Anti-Atom-Aktivist im Wendland 33 Jahre für den Protest

Er wurde mit Wasserwerfern beschossen, von der Polizei geknüppelt, festgenommen: Hermann Klepper protestiert seit 1977 gegen das Endlager in Gorleben. Er hat im Wendland die Grünen mit aufgebaut - heute hasst er sie.

Endlagergegner Hermann Klepper: "Polizisten, lasst euch nicht missbrauchen!"
Jörn Petring

Endlagergegner Hermann Klepper: "Polizisten, lasst euch nicht missbrauchen!"

Von , Gorleben


Hermann Klepper glaubt an Gott, das einfache Leben und den Widerstand gegen die Castor-Transporte. Am Donnerstag vor dem anstehenden Protestwochenende hat Klepper, 67, Bier gekauft und in der Scheune seines alten Bauernhauses Feuer gemacht. Es riecht nach Qualm, der Wind pfeift durch das offene Tor. Draußen, im verwilderten Garten, überwintern 30 Bienenvölker.

"Ich hasse die Grünen", sagt Klepper.

Einst hat Klepper die Partei im Wendland mit aufgebaut, doch nach dem Kosovo-Krieg und dem Atomkompromiss hat er sich mit ihr überworfen. "Schickimickis" nennt Klepper die Grünen von heute. "Die reden von Nachhaltigkeit und fliegen durch die Welt." Für Klepper bedeutet Grün auch im Grünen leben, deswegen ist er vor 43 Jahren schließlich ins Wendland gekommen.

1967 hat Hermann Klepper gerade sein Lehramtsstudium für Biologie und Deutsch an der Universität Göttingen absolviert. Während seine Kommilitonen in die Städte ziehen, sucht Klepper die Abgeschiedenheit von Lüchow-Dannenberg, wenige Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt.

Nirgends in Deutschland wohnen zu dieser Zeit mehr ältere Leute als hier. Es gibt kaum Industrie, keine Autobahn, die Natur kann sich frei entfalten. "Deswegen habe ich mich auf eine Stelle hier beworben", sagt Klepper. "Die haben mich natürlich mit Kusshand genommen."

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Atomstreit im Wendland: Rivalen auf engstem Raum
Er läuft Marathon durch den "Busch", fährt im Jahr 15.000 Kilometer Fahrrad, fotografiert Tiere und sammelt Pilze. Nichts stört die Einsamkeit der Elbe-Niederungen, erst recht kein Endlager - doch das ändert sich bald.

Am 22. Februar 1977 sitzt Klepper mit seiner ersten Frau vor dem Fernseher. Seit längerem ist bekannt, dass Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) an diesem Tag erklären wird, wo in Niedersachen ein Nukleares Entsorgungszentrum gebaut werden soll. Klepper traut seinen Augen nicht, als der Ministerpräsident mit dem Finger genau auf Gorleben zeigt.

"Gorleben hat mein Leben verändert"

Am nächsten Tag verteilt Klepper Flugblätter in der Schule, von seinem Rektor wird er dafür gerügt. Es beginnen bewegte Zeiten in Kleppers Leben. Er lernt seine zweite Frau kennen, nach der Katastrophe von Tschernobyl wird sein Protest radikaler. In den neunziger Jahren rollen die ersten Castor-Transporte auf Gorleben zu. Klepper wird geknüppelt, mit Wasserwerfern beschossen - und einmal sogar festgenommen.

Mit drei Mann wird Klepper in eine Zelle gebracht. Muss er aufs Klo, bringen ihn zwei Polizistinnen bis zum Klo. Erst am nächsten Morgen wird Klepper wieder freigelassen. "Gorleben hat mein Leben verändert", sagt Klepper. "Die Proteste geben mir einen Sinn, hier im Wendland zu sein."

Seit sieben Jahren ist der Lehrer frühpensioniert. Im Sommer wäre er beinahe an einer Lungenembolie gestorben. Er hatte zu viel für ein Fahrradrennen trainiert und zu wenig getrunken. Klepper lebt alleine auf seinem Bauernhof, für den Notfall hat er sich nun ein Auto geliehen. Doch zu den Demos fährt er wieder mit dem Fahrrad.

Zur Not schläft er draußen im Heu, das macht er sowieso am liebsten. Klepper wird sich auf die Straße setzen, wenn der Castor kommt. Und sein Schild hochhalten: "Schwarz-Gelbe Atommafia - korrupt und skrupellos!"

Mit der aktuellen Bundesregierung sei alles eingetreten, was die Menschen im Wendland befürchtet hätten. "Die haben sofort das Moratorium aufgehoben und die Castor-Transporte losgeschickt", sagt Klepper. Doch das machten die Leute rund um Gorleben nicht mehr mit. "Die Region wird aufstehen. Und dieses Mal werden die Proteste einen anderen Drive bekommen."

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Gluteusmaximus 02.11.2010
1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
Robert Rostock, 02.11.2010
2.
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
GyrosPita 02.11.2010
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
Eutighofer 02.11.2010
4. pseudo-religiöser Wahn
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
rehabilitant 02.11.2010
5. Reaktion
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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