig stärkste Kraft. Das musste gefeiert werden, klar.

Die CDU-Spitze versammelte sich am Wahlabend im Konrad-Adenauer-Haus, betrat die Bühne, ließ sich dort vor laufenden Kameras von ihren Anhängern feiern - und dann ging's los: Volker Kauder nahm das Mikrofon in die Hand, Ursula von der Leyen tanzte, Merkel strahlte und klatschte im Rhythmus und ließ sich sogar hin und wieder dazu hinreißen, die Lippen zum Refrain zu bewegen: "An Tagen wie diesen".

Ein paar Tage später bekam Campino, Sänger der Band Die Toten Hosen, aus deren Feder das Lied stammt, einen ungewöhnlichen Anruf: "Die Kanzlerin möchte gerne mit dem Campino sprechen. Wie kann man das arrangieren?", fragte jemand aus dem Kanzleramt. Er sei zunächst von einem Scherz des Satiremagazins "Titanic" ausgegangen, erzählt Campino. Doch dann sei tatsächlich Merkel am Apparat gewesen.

Die ganze Geschichte lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL.

"Herr Campino, ich rufe an, weil wir letzten Sonntag so auf Ihrem Lied herumgetrampelt sind", sagte Merkel demnach zu Campino. Das berichtet der Tote-Hosen-Sänger in einer neuen Band-Biografie, aus der DER SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe einen Vorabdruck veröffentlicht.

In dem Telefonat gestand Merkel demnach, dass sie das Lied "sehr schön" finde. Campino aber solle sich keine Sorgen machen, es würde nicht "die nächste CDU-Hymne werden". Die Kanzlerin rechtfertigte sich, dass die Toten Hosen die Nutzung des Liedes zwar für Wahlkampfveranstaltungen, nicht aber für Siegesfeiern ausgeschlossen hätten.

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Kauders Gesangsvortrag hatte in den Tagen nach der Wahl für Spott gesorgt und die Band in Erklärungsnöte gebracht. Die Toten Hosen, eine der ältesten Punkbands Deutschlands, hatte sich zuvor öffentlich über die Verwendung ihres Liedes empört: "Wir empfinden es als unanständig und unkorrekt, dass unsere Musik auf politischen Wahlkampfveranstaltungen läuft", teilten die Toten Hosen damals mit. Ihr Lied lief nämlich häufig im Wahlkampf - bei Auftritten sowohl der CDU als auch der SPD. Die Kanzlerin möge das Lied besonders gern, rief ein Musiker einmal bei einer CDU-Wahlkampfveranstaltung den Gästen zu.

Die Gruppe habe nie ein Problem damit gehabt, wenn ihre Musik vom Punkschuppen bis zum Oktoberfest den unterschiedlichsten Menschen Freude bereitet, so die Toten Hosen. Im Wahlkampf hingegen werde sie klar missbraucht und von Leuten vereinnahmt, die ihnen in keiner Weise nahestünden.

Das Buch "Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm" des SPIEGEL-Redakteurs Philipp Oehmke erscheint am Freitag im Rowohlt Verlag.

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lgr/dpa
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