Pressestimmen Das schreiben die Zeitungen nach dem Attentat

Wie verändert der Anschlag von Berlin die Stimmung in Deutschland? Darauf blickt die Presse an Tag zwei nach dem Attentat. Das Spektrum reicht von "Angst" bis "Fürchtet euch nicht".

Titelseite "Berliner Morgenpost"

Titelseite "Berliner Morgenpost"


"Der Anschlag wird diese Gesellschaft erschüttern." Das schreibt die "Stuttgarter Zeitung" am Mittwochmorgen - und fasst damit zusammen, was Inhalt vieler Kommentare in der Presse ist. Unterschiedlich, manchmal sogar gegenteilig, ist allerdings die Ansicht, wie sich Deutschland verändern wird. Und so kurz vor Weihnachten zeigt sich manch ein Kommentator hoch emotional. Ein Überblick über die Meinungen und die Titelseiten der nationalen und internationalen Zeitungen.

"Bild"-Zeitung:

"Bild"-Titel

"Bild"-Titel

Die "Bild" schreibt nur ein Wort über den Bruch auf ihrer Titelseite: Angst. Versehen mit einem Ausrufezeichen. Im Kommentar heißt es, Deutschland werde getestet. Dabei komme es besonders auf die Politiker an. Es werde Angela Merkels schwerster Test. "Und das Ende ist offen."

"Frankfurter Rundschau":

"Die Terroristen haben Erfolg. Sie versetzen viele Menschen in Angst und Schrecken, sie stürzen andere aber auch in einen hasserfüllten Taumel aus Gewaltfantasien und blinder Wut auf alles, was irgendwie anders ist. Natürlich betreiben sie damit durchaus erfolgreich eine Spaltung auch unseres Landes in einen toleranten und mitfühlenden Teil und einen intoleranten, von Wut und Ängsten gesteuerten Teil. Freilich soll deren Lautstärke nicht über die Zahl dieser Ultrarechten hinwegtäuschen. Es sind viele, zu viele. Aber es sind längst nicht so viele wie diejenigen, die wenig Aufhebens von ihrem Engagement für Benachteiligte, Verfolgte, Arme und Schwache machen. Die ihre gelebte Toleranz und Hilfsbereitschaft nicht über Twitter oder irgendwelche Kommentarfunktionen hinauskrakeelen. Die an Verständnis glauben, an Miteinander, an sozialen Ausgleich, an Demokratie."

"El País", Spanien:

"Sofort, und mit verachtungswürdigem Opportunismus, hat die extreme fremdenfeindliche Rechte (...) die Asylpolitik von Angela Merkel für die Angriffe verantwortlich gemacht und sie beschuldigt, Blut an ihren Händen zu haben. (...) Es muss aber ganz deutlich gesagt werden, dass jene mit den blutbefleckten Händen nicht Angela Merkel oder Matteo Renzi sind, um nur einige der Politiker zu nennen, die mit ihrer Politik die Würde der europäischen Werte in der Mitte einer gigantischen Asylkrise aufrechterhalten haben. Sondern jene, die durch den Tod unschuldiger Landsleute an der Wahlurne profitieren wollen.(...) Wir sind überzeugt, dass Deutschland, eine demokratisch reife Gesellschaft und sich seiner Werte und Verantwortung bewusst ist, sich weder den Terroristen beugt, egal, welchen Preis sie fordern, noch jenen, die den Terror nutzen, um an die Macht zu kommen."

"Die Welt":

Titelseite "Die Welt"

Titelseite "Die Welt"

Dezent zeigt sich die "Welt" auf ihrer Titelseite. In schwarz-weiß präsentiert sie eine Seite aus dem Kondolenzbuch für die Opfer des Anschlags von Berlin - einige Zeilen von Kanzlerin Merkel, in denen sie ihr Mitgefühl mit den betroffenen Familien ausdrückt.

"Stuttgarter Zeitung":

"Der Anschlag wird diese Gesellschaft erschüttern. Aber sie ist trotz aller Differenzen stark genug, um darauf die richtige Antwort zu geben: Die Werte, für die wir stehen, können durch terroristische Akte getroffen werden - aber sie können nicht zerstört werden. Wäre es anders, hätte der Terror gesiegt. Das sind die Gedanken, die uns umtreiben müssen, sobald die Trauer über die Toten von Berlin den Platz dafür freigibt."

