Pressestimmen "Wir müssen jetzt die Nerven bewahren"

Was folgt auf den Anschlag von Berlin - Trauer und Stille oder Hass und Polemik? Deutsche und internationale Medien rufen zu Besonnenheit auf. Die Kritik zielt vor allem auf die AfD.
Trauernde in Berlin

Trauernde in Berlin

Foto: PAWEL KOPCZYNSKI/ REUTERS

Menschen, überrollt von einem Lastwagen, der mutwillig in eine Gruppe Ahnungsloser hineingelenkt wurde. Nach dem blutigen Attentat von Nizza vom Juli mit mehr als 80 Toten hat sich dieses Szenario wiederholt. Am Montagabend wurde der Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zum Tatort. Am Tag danach zieht auch die französische Presse Parallelen: "Nun hat es die deutsche Hauptstadt getroffen", schreibt die Tageszeitung "Le Parisien". "Aber nicht ein einzelnes Land ist getroffen, sondern das Herz Europas."

"Wie kann man nicht an Charlie, an Bataclan [die Pariser Konzerthalle, Anm. d. Red.]und an Nizza denken, wenn man die Bilder aus der deutschen Hauptstadt sieht?", fragt die französische Regionalzeitung "Républicain lorrain". Am gleichen Tag war auch der russische Botschafter in Ankara, Andrej Karlow, mutmaßlich von einem Islamisten erschossen worden. Das zeige, dass niemand geschützt sei. "Weder ein russischer Botschafter in Ankara [...] noch die Unschuldigen, die im Kreis der Familie einen fröhlichen Augenblick auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verbrachten."

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Es sei schwierig auszumachen, ob die Angriffe unter gleicher Regie geführt wurden, schreibt die italienische Tageszeitung "La Repubblica". Aber wenigstens beim Massaker auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin scheine "die Schablone klar, die die aggressive Vorgehensweise belegt: Es war dieselbe wie bei dem Blutbad in Nizza."

Neben dem Vergleich wird nun auch diskutiert, welche Auswirkungen der Anschlag auf die deutsche Flüchtlingspolitik haben wird. "La Repubblica" warnt: "Der größte Fehler, den wir heute begehen können, ist, auf die Brutalität weniger mit der Diskriminierung zahlreicher hoffnungsloser Asylsuchender zu antworten." Das politische Klima für einen Ausbau der Sicherheitsvorkehrungen sei mit dem Anschlag günstiger geworden, schreibt die "Neue Züricher Zeitung". Sie sieht aber keine Gefahr, dass Deutschland darüber die Maßstäbe des demokratischen Rechtsstaates verletze.

Polemik und Hass

Die polnische Presse sieht hingegen erhebliche Veränderungen für Deutschland voraus. Die konservative Zeitung "Rzeczpospolita" prognostizierte: "Man kann nun kaum mehr von den deutschen Bürgern erwarten, dass sie weiter Hilfe, Schutz und Verständnis spenden, als sei nichts geschehen." Der Anschlag werde Einfluss haben auf die Bundestagswahlen und der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) Stimmen bringen - auch wenn sie keine Chance habe, an die Macht zu kommen. Die "Polska The Times" legt ebenfalls nahe, dass die AfD von dem Anschlag profitieren werde.

Die "Schwäbische Zeitung" fordert von den Populisten, Mitgefühl mit den Opfern und deren Angehörigen zu zeigen, anstatt das tragische Ereignis für sich selbst nutzen zu wollen. "Nach den vielen Toten in Berlin müsste eher Sprachlosigkeit, Mitgefühl und Beileid vorherrschen. Doch in den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Meinungsäußerungen, gepaart mit Polemik und Hass. Ganz vorne ist die AfD, die vorgibt, die Hintergründe zu wissen und die die Opfer schamlos für ihre Propaganda missbraucht. Stille kennen diese Hetzer nicht."

Auch die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" ruft zu Besonnenheit auf. "Wir alle müssen jetzt die Nerven bewahren." Dazu gehöre, dass in einem Rechtsstaat Ermittlungen, Schuldsprüche und Strafen den zuständigen Behörden überlassen werden. "Würden in modernen multikulturellen Metropolen wie Berlin Menschen beginnen, etwa entlang von religiösen oder ethnischen Trennlinien aufeinander einzuschlagen, hätte der Terror sein Ziel erreicht."

vks/dpa/AFP