Jüdischer CDU-Politiker "Wir müssen die Antisemiten herauslocken"

In Berlin kommt es immer wieder zu antisemitischen Übergriffen. Der jüdische CDU-Politiker Mike Delberg erzählt, wie er mit der Bedrohung umgeht - und warum er jetzt erst recht in der Öffentlichkeit Kippa trägt.

Zeichen gegen Antisemitismus: Mike Delberg hat vor einigen Monaten angefangen, in der Öffentlichkeit Kippa zu tragen
Doris Spiekermann-Klaas/ Tagesspiegel/ imago images

Zeichen gegen Antisemitismus: Mike Delberg hat vor einigen Monaten angefangen, in der Öffentlichkeit Kippa zu tragen

Ein Interview von Sophie Madeleine Garbe


Zur Person
    Mike Delberg wurde 1989 in Berlin geboren. Er sitzt im Vorstand der CDU Moabit und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag. Delberg engagiert im Jüdischen Sportverband "Makkabi" und ist Repräsentant der Jüdischen Gemeinde Berlins. In dieser Funktion setzt er sich gegen Antisemitismus ein und war zum Beispiel Mitveranstalter der Kundgebung "Berlin trägt Kippa", mit der auf den Angriff auf einen Kippa-tragenden Israeli in Berlin reagiert wurde.

SPIEGEL: Herr Delberg, die Zahl antisemitischer Übergriffe steigt. Erst kürzlich wurde in Berlin wieder ein Mann angegriffen, weil er sich mit Freunden auf Hebräisch unterhielt. Wie gehen Sie mit dem zunehmenden Antisemitismus um?

Delberg: In meinen Freundeskreis höre ich ständig von solchen Vorfällen, von Beleidigungen oder sogar körperlichen Übergriffen. Und dazu kommt ja noch die Dunkelziffer. Ich habe mich entschlossen, sehr offensiv damit umzugehen und angefangen, in der Öffentlichkeit stets Kippa zu tragen. Bisher habe ich damit zum Glück nur positive Erfahrungen gemacht. Viele Leute kommen auf mich zu und stellen mir Fragen. Nur meine Familie hält mich für verrückt.

SPIEGEL: Weil sie sich Sorgen macht?

Delberg: Genau. Ich verstehe auch, dass meine Eltern besorgt sind. Aber die Kippa zu tragen ist für mich der richtige Weg, ein bisschen jüdischen Alltag auf die Straßen Berlins zu bringen. Die Leute müssen einfach mehr mit jüdischem Leben in Berührung kommen. In Deutschland assoziiert man Juden immer nur mit Holocaust, Israel und Antisemitismus. Ich will zeigen: Es gibt auch ein modernes und entspanntes Judentum, das auch mal eine Currywurst isst und am Freitag trotz Sabbat feiert. Wir Juden wollen nichts Besonderes sein. Wir wollen einfach zur Normalität gehören.

SPIEGEL: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat vor einigen Monaten davon abgeraten, immer und überall Kippa zu tragen, weil es zu unsicher sei.

Delberg: Der richtige Weg gegen Antisemitismus ist nicht, die Juden zu verstecken. Wir müssen eher die Antisemiten herauslocken und sie öffentlich an den Pranger stellen. Dazu gehört für mich zum Beispiel auch, jeden antisemitischen Kommentar und jede Nachricht im Netz anzuzeigen. Das ist auch ein Problem: Antisemitismus wird oft als Kavaliersdelikt behandelt. Die Leute haben deshalb keine Angst vor Konsequenzen.

SPIEGEL: Braucht es härtere Strafen?

Delberg: Ein wichtiger Schritt bei der Bekämpfung von Antisemitismus wäre schon die volle Ausschöpfung der rechtlichen Möglichkeiten. Die Leute müssen verstehen, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Wir Juden können das nicht alles allein schultern.

SPIEGEL: Bei den Landtagswahlen ist die AfD in Brandenburg und in Sachsen zweitstärkste Kraft geworden. Wie ist es für Sie, dass eine Partei so erfolgreich ist, deren Vertreter die NS-Zeit als "Vogelschiss der deutschen Geschichte" bezeichnen?

Antisemitische Übergriffe in Deutschland
    Die Anzahl antisemitischer Übergriffe hat in den vergangenen Jahren zugenommen. 2018 verzeichnete das Bundesinnenministerium 1799 antisemitische Vergehen, 2017 waren es noch rund 1500. Die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin" registrierte ebenfalls einen Anstieg: Allein in der Hauptstadt zählte sie im letzten Jahr 1083 Vorfälle, bei 46 davon kam es auch zu körperlichen Angriffen. Experten gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. Untersuchungen der TU Berlin zeigen zudem: Auch im Internet hat die Bereitschaft stark zugenommen, antisemitische Einstellungen offen zu zeigen. Laut der Studie ist Judenfeindlichkeit inzwischen nicht nur omnipräsent im Internet, auch inhaltlich sind die Anfeindungen demnach radikaler geworden.

