Pressestimmen zum Anschlag in Hanau "Es gibt hier ein politisches Problem. Zeit, das einzusehen"

Die Morde von Hanau, da sind sich die Kommentatoren am Tag nach dem Attentat einig, kamen nicht aus heiterem Himmel. Sie sehen vor allem einen Grund, warum Tobias R. zum Täter wurde.
"Kein Platz für Rassismus": Demonstration am Brandenburger Tor nach dem Attentat in Hanau

"Kein Platz für Rassismus": Demonstration am Brandenburger Tor nach dem Attentat in Hanau

Foto: Emmanuele Contini/ Getty Images

Ein Mann erschießt in Hanau zehn Menschen und tötet sich selbst. Der Generalbundesanwalt sieht "gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund". Die Bundeskanzlerin sagt: "Rassismus ist ein Gift. Hass ist ein Gift." Die Medien kommentieren das grausame Attentat so:

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Die Bluttaten kommen nicht aus dem hellblauen Nichts , sondern aus der Hölle des Hasses, der Verblendung und des Wahns. Die Täter glauben oder geben zumindest vor, mit dem Abschlachten von Menschen einer 'höheren' Sache zu dienen. Den ideologischen Überbau dafür, ob islamistischer, links- oder rechtsextremistischer Natur, liefern zahllose Hassprediger per Internet frei Haus.

Besonders leicht geht die Saat des Bösen bei jenen auf, die schon in einer Welt der Verschwörungstheorien leben, die psychisch instabil und gewaltbereit sind. Über die Äußerung des AfD-Vorsitzenden Meuthen, der Massenmord von Hanau sei 'weder rechter noch linker Terror', sondern 'die wahnhafte Tat eines Irren', kann man schon deswegen nur den Kopf schütteln. Es gibt keinen Terrorismus ohne Wahn. Auch Fremdenhass, der am Ende einer Radikalisierungsleiter zur Pistole greift, gehört dazu. Alle, die dieser Leiter mit 'Umvolkungs'- Fantasien und anderer Hetze Sprossen hinzufügen, tragen eine Mitverantwortung, wenn der Wahn zu einer Wahnsinnstat führt."

"Süddeutsche Zeitung", München:

"Ja, 'der' Staat muss die Bekämpfung des Rechtsextremismus  mit all seinen Erscheinungen viel intensiver betreiben als bisher. Synagogen und Moscheen müssen besser bewacht werden, solange die Gefährdung so groß ist.

Staatliches Handeln aber reicht nicht aus. Jeder und jede Einzelne steht in der Pflicht. Das fängt bei schlechten Witzen an und hört bei widerspruchslosem Hinnehmen von Alltagsrassismus nicht auf. Man muss die Dinge klar benennen, zum Beispiel: Wer die AfD wählt, stellt sich selbst in die rechte Ecke, weil er auch die Rechtsextremisten wählt, die es in dieser Partei gibt. Dieses Land und seine Gesellschaftsordnung, seine Menschen, egal ob aus Kaufbeuren, Edirne oder Krakau stammend, sind es wert, dass seine Bürger sie verteidigen - vor allem gegen jene, die mit Wort und manchmal mit Mord die Zeit zurückdrehen wollen."

"Handelsblatt", Düsseldorf:

"Trotz 16 Verfassungsschutzbehörden , trotz 16 Landeszentralen für politische Bildung, trotz unzähliger Programme gegen Rechtsextremismus gelingt es dem Staat nicht, dem Treiben Einhalt zu gebieten und die eigenen Gesetze durchzusetzen.

Das darf nicht so bleiben. Der Staat muss Gewalt von rechts wie von links mit aller Härte verfolgen. Er muss Handlungsfähigkeit beweisen. Es ist auch gut, dass der Generalbundesanwalt den Fall in Hanau sofort an sich gezogen hat. Es darf einfach nicht mehr sein, dass entrückte Bürger pöbeln, hetzen und morden können, ohne eine nachhaltige Reaktion zu erfahren.

