Stefan Kuzmany

Anschlag in Berlin Ich kann keine Angst spüren

Keine Furcht, kein Hass: Unser Autor Stefan Kuzmany lebt in Berlin, der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt bleibt ihm seltsam fern.
Berliner Breitscheidplatz

Berliner Breitscheidplatz

Foto: Markus Schreiber/ AP

Mit mir stimmt etwas nicht, vermutlich ist in meinem Kopf etwas nicht in Ordnung. Oder mit meinem Herzen. Die "Bild"-Zeitung, das Barometer der deutschen Empfindungen, meint auf der ersten Seite, ich solle jetzt "Angst!" haben. Ich kann aber keine Angst spüren.

Der Täter, mutmaßlich ein Mann namens Anis Amri, der am Montag erst einen Lkw-Fahrer und dann elf Menschen auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ermordet und viele andere verletzt hat, läuft noch frei herum, wahrscheinlich bewaffnet. Auch das regt in mir kein Gefühl, außer der großen Hoffnung, dass er bald geschnappt und für den Rest seiner erbärmlichen Existenz eingesperrt wird. Aber Angst? Vielleicht, wenn ich das Pech hätte, ihm vor die Waffe zu laufen.

Vielleicht bin ich nicht mehr normal. Ich finde es schlimm, dass zwölf Menschen auf dem Breitscheidplatz sterben mussten, jeder zu früh und jeder sinnlos. Aber obwohl der Anschlag in Berlin stattgefunden hat, in der Stadt, in der ich seit bald 15 Jahren lebe, bleibt mir der Horror abstrakt, als wäre das alles in einem fernen Land geschehen. Natürlich wäre das anders, wenn es jemanden getroffen hätte, den ich persönlich kenne, jemanden aus dem Freundeskreis oder der Familie.

Mit meiner Frau hatte ich noch Tage vor dem Anschlag darüber gesprochen, dass wir doch einmal auf diesem Weihnachtsmarkt vorbeischauen könnten, nach der Arbeit, mit unserem Sohn. Wenn ich daran denke, dass auch wir dort hätten stehen können, als der Lkw in die Menschenmenge gerast ist, dann schaudert es mich. Aber nur kurz. Wir waren nicht dort. Was bringt es, sich das auszumalen? Ich habe anderes zu tun.

Ist das kalt? Vielleicht. Aber so ist es.

Das hat der Terrorist vom Breitscheidplatz also geschafft: Er hat mich abgestumpft. Er weckt kein Gefühl in mir. Ich nehme zur Kenntnis, dass es Menschen wie diesen gibt, die aus Verblendung und religiösem Wahn andere Menschen umbringen, möglichst grausam und in großer Zahl. Aber ich kann ihn nicht hassen dafür, er lässt mich kalt. Ich habe keinen Platz in meinen Gedanken für ihn und seinesgleichen.

Ich nehme zur Kenntnis, dass es Politiker gibt, die jetzt ganz neue Maßnahmen fordern, eine Revision der Flüchtlingspolitik, so wie Horst Seehofer das getan hat, bevor überhaupt klar war, ob der Anschlag irgendetwas mit einem zu hat, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist. Ich erkenne, was er damit bezweckt, er will politisches Kapital aus dieser Tat schlagen. Er macht halt seinen Job als CSU-Vorsitzender. Die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ist längst revidiert und verschärft worden, es kommen kaum noch Flüchtlinge zu uns durch, das weiß Seehofer, aber vielleicht meint er ja wirklich, das Land wäre sicherer, wenn die Grenzen noch dichter und die Mauern noch höher werden. Da irrt er sich.

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Anschlag in Berlin: So reagiert Deutschland

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Wenn einer mit einem Lkw in eine Menschenmenge fahren will, dann wird er einen Lkw finden und eine Menschenmenge, dagegen hilft nichts. Wir könnten allenfalls den Betrieb komplett einstellen: Keine Weihnachtsmärkte mehr, überhaupt keine öffentlichen Veranstaltungen, am besten alle daheim bleiben und sich einsperren. Dann wäre unsere Gesellschaft keine offene mehr, sondern eine geschlossene Abteilung.

Es stimmt etwas nicht mit mir. Noch immer bin ich überzeugt davon, dass es richtig war, im Sommer 2015 die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, für mich war das eine menschliche Pflicht, nicht mehr und nicht weniger. Trotzig bleibe ich dabei, menschenfreundlich zu sein, jetzt erst recht. Ich kann mich nicht dazu bringen, eine Gruppe zu hassen oder eine Religion für den Terror verantwortlich zu machen. Ich bin stur überzeugt davon, dass Schuld nur der Täter selbst trägt und jene, die ihn dazu manipuliert haben, seine Tat zu begehen. Ich weigere mich, mich terrorisieren oder aufhetzen zu lassen. Ich habe nicht vor, mich kleinkriegen zu lassen. Dafür bin ich nicht nach Berlin gekommen.

Kann sein, dass ich später einen Glühwein trinken gehe. Erklären Sie mich gerne für verrückt. Aber vielleicht ist nur die Welt verrückt geworden.

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