Antimuslimische Gewalt Brandanschlag auf Moschee in Deutschland

Im baden-württembergischen Sinsheim haben Unbekannte einen Anschlag auf eine Moschee verübt. Dies ist der erste Fall eines Übergriffs auf eine muslimische Einrichtung in Deutschland, seit es in den Niederlanden zu einer Welle der Gewalt gegen Muslime gekommen ist. Nun hat sich Bundespräsident Köhler zu Wort gemeldet.


Sinsheim - Die Polizeidirektion Heidelberg teilte mit, der Brandsatz sei rund eine halbe Stunde nach Mitternacht geworfen worden und habe die Glasscheibe über der hölzernen Tür der Moschee zerstört. Die Tür sei von der brennenden Flüssigkeit beschädigt worden. Die Flammen wurden von der Frau des Imams entdeckt und mit einem Eimer Wasser gelöscht. Das Paar wohnt in dem Gebäude. Verletzt wurde niemand.

Ein politischer Hintergrund könne nicht ausgeschlossen werden, sagte ein Polizeisprecher. Ein Bekennerschreiben ging den Angaben zufolge zunächst nicht ein. Bei der Gemeinde der Fatih-Moschee handele es sich um eine Gruppierung gemäßigter Muslime, erklärte der Sprecher. Sie gehöre der "Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion" (Diyanet Isleri Türk-Islam Birligi/DITIB) an. "Die Gemeinde ist noch nie polizeilich in Erscheinung getreten", sagte der Polizeisprecher. Drohungen gegen die Fatih Moschee in Sinsheim seien nicht bekannt.

Das Staatsschutzdezernat sowie das Landeskriminalamt Baden-Württemberg übernahmen die Ermittlungen. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte der Sprecher. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg leitete ein Verfahren wegen schwerer Brandstiftung ein. Der Sachschaden wurde mit rund 10.000 Euro angegeben. Der Innenraum der Moschee sei nicht in Mitleidenschaft gezogen worden.

Das baden-württembergische Landeskriminalamt ging zunächst von einer Einzeltat aus. Sprecher Horst Haug sagte in Stuttgart, das Landeskriminalamt habe die Vorgänge in Holland sehr sorgfältig beobachtet. Bisher gebe es aber keine Hinweise auf vergleichbare Aktivitäten im Südwesten.

Zuletzt hatte es im November 2002 einen Brandanschlag auf eine türkische Moschee in Wolfenbüttel gegeben. Sieben junge Männer im Alter zwischen 16 und 22 Jahren hatten damals Molotowcocktails auf das Gebäude geworfen. Sie waren zu Freiheits- und Bewährungsstrafen verurteilt worden.

Köhler: falsch verstandene Toleranz

Bundespräsident Horst Köhler hat sich in die Integrationsdebatte eingeschaltet. In Berlin sagte er, über das Zusammenleben von Christen und Muslimen müsse geredet werden. "Da ist etwas schief gegangen." Toleranz sei falsch verstanden worden. Dadurch sei die Möglichkeit geschaffen worden, dass sich islamistische Kräfte entwicken könnten. Die Debatte dürfe aber nicht dramatisiert werden.

Die Union will politischen Islamismus und seine Bekämpfung zum Thema im Bundestag machen. Die Debatte darüber gehöre ins Parlament, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Hartmut Koschyk. Mit zwei mündlichen Anfragen will Koschyk von der Bundesregierung Aufklärung über die angebliche deutsche Spur im Fall des ermordeten niederländischen Filmregisseurs Theo van Gogh bekommen.

Der Berliner Integrationsbeirat forderte eine Versachlichung der Debatte. Die islamischen Gemeinschaften müssten islamistische Gruppen isolieren und ihnen öffentlich entgegentreten.



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