Alles andere wird diese Gruppen nur in ihrer Aggressivität bestätigen, aus denen dann solche Taten wie in Hanau entstehen. Der Staat mag die Weltanschauung solcher Bürger nicht mehr verändern können. Aber er hilft durch das Verhalten des Wegsehens dabei, diese Denkmuster zu verfestigen."

"Tagesspiegel", Berlin:

"Der Grünenpolitiker Konstantin von Notz schrieb zu Hanau : 'Das vergiftete gesellschaftliche Klima ist der Nährboden für die rechtsterroristischen Strukturen, mordende Einzeltäter und Terroranschläge wie in Halle, Kassel und nun Hanau.' Nur, dass man - nach drei Mordanschlägen innerhalb von neun Monaten – kaum mehr von Einzeltaten sprechen kann. Es geht nicht nur um psychologische Verirrungen, es gibt hier ein politisches Problem. Zeit, das einzusehen.

Das Bekennerschreiben des Täters offenbart eine Sicht auf die Welt, in der die Ausländer, vor allem aus dem Süden, aus arabischen Ländern und der Türkei, an allem, was schlecht läuft, schuld sind. Das ist keinesfalls etwas, was Extremisten und Terroristen exklusiv behaupten.

Das ist etwas, was in Abstufungen bis in die Mitte der Gesellschaft hinein gedacht wird. Gift und Nährboden - beides ist da, und jede und jeder in diesem Land hat es mit in der Hand, ob die beiden zueinanderfinden und austreiben oder nicht."

"Die Welt", Berlin:

"Die AfD ist nicht an allem schuld, und vor allem kann man darüber diskutieren, welche Entwicklungen eine solche Partei überhaupt erst möglich gemacht haben. Aber dass es einen Zusammenhang gibt zwischen rechten Hasspredigern und rechtsextremen Gewalttaten, ist unbestreitbar."

"Stuttgarter Zeitung"

"Der Kampf gegen den Rassismus wird in den Parlamenten mit politischen Mitteln geführt, er muss auch auf der Straße mit polizeilichen Mitteln geführt werden. Aber er beginnt ganz woanders: in Sportvereinen und den Kirchen, in Jugendgruppen und Schulen, in Bürgerinitiativen und Betrieben. Manchmal beginnt er in der Warteschlange im Supermarkt. Rassismus darf nie dazugehören, und Rassisten müssen immer ausgegrenzt werden. Nur so trocknet der Nährboden des Terrors aus. Davon sind wir weit entfernt."

"Kölner Stadt-Anzeiger"

"Die extremistische Ideologie wird meist in der sogenannten Mitte der Gesellschaft ausgebrütet. Doch zur Waffe greifen dann vereinsamte Männer - nicht Frauen -, die scheinbar nichts mehr zu verlieren haben. Wer jetzt, wie einige AfD-Vertreter, die Zusammenhänge ignoriert und allein auf die Pathologisierung des Täters setzt, der tut dies mit Absicht. Die Bekämpfung des Extremismus, die sich auf das Entsetzen vieler Menschen stützen kann, darf nicht mehr bloß beschworen werden. Der Kampf muss nach Hanau - aber wahrlich nicht erst jetzt - mehr Breite und Tiefe gewinnen. Sonst geht er verloren."

"Der Standard", Wien:

"Der Selbsthass derer, die sich völkisch oder männlich zurückgesetzt fühlen, lebt vom Phantom der Gefahrenabwehr. Man wird sehen, ob die Auswertung der Hanauer Bekennerprosa neue Einsichten zutage fördern wird. Doch ist es endlich an der Zeit, von der Schimäre der Äquidistanz Abschied zu nehmen. Denn noch immer wird der Extremismus in Mitteleuropa in linke und rechte Anteile aufgespalten. (...) Die Ergebnisse einer solchen Geografie der Indifferenz kann man zurzeit in Thüringen besichtigen. Mithilfe der Mitte-Parteien wird der Rechtsextremismus durch die Hintertür auf das Parkett der gesetzgebenden Kammern gebeten. Gleichmacherei ist diesfalls Ausdruck von Hilflosigkeit. Sie stärkt bloß den rechts vom rechten Rand befindlichen Narrensaum."

oka/dpa

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