Delberg: Der Erfolg der AfD beunruhigt mich sehr. Wenn die AfD all ihre Ziele umsetzen würde, wäre ein normales jüdisches Leben in Deutschland nicht möglich. Die Jüdische Gemeinschaft weist schon länger darauf hin, dass die AfD nicht als vorübergehendes Phänomen abgetan werden darf. Gerade wir Juden haben aus der Geschichte gelernt: Wenn solche Menschen immer populärer werden und nach der Macht greifen, sollten bei allen die Alarmglocken läuten.

SPIEGEL: Wie sollte man gegensteuern?

Delberg: Viele AfD-Wähler haben ganz normale Existenzängste und fühlen sich von der AfD gehört. Mit diesen Leuten muss man mehr sprechen, so wie auch Michael Kretschmer das im Wahlkampf getan hat. Die Politik muss die Ängste der Menschen ernst nehmen und darf nicht jede Sorge, die mit Migration zu tun hat, als rechts oder rassistisch abtun. Damit wurden viele Leute erst recht in die Arme der AfD getrieben.

SPIEGEL: Ist es für Sie persönlich kein Widerspruch, um die Stimmen von Wählern zu werben, die bereit waren, über antisemitische Aussagen mindestens hinwegzusehen?

Delberg: Natürlich gibt es AfD-Anhänger, die Rassismus und Antisemitismus in sich tragen und diese mit Hilfe der AfD ausleben. Diese Leute will ich gar nicht zurückgewinnen. Es gibt aber auch viele, die keinen Hafen bei den demokratischen Parteien finden. Denen erscheint die AfD als einzige Alternative. Und da sie nicht zu einer Minderheit gehören, haben die Parolen der AfD auch keine Auswirkungen auf ihren persönlichen Alltag. Diese Leute kann und sollte man zurückgewinnen.

SPIEGEL: Auf kommunaler Ebene haben CDU und AfD mancherorts schon zusammengearbeitet. Wie denken Sie darüber?

Delberg: Es ist eigentlich ganz einfach: Es darf für die CDU keine Zusammenarbeit mit der AfD geben. Wie wichtig diese Haltung ist, muss man unbedingt auch Mitgliedern klar machen, die in der Kommunalpolitik aktiv sind. Je mehr Akzeptanz eine solche Partei erfährt, desto leichter kann sie in der politischen Landschaft Wurzeln schlagen. Wir können den Aufstieg der AfD noch aufhalten. Aber das geht nur, wenn wir klare Grenzen ziehen. Und das hat die Parteispitze ja auch genauso gemacht.

SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat der Erfolg der AfD auf die jüdische Gemeinschaft?

Delberg: Die AfD bricht Tabus und versucht, die Grenzen des Sagbaren neu festzulegen. Das halte ich für sehr gefährlich. Die Auswirkungen können wir gerade in jüdischen Institutionen beobachten. Vor zehn Jahren waren diese auch schon mit antisemitischem Hass konfrontiert, aber fast immer anonym. Heute hetzen die Leute mit Adresse und vollem Namen. Das ist denen total egal. Die denken einfach, das ist okay. Gerade in AfD-Kreisen.

SPIEGEL: Wie oft sind Sie selbst in Ihrem Alltag mit Antisemitismus konfrontiert?

Delberg: Täglich. Ich bin in mehreren jüdischen Verbänden aktiv, und da kriege ich sehr viel mit. Manche Leute schicken mir tatsächlich Briefe nach Hause. Und natürlich bekomme ich auch Nachrichten über Facebook oder Instagram: Fuck Israel, alle Juden sollen brennen und sowas. Judenhass ist sehr präsent in meinem Leben.

SPIEGEL: Gab es schon eine Situation, in der Sie wirklich Angst hatten?

Delberg: Mehrfach. Der schlimmste Moment war, als ich mit Anfang 20 einen Brief von der Polizei bekam, dass ich und meine Jüdische Studierendenunion auf einer Liste des NSU gefunden wurden. Die wussten, wer wir sind. Die kannten sogar meine Adresse. Da dachte ich zum ersten Mal, dass ich mich vielleicht doch zurückziehen sollte. Aber inzwischen denke ich, dass Verstecken der falsche Weg ist. Wenn sie dich finden wollen, finden sie dich sowieso. Ich glaube, es ist egal, welche jüdische Person man in Deutschland fragt: Jede einzelne war vermutlich schon mit Antisemitismus konfrontiert.

SPIEGEL: Also können Juden gar nicht in Deutschland leben, ohne Antisemitismus zu erleben?

Delberg: Antisemitismus ist ein Teil unserer Realität. Wenn wir in unsere Synagogen oder Schulen gehen, müssen wir durch Sicherheitsschleusen. Jedes jüdische Kind wächst damit auf. Wir kannten die Wachmänner vor unseren Schulen mit Namen. Die waren eben Teil unseres Lebens. Wir sind leider noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem eine jüdische Person hier ein komplett normales Leben führen kann. Ich lebe trotz allem gerne in Deutschland. Aber genau weil ich hier meine Heimat und meine Zukunft sehe, will ich etwas ändern.



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