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21. Dezember 2016, 14:12 Uhr

Anis Amri

Was wir über den möglichen Täter wissen

Wer ist Anis Amri? Der Tunesier gilt nach dem Anschlag von Berlin als verdächtig. Alle bisher bekannten Fakten.

Nach dem Anschlag in Berlin mit einem Lkw gibt es einen neuen Verdächtigen: Das Bundeskriminalamt (BKA) fahndet öffentlich nach dem Tunesier Anis Amri in Zusammenhang mit dem Weihnachtsmarktanschlag in Berlin vom Montagabend.

Der Tunesier, der 1992 in der Stadt Tataouine geboren wurde, war seit Monaten im Visier mehrerer deutscher Sicherheitsbehörden. Er war als sogenannter Gefährder eingestuft worden - womöglich mit Bezug zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).

Nach SPIEGEL-Informationen sollen "Intensive Kontrollen der Person" angeordnet gewesen sein. Amri habe Kontakte zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Salafisten-Predigers Abu Walaa unterhalten und sei von der Polizei abgehört worden, berichteten Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR.

Wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte, hat die Berliner Justiz den Tatverdächtigen von März bis September 2016 observieren lassen. Auch seine Kommunikation sei überwacht worden. Die Ermittler wollten demnach Hinweisen nachgehen, wonach Amri einen Einbruch geplant hatte. Die Sicherheitsbehörden hätten ihre Erkenntnisse über ihn im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum ausgetauscht, zuletzt im November 2016.

"Dringender Tatverdacht"

Die Ermittler wurden auf Amri aufmerksam, weil ein Ausweisdokument mit seinem Namen unter dem Fahrersitz des Tatfahrzeugs gefunden wurde. Noch in einer Pressekonferenz am Nachmittag hatte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) gesagt, Amri werde gesucht, sei jedoch offiziell kein Verdächtiger.

Im jetzt veröffentlichten Fahndungsaufruf heißt es nun aber, das BKA suche im Auftrag des Generalbundesanwalts wegen "dringendem Tatverdacht" nach Amri, 24 Jahre alt, geboren in Tunesien. Der Gesuchte sei 178 cm groß, 75 Kilogramm schwer, habe schwarze Haare und braune Augen. Das BKA mahnt zur Vorsicht: Amri "könnte gewalttätig und bewaffnet sein". Für Hinweise, die zur Ergreifung des Beschuldigten führen, ist eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro ausgesetzt.

Bevor der Gesuchte 2015 nach Deutschland kam, war er offenbar bereits in seinem Heimatland Tunesien und in Italien als Straftäter verurteilt worden: Anis Amris Vater sagte dem tunesischen Radiosender Mosaique FM, sein Sohn habe in Italien vier Jahre im Gefängnis gesessen. Er war beschuldigt worden, in eine Brandstiftung verwickelt zu sein. In Tunesien soll er in Abwesenheit wegen schweren Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt worden sein, berichtet Mosaique FM unter Berufung auf tunesische Sicherheitskreise.

Gemeldet war Amri in einer Asylunterkunft in Emmerich am Niederrhein. Allerdings wechselte er offenbar mehrfach seinen Aufenthaltsort. Zudem benutzte er mehrere Aliasnamen: Ahmad Z. oder Mohamed H. aus Ägypten. Ein anderes Mal gab er an, aus dem Libanon zu stammen. In Berlin habe der Verdächtige seit Februar 2016 seinen Lebensmittelpunkt gehabt und sei zuletzt nur kurz in Nordrhein-Westfalen gewesen.

Vertraulichen Unterlagen zufolge sollte Anis Amri im Sommer abgeschoben werden. Er kam am 30. Juli in Ravensburg in Abschiebehaft, wurde zwei Tage später aber entlassen. Die Abschiebung wurde nicht durchgeführt, weil Amri keine gültigen Papiere hatte. Tunesische Behörden hätten zunächst bestritten, dass Amri tunesischer Staatsbürger sei.

ler/syd/eth/dpa

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