Stefan Kuzmany

Anschlag in Hanau Wahn und Kälte

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Der Attentäter von Hanau war offenbar psychisch krank. Trotzdem kann sein Anschlag nicht als Wahntat abgetan werden, denn sein Hass suchte ein Ziel. Die rassistische AfD hatte es im Angebot.
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CHRISTIAN MANG/ REUTERS

Und wieder suchen wir nach Worten. Wir trauern um die Opfer. Wir sprechen den Hinterbliebenen unser Mitgefühl aus, wir wünschen den Verletzten Genesung. Am Ende bleibt doch nur Fassungslosigkeit angesichts der sinnlosen Grausamkeit. Wie kann einer hingehen und auf Menschen schießen, einfach so? Was hat ihn angetrieben?

Der Generalbundesanwalt hat ein Motiv identifiziert: "Gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund". Die Bundeskanzlerin sagt: "Rassismus ist ein Gift. Hass ist ein Gift." Der Innenminister Horst Seehofer will die Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land verschärfen. Politiker aller Parteien äußern Entsetzen und stehen zusammen gegen rechten Terror.

Provokation und Distanzierung

Nur die AfD meint, es besser zu wissen. "Ist das wirklich noch das 2017 von der Merkel-CDU beschworene 'Deutschland in dem wir gut und gern leben'?", twittert der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski. Sein Bundesvorsitzender Jörg Meuthen schreibt: "Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren. Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat ist ein zynischer Fehlgriff." Dann ruft auch er zur Trauer auf.

Die Äußerungen dieser beiden als vergleichsweise "gemäßigt" geltenden AfD-Spitzenpolitiker sind Belege der Verantwortungslosigkeit ihrer Partei. Dem einen fällt nichts Besseres ein als eine widerliche Provokation, die auch nach mehrmaliger Lektüre keinerlei Sinn ergibt. Und der andere stellt sich an den Rand, als würde er zufällig einen Unfall beobachten, an dem er jedenfalls nicht beteiligt ist. Dabei ist beides wohl ursächlich für die Tat von Hanau: der Wahn und die Kälte.

Auf 24 Seiten hat der Attentäter von Hanau seine Weltsicht aufgeschrieben. Tobias R. war offensichtlich psychisch krank. Er wähnte sich seit dem Säuglingsalter überwacht von einer mächtigen Geheimorganisation, die bis ins Bewusstsein vordringen und Menschen steuern kann. Zudem schien er davon überzeugt, dass die Überwacher seine Ideen für so wertvoll hielten, dass sie diese detailliert umsetzten: Auf seinen Wunsch entstand ein Studiengang mit einer blonden Dozentin in Bayreuth, wurden DFB-Trainer eingesetzt, wurden Kriege in Afghanistan und im Irak geführt, Filme und Serien gedreht und entwickelte Donald Trump die Idee einer Mauer an der mexikanischen Grenze. Tobias R. hielt sich für ein Genie. Und er war ein Rassist. Ganze Völker hielt er für lebensunwürdig, Milliarden Menschen im Nahen Osten, in Asien und Afrika wollte er ohne Zögern auslöschen - einer kalten, kranken Logik folgend, nach der das "getan werden muss", weil diese das Fortkommen der Menschheit behinderten.

Die Projektionsfläche des Irrsinns

Nach allem, was wir bisher wissen, war Tobias R. kein in einer Kameradschaft vernetzter Rechtsterrorist. Er war ein nicht mehr ganz junger Mann, der wohl nie eine Freundin hatte und offenbar Stimmen im Kopf hörte. Und dennoch lässt sich sein Anschlag nicht abtun als die Tat eines Irren - denn sein Irrsinn brauchte eine Projektionsfläche, um eine Rechtfertigung für die reale Gewalttat konstruieren zu können. Bei manchen, ebenfalls offenbar psychisch kranken islamistischen Attentätern der Vergangenheit diente die Religion als rechtfertigende Projektionsfläche. Bei Tobias R. war es die rassistische Ideologie.

Wir werden Attentate wie die von Tobias R. nur verhindern können, wenn wir beide Probleme bekämpfen: Es muss in diesem Land bessere Hilfsangebote geben für Menschen, die in eine Wahnwelt abzurutschen drohen. Wir dürfen sie nicht sich selbst überlassen, bis sie womöglich gefährlich werden und schlimmstenfalls zu Mördern.

Und wir dürfen diejenigen sich nicht aus der Verantwortung stehlen lassen, deren Geschäft die Verunsicherung ist. Pazderskis Provokation ist nur das jüngste Beispiel für die Methode der AfD, mit Andeutungen, Verschwörungstheorien und krassen Lügen ein Zerrbild dieses Landes und dieser Gesellschaft zu zeichnen. In so einem Land sehen sich am Ende Verwirrte wie Tobias R. dazu genötigt, zur Waffe zu greifen, weil sie sich im allgemeinen Notstand wähnen. Wer ständig mit Begriffen wie "Messermigration" und "Bevölkerungsaustausch" hetzt, trägt Verantwortung dafür, wenn tatsächlich jemand zur Waffe greift und Bürger ermordet, die friedlich in einer Shishabar sitzen - nur weil sie in den Augen der Rassisten fremd aussehen.

Wenn wir mehr tun wollen als trauern, dann tun wir das: Helfen wir den Verwirrten. Und bekämpfen wir die Hassprediger.

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