"Times", Großbritannien:

"Dies war nicht allein ein Anschlag gegen die Deutschen oder die westliche Welt. Es war ein Angriff auf die Gesellschaft, auf Familien, auf die Stabilität sowie auf Weihnachten und das Christentum. Das wichtigste Ziel des Terrorismus ist es, Schrecken zu verbreiten. Das ist nun gelungen, für kurze Zeit. (...) Die Bundeskanzlerin strebt im kommenden Jahr eine vierte Amtszeit an. Bislang war die unmittelbare Gefahr, die dabei von der Alternative für Deutschland (AfD) für sie ausgeht, noch relativ gering. Doch die Reihe von Übergriffen, die mit Flüchtlingen verbunden sind, hat der AfD Auftrieb gegeben. Besonders die sexuellen Tätlichkeiten am Silvesterabend vor einem Jahr in Köln, die anfangs von den Medien weitgehend ignoriert wurden, haben dazu geführt, dass viele Deutsche die Weisheit von Merkels Politik der offenen Tür bezweifeln und die wahrgenommene politische Korrektheit in Frage stellen."

"Berliner Morgenpost":

Titelseite "Berliner Morgenpost"

Titelseite "Berliner Morgenpost"

"Unversehens hat uns die Todesfahrt vom Breitscheidplatz das Weihnachtsfest mit seinem ursprünglichen Sinn nähergebracht. Was ist all der Geschenkewahn gegen den Wert einfachen, guten, sicheren Zusammenseins? 'Friede auf Erden', fordern die himmlischen Heerscharen, vor allem aber: 'Fürchtet euch nicht'. So lautet die ewig richtige Botschaft, Trost und Auftrag gleichermaßen. Die Weihnachtsgottesdienste werden voller sein, die Berliner werden, noch mehr als sonst, die Gemeinschaft ihrer Mitbürger suchen, und sei es nur für eine halbe Stunde. Ob in der Kirche, ob mit Freunden oder der Familie, menschliche Nähe kann, muss und wird die Berliner Weihnacht in diesem Jahr bestimmen."

"Tages-Anzeiger", Schweiz:

"Merkels Regierung hat auf die erhöhte Gefahr und die Kritik längst mit mehr Polizei, mehr Kontrolle und härteren Gesetzen reagiert, sodass von der einstigen 'Willkommenskultur' nicht mehr viel übrig geblieben ist. Sollte es in den kommenden Monaten dennoch zu weiteren Anschlägen kommen, kann eine Entwicklung eintreten, wie wir sie in Frankreich erlebt haben. Die französische Gesellschaft ist von der unausgesetzten Reihe islamistischer Attentate mittlerweile derart eingeschüchtert, dass der Kampf gegen den als Bedrohung empfundenen 'Islam' kaum noch Grenzen kennt und Grundrechte wie die Religionsfreiheit zu schleifen droht. Die Extremismen der einen und der anderen Seite schaukeln sich unentwegt hoch und schütteln die ratlose Mitte hin und her. Auf Dauer zerrüttet ein solcher Zustand eine Gesellschaft, politisch, aber auch was das Zusammenleben im Alltag angeht."

Cover Presseschau

Cover Presseschau

"Hamburger Morgenpost":

Die Hamburger Boulevardzeitung fordert ihre Leser auf der Titelseite auf, jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren.

"Der Standard", Wien:

"Es wird tausend Schuldzuweisungen geben und tausend Forderungen, was jetzt sofort zu tun sei. Vielleicht sind manche gar nicht schlecht - auch wenn sie von der Opposition kommen. Aber das wird die Herausforderung der kommenden Zeit für Merkel sein: abzuwägen - und dann zu entscheiden. Und sich nicht von den Scharfmachern provozieren zu lassen. (...) Die AfD ist für Merkel dabei nur eine Herausforderung. (...) Viel schwieriger wird für Merkel die Frage sein, ob sie ihre eigenen Truppen angesichts des schrecklichen Ereignisses bei der Stange halten kann. Seit Langem schon gärt es auch in der Union, die Konservativen ballen die Faust in der Hosentasche. So mancher wird jetzt eine Gelegenheit sehen, sich nicht so sehr gegen die AfD zu stellen, sondern lieber ein paar ihrer Forderungen zu übernehmen."

"Le Monde" und "Libération", Frankreich:

Titelseite "Le Monde"

Titelseite "Le Monde"

Die beiden französischen Tageszeitungen "Le Monde" und "Libération" sehen Deutschland tief erschüttert. Die konservative "Le Monde" titelt heute, Berlin sei mitten ins Herz getroffen. "Libération" schreibt, Deutschland sei in Trauer, und Berlin sei tief verletzt. Auf der Titelseite zeigt die Zeitung eine sichtlich verstörte Kanzlerin Angela Merkel

"Libération"-Cover

"Libération"-Cover

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