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26. Juli 2016, 18:30 Uhr

Attentäter von Ansbach

Auffällig unauffällig

Von und

Der Selbstmordattentäter von Ansbach fiel nicht als Extremist auf, ehe er sich für den IS tötete - nicht seinem Mitbewohner, nicht den Behörden. Wer ist Mohammad Daleel?

Der Mann steht vor einer weißen Gardine, um den Kopf hat er einen Schal gewickelt, nur seine Augen sind noch zu erkennen. "Ich kündige eine Märtyreroperation in Ansbach in der Provinz Bayern an, als Reaktion auf das Töten von Muslimen und den Krieg gegen die Religion Gottes und seiner Propheten", sagt er auf Hocharabisch.

Der Mann ist nach allem, was man bislang weiß, der Attentäter von Ansbach, Mohammad Daleel, 27, der am vergangenen Sonntagabend mit einem Sprengsatz zwölf Menschen verletzte und sich selbst tötete. Auffallend an dem Video, das die Propagandaabteilung des IS veröffentlicht hat, ist der Umstand, dass es inhaltlich und sprachlich ambitioniert ist. An einigen Stellen verhaspelt sich Daleel - entweder aus Nervosität oder weil er mit dem Hocharabischen nicht vollständig vertraut ist.

In Sicherheitskreisen hatte man schon nach dem Bekennervideo des Würzburger Bahn-Attentäters Riaz Khan Ahmadzai Zweifel angemeldet, ob der 17-Jährige den anspruchsvollen Text wirklich selbst ersonnen haben kann. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bewegte sich Ahmadzai schon vor der Tat in geschlossenen Bereichen des Netzes, in denen Islamisten sich austauschen. Seinen Weg dorthin soll er kryptiert haben, sodass er nur schwerlich zu rekonstruieren ist. Hatte er Hilfe bei der Erstellung des Films?

Asylgrund: Furcht vor Tod und Demütigung in der Heimat

In dem nun aufgetauchten Video des Attentäters von Ansbach fällt noch eine zweite Passage auf: So sagt Mohammad Daleel, dass er seinen Treueeid auf den Anführer der Terrormiliz, Abu Bakr al-Baghdadi, mit dem Film "erneuere". Daraus lässt sich schließen, dass er ihn schon einmal abgelegt hat.

Tat er das seinerzeit in Syrien? Oder legt Mohammad Daleel in den Aufnahmen bewusst eine falsche Fährte, um das Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber Flüchtlingen insgesamt zu schüren?

Im Zuge seines Asylverfahrens hatte Daleel erklärt, er fürchte sich vor Tod und Demütigung in seiner Heimat. So steht es in der Akte des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), aus der die "Bild"-Zeitung an diesem Dienstag umfangreich zitiert.

Demnach sagte Mohammad Daleel den deutschen Beamten: "Ich will keine Waffen gegen Menschen tragen. Ich habe Angst vor einer Rückkehr nach Syrien, weil ich zu einem Mörder werden könnte." Seine Frau und Kinder seien gestorben, als das Haus der Familie bombardiert worden sei. Dabei habe er schwere Verletzungen erlitten. Tatsächlich fanden Gerichtsmediziner in den Beinen und Füßen des Selbstmordattentäters Granatsplitter, die von einer älteren Verletzung stammten.

"Ich habe Mohammad niemals beten sehen"

Auffällig an Mohammad Daleel und auch an dem Würzburger Bahn-Attentäter Ahmadzai ist ihre vollständige Unauffälligkeit. Nachbarn, Bekannte, Sozialarbeiter, Freunde beschreiben sie einstimmig nicht als Extremisten. "Ich habe Mohammad niemals beten sehen", sagte Mahmood Mubariz, ein 28-jähriger Mitbewohner aus Pakistan, SPIEGEL ONLINE. "Er war sicherlich kein fanatischer Muslim."

Auch den zuständigen Beamten der Polizei und Verfassungsschutzämter waren die jungen Männer vor ihren Taten nicht bekannt. Damit unterscheiden sie sich ganz erheblich von den meisten Terroristen, die bislang im Namen des IS im Westen zugeschlagen und aus ihrer Gesinnung auch zuvor keinen großen Hehl gemacht hatten. "Wir wissen nichts über sie", sagt ein Ermittler. "Wir wissen nicht, wer sie sind, wie sie wirklich heißen, auf welcher Seite sie gekämpft haben, weshalb sie zu uns gekommen sind. Das ist ein Riesenproblem."

Für die Sicherheitsbehörden erwachsen aus der auffälligen Unauffälligkeit der Attentäter zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder handelte es sich bei den beiden als Flüchtlinge eingereisten Terroristen um sogenannte Schläfer, die sich seit geraumer Zeit mit entsprechenden Plänen trugen, sich aber bewusst verstellten und ihr Umfeld täuschten. Oder: Die Männer handelten - womöglich aus einer persönlichen Frustration oder einer anhaltenden Traumatisierung heraus - eher spontan.

Dazu würde im Fall des Ansbacher Attentäters passen, dass seine Abschiebung nach Bulgarien, gegen die er sich lange Zeit juristisch und auch mithilfe des örtlichen Linken-Bundestagsabgeordneten Harald Weinberg gewehrt hatte, nun erfolgen sollte. In zwei Wochen hätte er das Land verlassen müssen.

War sein Selbstmordattentat eine Reaktion darauf? Oder schlug er zu, weil er wusste, dass ein Anschlag in Deutschland für den IS sinnvoller sein könnte als in Bulgarien, wohin er gebracht werden sollte? Das bleibt unklar - noch.

Bei der Bombe, die er in einem Rucksack mit sich führte, handelte es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wohl nicht um einen Sprengsatz, wie ihn Selbstmordattentäter etwa in Syrien verwenden. Es sei eine Bombe eher einfacher Machart gewesen, sagt ein Ermittler, hergestellt mit Chemikalien, die frei verkauft werden.

In der Asylunterkunft fanden Kriminaltechniker später einen Benzinkanister mit Diesel, Salzsäure, Alkoholreiniger, Lötkolben, Drähte, Batterien und Kieselsteine. Auf einem Laptop entdeckten sie zudem Propagandamaterial des IS.

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