Umfrage Mehrheit der Deutschen hält Antisemitismus für weitverbreitetes Problem

Mehr als 60 Prozent der Befragten einer neuen Umfrage sind der Ansicht, dass Antisemitismus in Deutschland zuletzt stark zugenommen hat. Laut der Studie hegen vor allem Muslime und Anhänger der AfD antisemitische Vorurteile.
Teilnehmer einer Demonstration in Berlin verbrennen eine selbst gemalte Fahne mit dem Davidstern (Aufnahme vom Dezember 2017)

Teilnehmer einer Demonstration in Berlin verbrennen eine selbst gemalte Fahne mit dem Davidstern (Aufnahme vom Dezember 2017)

Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. / dpa

Eine Mehrheit der Menschen in Deutschland hält Antisemitismus für ein weit verbreitetes Phänomen in der Gesellschaft. Das ergab eine am Dienstag vorgestellte Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des American Jewish Committee (AJC) Berlin .

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zeigte sich erfreut über die »deutliche Verbesserung des Problembewusstseins«, forderte aber zugleich einen engagierten Kampf gegen alle Facetten des Judenhasses an.

In der Umfrage stimmten 60 Prozent der Teilnehmenden der Aussage zu, dass Antisemitismus in Deutschland »ein weit verbreitetes Problem« sei. Klein betonte, bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren hätten dies nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung so gesehen.

64 Prozent äußerten in der aktuellen Erhebung zudem die Ansicht, dass der Antisemitismus in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren zugenommen habe. 73 Prozent stimmten der Aussage zu, dass es sich dabei um ein Problem für die »Gesellschaft als Ganzes« handele. Lediglich acht Prozent meinten, Antisemitismus sei »nur ein Problem der Juden«.

52 Prozent der Teilnehmenden erklärten, ihrer Meinung nach werde hierzulande in einem angemessenen Umfang über das Phänomen gesprochen. 31 Prozent fanden, es werde zu wenig darüber geredet, 17 Prozent erklärten, es werde zu häufig thematisiert.

Die Studie zeige, dass die Arbeit von Organisationen wie dem AJC zur »Bewusstseinsbildung« beigetragen habe, lobte Klein. Mittlerweile erkenne ein »bedeutsamer Teil« der Bevölkerung Antisemitismus als gravierendes Problem an.

Mit Sorge blickte Klein allerdings auf den Teil der Umfrage, in der es um die Verbreitung antisemitischer Ressentiments in der Bevölkerung geht. So stimmten etwa 64 Prozent der Befragten der Aussage zu, »Die Juden halten eng zusammen«. 34 Prozent meinten, dass Juden ihren Status als Opfer des Holocaust »zu ihrem eigenen Vorteil« ausnutzten. 23 Prozent äußerten die Ansicht, dass Juden »zu viel Macht in der Wirtschaft und im Finanzwesen« hätten.

»Antisemitismus betrifft alle Milieus und Gruppen der Gesellschaft«, betonte Klein. Daher bedürfe auch der Kampf dagegen »vieler Facetten«. Es müsse »vor wirklich jeder Haustür« gekehrt werden. »Wir müssen Judenhass aus jeder Richtung bekämpfen.«

Klein wies zugleich darauf hin, dass in der Umfrage zwei Gruppen besonders auffällig waren: »Religiös praktizierende Muslime und der rechtspopulistische Rand fallen mit hohen Zustimmungswerten zu antisemitischen Aussagen deutlich heraus.«

Der Aussage, dass Juden ihren Status als Opfer des Holocaust ausnutzten, stimmten 48 Prozent der befragten Anhänger der AfD zu und 54 Prozent der muslimischen Befragten. Einen angeblich zu großen Einfluss von Juden in Wirtschaft- und Finanzwelt sahen 39 Prozent der AfD-Anhänger und 49 Prozent der Muslime.

Für die Studie hatte das Institut für Demoskopie Allensbach im Dezember 2021 und Januar 2022 insgesamt 1586 Menschen befragt.

als/AFP